Arzt­haf­tung – der medi­zi­ni­sche Stan­dard und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Die Fra­ge, wel­che Maß­nah­men der Arzt aus der berufs­fach­li­chen Sicht sei­nes Fach­be­reichs unter Berück­sich­ti­gung der in sei­nem Fach­be­reich vor­aus­ge­setz­ten Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten in der jewei­li­gen Behand­lungs­si­tua­ti­on ergrei­fen muss, rich­tet sich in ers­ter Linie nach medi­zi­ni­schen Maß­stä­ben, die der Tatrich­ter mit Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen zu ermit­teln hat. Er darf den medi­zi­ni­schen Stan­dard grund­sätz­lich nicht ohne eine ent­spre­chen­de Grund­la­ge in einem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten oder gar ent­ge­gen den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen aus eige­ner Beur­tei­lung her­aus fest­le­gen.

Arzt­haf­tung – der medi­zi­ni­sche Stan­dard und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Der medi­zi­ni­sche Stan­dard gibt Aus­kunft dar­über, wel­ches Ver­hal­ten von einem gewis­sen­haf­ten und auf­merk­sa­men Arzt in der kon­kre­ten Behand­lungs­si­tua­ti­on aus der berufs­fach­li­chen Sicht sei­nes Fach­be­reichs im Zeit­punkt der Behand­lung vor­aus­ge­setzt und erwar­tet wer­den kann. Er reprä­sen­tiert den jewei­li­gen Stand der natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se und der ärzt­li­chen Erfah­rung, der zur Errei­chung des ärzt­li­chen Behand­lungs­ziels erfor­der­lich ist und sich in der Erpro­bung bewährt hat 1.

Die Ermitt­lung des Stan­dards ist grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters. Das Ergeb­nis der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung kann revi­si­ons­recht­lich nur auf Rechts- und Ver­fah­rens­feh­ler über­prüft wer­den, also ins­be­son­de­re dar­auf, ob ein Ver­stoß gegen Denk­ge­set­ze und all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze vor­liegt, das Gericht den Begriff des medi­zi­ni­schen Stan­dards ver­kannt oder den ihm unter­brei­te­ten Sach­ver­halt nicht erschöp­fend gewür­digt hat 2.

Die Fra­ge, wel­che Maß­nah­men der Arzt aus der berufs­fach­li­chen Sicht sei­nes Fach­be­reichs unter Berück­sich­ti­gung der in sei­nem Fach­be­reich vor­aus­ge­setz­ten Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten in der jewei­li­gen Behand­lungs­si­tua­ti­on ergrei­fen muss, rich­tet sich in ers­ter Linie nach medi­zi­ni­schen Maß­stä­ben, die der Tatrich­ter mit Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen zu ermit­teln hat. Er darf den medi­zi­ni­schen Stan­dard nicht ohne eine ent­spre­chen­de Grund­la­ge in einem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten oder gar ent­ge­gen den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen aus eige­ner Beur­tei­lung her­aus fest­le­gen 3. Etwas ande­res gilt nur dann, wenn der Tatrich­ter aus­nahms­wei­se selbst über das erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Fach­wis­sen ver­fügt und dies in sei­ner Ent­schei­dung dar­legt 4.

Nimmt das Gericht eine von der Beur­tei­lung der gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen abwei­chen­de, eige­ne medi­zi­ni­sche Bewer­tung des Behand­lungs­ge­sche­hens vor­ge­nom­men ohne auf­zu­zei­gen, dass es über die erfor­der­li­che Sach­kun­de ver­fügt, so hat es damit den medi­zi­ni­schen Stan­dard in unzu­läs­si­ger Wei­se selbst bestimmt.

Dabei ist auch zu beach­ten, dass auch im Arzt­haf­tungs­recht der objek­ti­vier­te zivil­recht­li­che Fahr­läs­sig­keits­be­griff des § 276 Abs. 2 BGB maß­geb­lich ist. Danach hat der Arzt für die Ein­hal­tung der objek­tiv erfor­der­li­chen Sorg­falt ein­zu­ste­hen. Er muss die Vor­aus­set­zun­gen einer dem medi­zi­ni­schen Stan­dard ent­spre­chen­den Behand­lung ken­nen und beach­ten. Für ein dem Stan­dard zuwi­der­lau­fen­des Vor­ge­hen ist er haf­tungs­recht­lich auch dann ver­ant­wort­lich, wenn die­ses aus sei­ner per­sön­li­chen Lage her­aus sub­jek­tiv als ent­schuld­bar erschei­nen mag 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Febru­ar 2015 – VI ZR 106/​13

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.12 2010 – VI ZR 284/​09, BGHZ 188, 29 Rn. 9, 12; vom 15.04.2014 – VI ZR 382/​12, VersR 2014, 879 Rn. 11
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 17 ff.; vom 15.04.2014 – VI ZR 382/​12, VersR 2014, 879 Rn. 13
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.11.1994 – VI ZR 189/​93, VersR 1995, 659, 660; vom 19.11.1996 – VI ZR 350/​95, VersR 1997, 315, 316; vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, VersR 2008, 644 Rn. 16; vom 15.04.2014 – VI ZR 382/​12, VersR 2014, 879 Rn. 13; BGH, Beschluss vom 09.06.2009 – VI ZR 138/​08, VersR 2009, 1405 Rn. 3
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2003 – VI ZR 304/​02, VersR 2003, 1256, 1257; vom 28.05.2002 – VI ZR 42/​01, VersR 2002, 1026, 1028; vom 27.03.2001 – VI ZR 18/​00, VersR 2001, 859, 860
  5. BGH, Urtei­le vom 29.01.1991 – VI ZR 206/​90, BGHZ 113, 297, 303; vom 13.02.2001 – VI ZR 34/​00, VersR 2001, 646; vom 06.05.2003 – VI ZR 259/​02, VersR 2003, 1128, 1130