AnyDVD und der Kopier­schut – oder: Zita­te per Link

Sind in einem im Inter­net ver­öf­fent­lich­ten, sei­nem übri­gen Inhalt nach dem Schutz der Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit unter­fal­len­den Bei­trag elek­tro­ni­sche Ver­wei­se (Links) auf frem­de Inter­net­sei­ten in der Wei­se ein­ge­bet­tet, dass sie ein­zel­ne Anga­ben des Bei­trags bele­gen oder die­se durch zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen ergän­zen sol­len, so wer­den auch die­se Ver­wei­se von der Pres­se- und Mei­nungs­frei­heit umfasst.

AnyDVD und der Kopier­schut – oder: Zita­te per Link

Gegen den mit einem Link auf ein Kopier­schutz­pro­gramm ver­se­he­nen Bericht hier­über in einem Online­por­tal steht den Inha­bern von Urhe­ber­rech­ten, die ggfs. durch den Ein­satz die­ses Kopier­schutz­pro­gramms ver­letzt wer­den könn­ten – gegen den Betrei­ber des Inter­net­por­tals ein Unter­las­sungs­an­spruch unter dem Gesichts­punkt der Teil­neh­mer­haf­tung nach § 823 Abs. 2, § 830 Abs. 2 BGB in Ver­bin­dung mit § 95a Abs. 3 UrhG jeden­falls des­halb nicht zu, weil die bean­stan­de­ten Hand­lun­gen des beklag­ten Ver­la­ges vom Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung1 und freie Bericht­erstat­tung2 umfasst wer­den.

In der Vor­in­stanz hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen3 die Haf­tung des Ver­la­ges damit begrün­det, er habe vor­sätz­lich zu einem – jeden­falls dro­hen­den – Ver­stoß von Sly­Soft (dem Her­stel­ler des in dem Arti­kel bespro­che­nen Kopier­schutz­pro­gram­mes AnyDVD) gegen § 95a Abs. 3 UrhG Bei­hil­fe geleis­tet. Den (dro­hen­den) Ver­stoß von Sly­Soft hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen dar­in gese­hen, dass der Inhalt der Inter­net­sei­ten der Fa. Sly­Soft gegen das Ver­bot ver­sto­ße, Erzeug­nis­se zur Umge­hung von Kopier­schutz­maß­nah­men zu ver­brei­ten. Der Beklag­te habe die­sen Ver­stoß geför­dert, indem er einen Link auf die­sen Inter­net­auf­tritt gesetzt habe, von der eine auto­ma­ti­sche Wei­ter­lei­tung zu der deutsch­spra­chi­gen Sei­te bestan­den habe. Das für den Teil­neh­mer­vor­satz erfor­der­li­che Bewusst­sein der Rechts­wid­rig­keit erge­be sich hin­sicht­lich des Pres­se­ar­ti­kels vom 19.01.2005 zwin­gend bereits dar­aus, dass in ihm das Ange­bot von AnyDVD selbst als rechts­wid­rig bezeich­net wor­den sei, indem dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den sei, AnyDVD hebe­le rei­hen­wei­se die Ver­fah­ren aus, die die Indus­trie (zum Kopier­schutz) ein­set­ze; dies sei unter ande­rem in Deutsch­land ver­bo­ten. Hin­sicht­lich der Bei­trä­ge vom 28.01.und 9.02.2005 hät­ten die Abmah­nun­gen der Klä­ge­rin­nen vom 20. und 28.01.2005 das Bewusst­sein der Rechts­wid­rig­keit her­bei­ge­führt.

Eine Recht­fer­ti­gung nach Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen mit der Begrün­dung abge­lehnt, bei der allein streit­ge­gen­ständ­li­chen Link­set­zung han­de­le es sich nicht um eine Mei­nungs­äu­ße­rung im Sin­ne die­ser Vor­schrift; viel­mehr gehö­re sie als tech­ni­sche Unter­stüt­zungs­leis­tung einer gänz­lich ande­ren Kate­go­rie an und unter­fal­le daher allein dem Gewähr­leis­tungs­be­reich der Pres­se­frei­heit nach Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG. Bei der nach Art. 5 Abs. 2 GG gebo­te­nen Abwä­gung über­wie­ge das Inter­es­se der Klä­ge­rin­nen am Schutz der ihnen zuste­hen­den urhe­ber­recht­li­chen Rechts­po­si­tio­nen. Im Rah­men der Abwä­gung sei zu beach­ten, dass das Wesent­li­che eines Links nicht die Mit­tei­lung einer Infor­ma­ti­on sei – etwa der Adres­se des Inter­net­auf­tritts, auf den ver­wie­sen wer­de , son­dern der davon zu unter­schei­den­de zusätz­li­che Ser­vice, den Nut­zer unmit­tel­bar mit die­ser Web­site zu ver­bin­den. Dies eröff­ne eine neue Dimen­si­on, die über die eigent­li­che redak­tio­nel­le Bericht­erstat­tung hin­aus­ge­he und im Off­line­Be­reich kein Äqui­va­lent habe. Die mit dem Ver­bot des streit­ge­gen­ständ­li­chen Links ver­bun­de­ne Ein­schrän­kung der Pres­se­frei­heit betref­fe nur den Aspekt, die Ver­bin­dung zur frag­li­chen Web­site zu ermög­li­chen. Inso­weit gehe es nicht um die Mit­tei­lung von Mei­nun­gen oder Tat­sa­chen zur Mei­nungs­bil­dung, die in den Schutz­be­reich der Mei­nungs­frei­heit fal­le und deren Rah­men­be­din­gun­gen dem Kern­be­reich der Medi­en­frei­heit zuzu­ord­nen sei­en, son­dern um die weni­ger zen­tra­le Fra­ge, wel­chen Ser­vice ein Medi­en­un­ter­neh­men über die Infor­ma­ti­ons­ver­schaf­fung hin­aus erbrin­gen dür­fe. Der Link die­ne ledig­lich der Ergän­zung der redak­tio­nel­len Bericht­erstat­tung.

Aus­schlag­ge­bend sei im Streit­fall, dass der Beklag­te in Kennt­nis der Rechts­wid­rig­keit des Ange­bots von Sly­Soft und damit vor­sätz­lich gehan­delt habe. Jeden­falls wenn Ver­let­zun­gen urhe­ber­recht­li­cher Schutz­ge­set­ze wie im Streit­fall gewerbs­mä­ßig und in erheb­li­chem Umfang erfolg­ten, recht­fer­tig­ten weder der grund­recht­li­che Schutz der Medi­en im All­ge­mei­nen noch die beson­de­re Metho­de der Link­set­zung für den Online-Jour­na­lis­mus eine vor­sätz­li­che Unter­stüt­zung der Rechts­ver­let­zung.

Die­se Erwä­gun­gen des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen unter­lie­gen schon im Aus­gangs­punkt durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken. Die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen, es sei bei der recht­li­chen Beur­tei­lung der bean­stan­de­ten Bei­trä­ge des Beklag­ten streng zwi­schen der – sich von dem Ange­bot der Sly­Soft distan­zie­ren­den und daher grund­sätz­lich als zuläs­sig anzu­se­hen­den – redak­tio­nel­len Bericht­erstat­tung als sol­cher und der4 Link­set­zung zu unter­schei­den, wird dem Gewähr­leis­tungs­ge­halt der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit nach Art. 6 EUV, Art. 11 Abs. 1 und 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on5, Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und 2 GG nicht in dem gebo­te­nen Maße gerecht.

Die Vor­schrift des § 95a UrhG beruht auf Art. 6 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft. Nach Art. 8 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie haben die Mit­glied­staa­ten bei Ver­let­zun­gen der in der Richt­li­nie fest­ge­leg­ten Rech­te und Pflich­ten ange­mes­se­ne Sank­tio­nen und Rechts­be­hel­fe vor­zu­se­hen und alle not­wen­di­gen Maß­nah­men zu tref­fen, um deren Anwen­dung sicher­zu­stel­len. Die betref­fen­den Sank­tio­nen müs­sen wirk­sam, ver­hält­nis­mä­ßig und abschre­ckend sein. Bei der Aus­le­gung der Richt­li­nie sowie des ihrer Umset­zung die­nen­den natio­na­len Rechts (§ 95a UrhG) sind nach Art. 51 Abs. 1 Satz 1 EU-Grund­rech­te­char­ta die in die­ser nie­der­ge­leg­ten Grund­rech­te zu beach­ten6. Die Grund­rech­te auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung und auf freie Bericht­erstat­tung7 dür­fen nur unter Beach­tung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes ein­ge­schränkt wer­den8.

Der Schutz der Pres­se­frei­heit umfasst eben­so wie der Schutz der Mei­nungs­frei­heit das Recht, den Gegen­stand einer Bericht­erstat­tung frei zu wäh­len. Inhalt und Qua­li­tät der ver­mit­tel­ten Infor­ma­ti­on oder Mei­nung sind für die Anwen­dung von Art. 11 EUGrund­rech­te­char­ta ohne Belang9. Es ist daher ins­be­son­de­re nicht Auf­ga­be der Gerich­te zu ent­schei­den, ob ein bestimm­tes The­ma über­haupt berich­tens­wert ist oder nicht10, NJW 2001, 1921, 1922; AfP 2010, 365 Rn. 29)). Der Grund­rechts­schutz umfasst die Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit in sämt­li­chen Aspek­ten. Er erstreckt sich nicht nur auf den Inhalt, son­dern auch auf die Form der Mei­nungs­äu­ße­rung oder Bericht­erstat­tung11; zum Recht auf freie Pres­se­be­richt­erstat­tung gehört gleich­falls neben der inhalt­li­chen die for­ma­le Gestal­tungs­frei­heit12.

Der bean­stan­de­te Link in den Bei­trä­gen des Beklag­ten auf die Inter­net­sei­te von Sly­Soft gehört in die­sem Sin­ne zum nach Art. 11 EUGrund­rech­te­char­ta, Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und 2 GG geschütz­ten Bereich der frei­en Bericht­erstat­tung. Er beschränkt sich nicht, wie das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen ange­nom­men hat, auf eine bloß tech­ni­sche Erleich­te­rung für den Auf­ruf der betref­fen­den Inter­net­sei­te. Wie auch das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen im Ansatz nicht ver­kannt hat, erschließt ein Link ver­gleich­bar einer Fuß­no­te zusätz­li­che Infor­ma­ti­ons­quel­len13. Indem das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen die­sen infor­ma­ti­ons­ver­schaf­fen­den Cha­rak­ter des Links auf der einen Sei­te und sei­ne in der Erleich­te­rung des Auf­rufs der ver­link­ten Inter­net­sei­te bestehen­de tech­ni­sche Funk­ti­on auf der ande­ren Sei­te als zwei geson­dert zu wür­di­gen­de Aspek­te betrach­tet, berück­sich­tigt es nicht hin­rei­chend, wel­che Bedeu­tung den vom Beklag­ten gesetz­ten Links auf frem­de Inter­net­sei­ten nach dem Gesamt­ein­druck der bean­stan­de­ten Bei­trä­ge vom 19. und 28.01.sowie vom 9.02.2005 für das Recht auf freie Bericht­erstat­tung zukommt.

Die in dem Bei­trag vom 19.01.2005 ver­wen­de­ten Links sol­len, wie für den Leser schon aus dem Bei­trag selbst ersicht­lich ist, wei­te­re Infor­ma­tio­nen über das Unter­neh­men Sly­Soft, über UnCDs, die in dem Bei­trag genann­ten Kopier­schutz­pro­gram­me ARc­cOS und Set­tec AlphaDVD sowie über die Rege­lung des § 95a UrhG zugäng­lich machen. Sie die­nen im Zusam­men­hang des gesam­ten Bei­trags damit ent­we­der als Beleg für ein­zel­ne aus­drück­li­che Anga­ben oder sol­len die­se durch zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen ergän­zen. Das­sel­be gilt für die Links in den Bei­trä­gen vom 28.01.und 9.02.2005. So wird bei­spiels­wei­se in dem Bei­trag vom 9.02.2005 mit dem Link auf die Ver­ein­ba­rung zwi­schen der DDB und dem Bun­des­ver­band der pho­no­gra­phi­schen Wirt­schaft sowie dem Bör­sen­ver­ein des deut­schen Buch­han­dels nicht nur belegt, dass eine sol­che Ver­ein­ba­rung tat­säch­lich geschlos­sen wor­den ist, son­dern es wird ergän­zend deren genau­er Inhalt zugäng­lich gemacht. Die­sel­be Funk­ti­on haben in die­sem Bei­trag die Links auf den von den Klä­ge­rin­nen bean­stan­de­ten Bei­trag vom 19.01.2005 und auf deren dage­gen gerich­te­te Abmah­nung.

Die Links in den Bei­trä­gen des Beklag­ten erschöp­fen sich dem­nach nicht in ihrer tech­ni­schen Funk­ti­on, den Auf­ruf der ver­link­ten Sei­ten zu erleich­tern. Sie sind viel­mehr in die Bei­trä­ge und in die in ihnen ent­hal­te­nen Stel­lung­nah­men als Bele­ge und ergän­zen­de Anga­ben ein­ge­bet­tet und wer­den schon aus die­sem Grund nicht nur vom Gewähr­leis­tungs­ge­halt der Pres­se­frei­heit, son­dern auch von der Mei­nungs­frei­heit erfasst14, NJWRR 2010, 470 Rn. 58 f.)). Der vom Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen ange­führ­te Umstand, dass die durch die Link­set­zung zugäng­lich gemach­ten Infor­ma­tio­nen auch im Wege der15 Bericht­erstat­tung ver­mit­telt wer­den könn­ten, also auch durch unmit­tel­ba­re Wie­der­ga­be in dem ent­spre­chen­den Bei­trag, steht dem nicht ent­ge­gen, da – wie dar­ge­legt – zum einen der Schutz der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit auch die äuße­re Form der Bericht­erstat­tung umfasst und es zum ande­ren wegen des Selbst­be­stim­mungs­rechts des jewei­li­gen Grund­rechts­trä­gers die­sem über­las­sen blei­ben muss, wel­che Form der Gestal­tung er für sei­ne Bericht­erstat­tung wählt. Auch die Ent­schei­dung dar­über, ob wei­te­re Anga­ben über ein Unter­neh­men und die Pro­duk­te16, über sei­ne in einem grund­sätz­lich in den Schutz­be­reich der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit fal­len­den Bei­trag berich­tet wird, aus­drück­lich in den Bei­trag auf­ge­nom­men oder mit Hil­fe eines Links auf die Inter­net­sei­te die­ses Unter­neh­mens zugäng­lich gemacht wer­den, genießt folg­lich den Grund­rechts­schutz.

Die Inter­es­sen­ab­wä­gung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen kann schon aus die­sem Grund kei­nen Bestand haben. Sie ist dar­über hin­aus aus Rechts­grün­den zu bean­stan­den, weil das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen dem Umstand, dass der Beklag­te Kennt­nis von der Rechts­wid­rig­keit des Ange­bots der Sly­Soft hat­te, ein zu gro­ßes Gewicht bei­gemes­sen hat.

Der Schutz der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit umfasst auch Infor­ma­tio­nen, die Drit­te belei­di­gen, aus der Fas­sung brin­gen oder sonst stö­ren kön­nen17. Grund­sätz­lich darf daher auch über Äuße­run­gen, durch die in rechts­wid­ri­ger Wei­se Per­sön­lich­keits­rech­te Drit­ter beein­träch­tigt wor­den sind, trotz der in der Wei­ter­ver­brei­tung lie­gen­den Per­p­etu­ie­rung oder sogar Ver­tie­fung des Erst­ein­griffs berich­tet wer­den, wenn ein über­wie­gen­des Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se besteht und der Ver­brei­ter sich die berich­te­te Äuße­rung nicht zu eigen macht18, NJW 2004, 590, 591)). Ein sol­ches über­wie­gen­des Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se kann auch gege­ben sein, wenn die Bericht­erstat­tung eine unzwei­fel­haft rechts­wid­ri­ge Äuße­rung zum Gegen­stand hat19, also gege­be­nen­falls selbst dann, wenn dem Ver­brei­ter die Rechts­wid­rig­keit des Vor­gangs bekannt ist, über den er berich­tet. Dem wird die Wür­di­gung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen nicht gerecht, das dem Umstand, dass der Beklag­te Kennt­nis von der Rechts­wid­rig­keit des Ange­bots der Sly­Soft hat­te, unab­hän­gig von der Schwe­re des Ein­griffs in die urhe­ber­recht­li­chen Befug­nis­se der Klä­ge­rin­nen auf der einen und dem Gewicht des von dem Beklag­ten wahr­ge­nom­me­nen Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­ses auf der ande­ren Sei­te eine für die Abwä­gung der wider­strei­ten­den Inter­es­sen aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung bei­gemes­sen hat.

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat in die­sem Zusam­men­hang wei­ter dar­auf abge­stellt, dass jeden­falls dann, wenn urhe­ber­recht­li­che Schutz­ge­set­ze in einem erheb­li­chen Umfang gewerbs­mä­ßig ver­letzt wür­den, eine vor­sätz­li­che Unter­stüt­zung der Rechts­ver­let­zung durch eine Bericht­erstat­tung der vor­lie­gen­den Art nicht gerecht­fer­tigt sei. Dabei hat es nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt, dass gera­de die Schwe­re des in Fra­ge ste­hen­den Ver­sto­ßes ein beson­de­res Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se begrün­den kann. Dem kann zwar auf der ande­ren Sei­te auch ein aus der Schwe­re des Ver­sto­ßes her­rüh­ren­des beson­de­res Gewicht des Ein­griffs in die grund­recht­lich geschütz­ten Posi­tio­nen des von der Bericht­erstat­tung betrof­fe­nen Grund­rechts­trä­gers ent­ge­gen­ste­hen. Im vor­lie­gen­den Fall hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen für die Bericht­erstat­tung des Beklag­ten als sol­che jedoch mit Recht ange­nom­men, dass inso­weit ein gegen­über dem damit ver­bun­de­nen Ein­griff in die urhe­ber­recht­li­chen Inter­es­sen der Klä­ge­rin­nen über­wie­gen­des öffent­li­ches Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se bestan­den hat. Dann ist aber nicht ersicht­lich, dass der Ein­griff in die urhe­ber­recht­li­chen Befug­nis­se der Klä­ge­rin­nen durch die Set­zung des Links auf die Inter­net­sei­te von Sly­Soft erheb­lich ver­tieft wor­den ist. Denn für den durch­schnitt­li­chen Inter­net­nut­zer war es bereits auf­grund der Anga­be der Unter­neh­mens­be­zeich­nung Sly­Soft mit Hil­fe von Such­ma­schi­nen ohne wei­te­res mög­lich, den Inter­net­auf­tritt die­ses Unter­neh­mens auf­zu­fin­den.

Die iso­lier­te, allein auf die tech­ni­sche Funk­ti­on des Links abstel­len­de Beur­tei­lung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen lässt fer­ner außer Acht, dass in den Bei­trä­gen des Beklag­ten deut­lich auf die Rechts­wid­rig­keit des Ange­bots von Sly­Soft hin­ge­wie­sen wor­den ist. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat inso­weit für den Bei­trag vom 19.01.2005 rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dort sei für den Leser unmiss­ver­ständ­lich aus­ge­drückt, dass das Ange­bot von AnyDVD rechts­wid­rig sei. Für die Bei­trä­ge vom 28.01.und 9.02.2005 ergibt sich dies mit der­sel­ben Deut­lich­keit schon aus dem dort geschil­der­ten Vor­ge­hen der Klä­ge­rin­nen gegen den Beklag­ten. Dem Leser der Bei­trä­ge des Beklag­ten, der den dort gesetz­ten Link zum Inter­net­auf­tritt von Sly­Soft nutzt, ist dem­nach bewusst, dass das auf den auf­ge­ru­fe­nen Sei­ten der Sly­Soft von die­ser bewor­be­ne Ange­bot jeden­falls vom Beklag­ten und den ange­führ­ten Unter­neh­men der Musik­in­dus­trie als rechts­wid­rig ange­se­hen wird. Auch wegen die­ser mit den Bei­trä­gen des Beklag­ten ver­bun­de­nen Warn­funk­ti­on kommt der Set­zung des Links bei der Abwä­gung der wider­strei­ten­den Inter­es­sen ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen kein aus­schlag­ge­ben­des Gewicht zu. Die von den Klä­ge­rin­nen aus­ge­spro­che­nen Abmah­nun­gen haben auf die die­ser Inter­es­sen­ab­wä­gung zugrun­de lie­gen­den Fak­to­ren kei­nen Ein­fluss. Dass sie, wie das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen aus­ge­führt hat, das Bewusst­sein des Beklag­ten von der Rechts­wid­rig­keit20 her­bei­ge­führt hät­ten, weil sie hin­rei­chend plau­si­bel die Rechts­wid­rig­keit des Sly­SoftAuf­tritts dar­ge­legt hät­ten, ist ohne Bedeu­tung. Die Kennt­nis des Beklag­ten von der Rechts­wid­rig­keit des Ange­bots von Sly­Soft ergibt sich schon aus dem Arti­kel vom 19.01.2005, wie das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen an ande­rer Stel­le selbst rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt hat. Auch unter Berück­sich­ti­gung die­ser Kennt­nis über­wiegt der Schutz der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit des Beklag­ten, wie dar­ge­legt, die urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen der Klä­ge­rin­nen. Es ist daher uner­heb­lich, dass die Bei­trä­ge vom 28.01.und 9.02.2005 nach dem Zugang der Abmah­nun­gen vom 20. und 28.01.2005 ver­öf­fent­licht wor­den sind.

Da die bean­stan­de­ten Bei­trä­ge des Beklag­ten ein­schließ­lich der dort gesetz­ten Links dem Schutz­be­reich der Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit unter­fal­len, ste­hen den Klä­ge­rin­nen die gel­tend gemach­ten Unter­las­sungs­an­sprü­che schon aus die­sem Grund auch nicht nach den Grund­sät­zen der Stö­rer­haf­tung zu. Die Fra­ge, ob die­se Grund­sät­ze bei Ver­stö­ßen gegen § 95a UrhG über­haupt zur Anwen­dung gelan­gen, kann daher offen­blei­ben.

Einer Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 Abs. 3 AEUV zur Aus­le­gung der durch den Streit­fall auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen des Uni­ons­rechts bedarf es nicht. Die anzu­wen­den­den Grund­sät­ze sind durch die Recht­spre­chung der euro­päi­schen Gerich­te geklärt21. Ins­be­son­de­re ist eine sol­che Klä­rung durch die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te zur Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te erfolgt. Die Bestim­mun­gen der Kon­ven­ti­on sind nach Art. 6 Abs. 3 EUV als all­ge­mei­ne Grund­sät­ze Teil des Uni­ons­rechts, so dass die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te bei der Aus­le­gung die­ser Grund­rech­te des Uni­ons­rechts zu beach­ten ist. Wegen der Anwen­dung der durch die Uni­ons­recht­spre­chung geklär­ten Grund­sät­ze auf den Ein­zel­fall ist eine Vor­la­ge gleich­falls nicht gebo­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Okto­ber 2010 – I ZR 191/​08 -

  1. vgl. Art. 6 EUV i.V.m. Art. 11 Abs. 1 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on; Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG
  2. vgl. Art. 6 EUV i.V.m. Art. 11 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on; Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG
  3. OLG Mün­chen, Urteil vom 23.10.2008 – 29 U 5696/​07
  4. allein ange­grif­fe­nen
  5. im Fol­gen­den: EUGrund­rech­te­char­ta
  6. vgl. EuGH, Urteil vom 20.05.2003 – C465/​00, Slg. 2003, I4989 = EuGRZ 2003, 232 Rn. 68, 80 – Rech­nungs­hof/​Österreichischer Rund­funk u.a.; BVerfK 10, 153 = GRUR 2007, 1064 Rn. 20; Jarass, Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on, 2010, Art. 51 Rn. 16
  7. Art. 11 Abs. 1 und 2 EUGrund­rech­te­char­ta
  8. vgl. Jarass aaO Art. 11 Rn. 19, 42 mwN
  9. vgl. EuGH, Urteil vom 6.03.2001 – C274/​99 P, Slg. 2001, I1611 = DVBl 2001, 716 Rn. 39 – Connolly/​Kom­mis­si­on; Jarass aaO Art. 11 Rn. 8 mwN
  10. vgl. EGMR, NJW 2000, 1015 Rn. 63; vgl. zu Art. 5 GG BVerfG((Kam­mer
  11. vgl. Jarass aaO Art. 11 Rn. 10 mwN; zu Art. 5 GG BVerfGE 93, 266, 289 = NJW 1995, 3303
  12. vgl. EGMR, NJW 2000, 1015 Rn. 63; zu Art. 5 GG vgl. BVerfGE 97, 125, 144; BVerfG, NJW 2000, 1021, 1024 mwN
  13. vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2003 – I ZR 259/​00, BGHZ 156, 1, 15 – Paper­boy
  14. vgl. dazu BVerfG((Kammer
  15. aus­drück­li­chen
  16. hier: Sly­Soft
  17. vgl. EuGH, Urteil vom 6.03.2001 – C274/​99 P, Slg. 2001, I1611 = DVBl 2001, 716 Rn. 39 – Connolly/​Kommission; EGMR, NJW 2000, 1015 Rn. 62
  18. vgl. EGMR, NJW 2000, 1015 Rn. 59 ff.; vgl. zu Art. 5 GG BVerfGK 10, 153 = GRUR 2007, 1064 Rn. 19; BVerfG((Kammer
  19. vgl. BVerfGK 10, 153 = GRUR 2007, 1064 Rn. 19
  20. der Haupt­tat
  21. vgl. EuGH, Urteil vom 6.10.1982 – 283/​81, Slg. 1982, 3415 = NJW 1983, 1257, 1258 – C.I.L.F.I.T.