Arzt­haf­tung – und die Vor­er­kran­kun­gen

Soweit der Erwerbs­scha­den und die ver­mehr­ten Bedürf­nis­se des Geschä­dig­ten infol­ge einer bereits vor­han­de­nen Erkran­kung oder Dis­po­si­ti­on auch ohne das scha­den­stif­ten­de Ereig­nis zu einem bestimm­ten Zeit­punkt ganz oder teil­wei­se ein­ge­tre­ten wären, ist der Scha­den dem Schä­di­ger nicht zuzu­rech­nen 1.

Arzt­haf­tung – und die Vor­er­kran­kun­gen

Recht­lich han­delt es sich dar­um, dass bei Vor­han­den­sein einer Scha­dens­an­la­ge, die zum glei­chen Scha­den geführt hät­te (soge­nann­te Reser­ve­ur­sa­che), die Scha­dens­er­satz­pflicht auf die Nach­tei­le beschränkt ist, die durch den frü­he­ren Scha­dens­ein­tritt bedingt sind 2.

Aller­dings kann ein sol­cher Umstand zu Unguns­ten des Geschä­dig­ten nur dann Beach­tung fin­den, wenn der Schä­di­ger zur Über­zeu­gung des Gerichts nach­ge­wie­sen hat, dass er tat­säch­lich ein­ge­tre­ten wäre 3.

Selbst wenn dies nicht fest­ge­stellt wer­den kann, hat der Tatrich­ter bei der Ermitt­lung sowohl der Höhe als auch der Dau­er des dem Geschä­dig­ten ent­stan­de­nen Ver­dienst­aus­falls eine Pro­gno­se des gewöhn­li­chen Laufs der Din­ge, wie sie sich ohne das Scha­dens­er­eig­nis ent­wi­ckelt hät­ten, anzu­stel­len (§ 252 BGB). Es geht inso­weit nicht nur um die Berück­sich­ti­gung even­tu­el­ler über­ho­len­der Kau­sa­li­tä­ten, son­dern um die Scha­dens­er­mitt­lung als sol­che auf der Basis des Sach­ver­halts, wie er sich vor­aus­sicht­lich in Zukunft dar­ge­stellt hät­te. In die­sem Rah­men kommt nicht nur der Fra­ge Bedeu­tung zu, ob auch ohne das kon­kre­te Scha­dens­er­eig­nis beim Ver­letz­ten eine ent­spre­chen­de gesund­heit­li­che Ent­wick­lung mit ver­gleich­ba­ren beein­träch­ti­gen­den Aus­wir­kun­gen zum Tra­gen gekom­men wäre; es ist viel­mehr auch das Risi­ko in die Betrach­tung mit­ein­zu­be­zie­hen, das durch die bereits vor­han­de­ne Erkran­kung für die künf­ti­ge beruf­li­che Situa­ti­on des Geschä­dig­ten bestan­den hat 4. Dem­entspre­chend ist eine Ver­dienst­aus­fall­ren­te auf die vor­aus­sicht­li­che Dau­er der Erwerbs­tä­tig­keit des Geschä­dig­ten, wie sie sich ohne das haf­tungs­be­grün­den­de Ereig­nis gestal­tet hät­te, zu begren­zen; hier­bei sind Anhalts­punk­te für eine vom gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Nor­mal­fall abwei­chen­de vor­aus­sicht­li­che Ent­wick­lung zu berück­sich­ti­gen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. Mai 2016 – VI ZR 305/​15

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 05.02.1965 – VI ZR 239/​63, VersR 1965, 491; vom 23.10.1984 – VI ZR 24/​83, VersR 1985, 60 Rn. 12[]
  2. BGH, Urteil vom 23.10.1984 – VI ZR 24/​83, VersR 1985, 60 Rn. 12[]
  3. BGH, Urteil vom 05.02.1965 – VI ZR 239/​63, VersR 1965, 49; vgl. zur Reser­ve­ur­sa­che auch BGH, Urteil vom 22.03.2016 – VI ZR 467/​14, Rn. 14 z.V.b.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 11.11.1997 – VI ZR 376/​96, BGHZ 137, 142 Rn. 27 ff.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 27.06.1995 – VI ZR 165/​94, VersR 1995, 1321 Rn. 8[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 28.10.2015 – III ZR 36/​15[]