Arzt­haf­tungs­pro­zess – und das Gut­ach­ten einer medi­zi­ni­schen Schlich­tungs­stel­le

Das Gut­ach­ten einer medi­zi­ni­schen Schlich­tungs­stel­le kann im Arzt­haf­tungs­pro­zess im Wege des Urkun­den­be­wei­ses gewür­digt wer­den. Dies führt aber weder zu einer Erhö­hung der Dar­le­gungs­last des Pati­en­ten noch ist das Schlich­tungs­gut­ach­ten auf Beweis­ebe­ne geeig­net, den Sach­ver­stän­di­gen­be­weis zu erset­zen.

Arzt­haf­tungs­pro­zess – und das Gut­ach­ten einer medi­zi­ni­schen Schlich­tungs­stel­le

Andern­falls wür­de das Gericht die an eine hin­rei­chen­de Sub­stan­ti­ie­rung des Kla­ge­vor­trags zu stel­len­den Anfor­de­run­gen über­span­nen und die Pati­en­tin dadurch in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se in ihrem aus Art. 103 Abs. 1 GG fol­gen­den Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs ver­let­zen.

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sind an die Sub­stan­ti­ie­rungs­pflich­ten des Pati­en­ten im Arzt­haf­tungs­pro­zess nur maß­vol­le Anfor­de­run­gen zu stel­len. Vom Pati­en­ten kann kei­ne genaue Kennt­nis der medi­zi­ni­schen Vor­gän­ge erwar­tet und gefor­dert wer­den. Ihm fehlt die genaue Ein­sicht in das Behand­lungs­ge­sche­hen und das nöti­ge Fach­wis­sen zur Erfas­sung und Dar­stel­lung des Kon­flikt­stoffs; er ist nicht ver­pflich­tet, sich zur ord­nungs­ge­mä­ßen Pro­zess­füh­rung medi­zi­ni­sches Fach­wis­sen anzu­eig­nen. Die Pati­en­ten­sei­te darf sich des­halb auf Vor­trag beschrän­ken, der die Ver­mu­tung eines feh­ler­haf­ten Ver­hal­tens der Behand­lungs­sei­te auf­grund der Fol­gen für den Pati­en­ten gestat­tet 1.

Mit der ein­ge­schränk­ten pri­mä­ren Dar­le­gungs­last des Pati­en­ten geht zur Gewähr­leis­tung pro­zes­sua­ler Waf­fen­gleich­heit zwi­schen den Par­tei­en regel­mä­ßig eine gestei­ger­te Ver­pflich­tung des Gerichts zur Sach­ver­halts­auf­klä­rung (§ 139 ZPO) bis hin zur Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens (§ 144 Abs. 1 Satz 1 ZPO) von Amts wegen ein­her, soweit der Pati­ent dar­auf ange­wie­sen ist, dass der Sach­ver­halt durch ein sol­ches auf­be­rei­tet wird 2.

Nichts ande­res gilt, wenn dem Gericht ein medi­zi­ni­sches Gut­ach­ten aus vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­fah­ren ärzt­li­cher Schlich­tungs­stel­len vor­liegt. Zwar kann ein sol­ches Gut­ach­ten nach all­ge­mei­nen Regeln im Wege des Urkun­den­be­wei­ses gewür­digt wer­den 3. Doch führt dies weder zu einer Erhö­hung der Dar­le­gungs­last des Pati­en­ten, der ansons­ten im Fal­le eines ihm ungüns­ti­gen Schlich­tungs­gut­ach­tens doch gezwun­gen wäre, sich medi­zi­ni­sches Fach­wis­sen anzu­eig­nen, um einen schlüs­si­gen Kla­ge­vor­trag zu hal­ten. Noch ist das Schlich­tungs­gut­ach­ten auf Beweis­ebe­ne geeig­net, den Sach­ver­stän­di­gen­be­weis zu erset­zen 4. Das Schlich­tungs­gut­ach­ten kann man­gels gericht­li­cher oder staats­an­walt­li­cher Ver­an­las­sung nicht gemäß § 411a ZPO als Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ver­wer­tet wer­den. Als Urkun­de bezeugt es gemäß § 416 ZPO nur, dass der Schlich­tungs­gut­ach­ter ein sol­ches Gut­ach­ten erstat­tet hat 5. Auf den Inhalt der gut­ach­ter­li­chen Erklä­rung erstreckt sich die Beweis­re­gel hin­ge­gen nicht. Ob die in dem urkund­lich zu ver­wer­ten­den Schlich­tungs­gut­ach­ten ent­hal­te­ne Ein­schät­zung inhalt­lich rich­tig ist, unter­liegt danach der frei­en rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung 6. Der Tatrich­ter muss daher in einem sol­chen Fall einen Sach­ver­stän­di­gen hin­zu­zie­hen und eine schrift­li­che oder münd­li­che Begut­ach­tung anord­nen 7. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die Behaup­tung der Par­tei in der urkun­den­be­weis­lich her­an­ge­zo­ge­nen Begut­ach­tung eine Stüt­ze fin­det oder nicht. Der Urkun­den­be­weis darf näm­lich nicht dazu füh­ren, dass den Par­tei­en das ihnen zuste­hen­de Recht, den Sach­ver­stän­di­gen­be­weis anzu­tre­ten, ver­kürzt wird 8.

Nach die­sen Grund­sät­zen ver­letz­te im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall die Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts, der mit dem Ange­bot eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens unter Beweis gestell­te Vor­trag der Klä­ge­rin zum angeb­li­chen Behand­lungs­feh­ler der Beklag­ten sei nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert, die Klä­ge­rin in ihrem Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs. Indem die Klä­ge­rin unter Bezug­nah­me auf den Aut­op­sie­be­richt behaup­tet hat, ihre Mut­ter habe an einem von den Beklag­ten schuld­haft ver­kann­ten post­ope­ra­ti­ven Darm­ver­schluss gelit­ten und sei hier­an ver­stor­ben, hat sie alle Vor­aus­set­zun­gen eines ererb­ten bzw. in eige­ner Per­son ent­stan­de­nen Scha­dens­er­satz­an­spruchs vor­ge­tra­gen. Wei­te­rer Dar­le­gung bedurf­te es nach den dar­ge­stell­ten Grund­sät­zen mit­hin inso­weit nicht. Durch das der Klä­ge­rin ungüns­ti­ge Schlich­tungs­gut­ach­ten erhöh­ten sich die Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen für die Klä­ge­rin nicht; es führt allei­ne dazu, dass sich der nun­mehr vom Beru­fungs­ge­richt zu beauf­tra­gen­de gericht­li­che Sach­ver­stän­di­ge und das Beru­fungs­ge­richt selbst auf Beweis­ebe­ne mit der Ein­schät­zung des Schlich­tungs­gut­ach­ters aus­ein­an­der zu set­zen haben wer­den (§ 286 ZPO).

Der dar­ge­stell­te Gehörs­ver­stoß war auch ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es ist für den Bun­des­ge­richts­hof nicht aus­ge­schlos­sen, dass sich das Beru­fungs­ge­richt im Rah­men der durch­zu­füh­ren­den Beweis­auf­nah­me, ins­be­son­de­re nach Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens, die Über­zeu­gung gebil­det hät­te, dass die Beklag­ten den aus­weis­lich des Aut­op­sie­be­richts jeden­falls mit todes­ur­säch­lich gewor­de­nen Darm­ver­schluss der Pati­en­tin behand­lungs­feh­ler­haft nicht erkannt und behan­delt haben, und auf die­ser Grund­la­ge den Kla­ge­an­spruch bejaht hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. März 2019 – VI ZR 278/​18

  1. BGH, Urteil vom 19.02.2019 – VI ZR 505/​17 15; vgl. wei­ter BGH, Urtei­le vom 14.03.2017 – VI ZR 605/​15, VersR 2017, 822 Rn.19; vom 24.02.2015 – VI ZR 106/​13, NJW 2015, 1601 Rn.19; vom 08.06.2004 – VI ZR 199/​03, BGHZ 159, 245, 252, 254[]
  2. BGH, Urteil vom 19.02.2019 – VI ZR 505/​17 16; vgl. wei­ter BGH, Urteil vom 08.01.1991 – VI ZR 102/​90, NJW 1991, 1541 9; Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 7. Aufl., Rn. E 6; Frahm/​Walter, Arzt­haf­tungs­recht, 6. Aufl., Rn. 270[]
  3. vgl. zuletzt etwa BGH, Beschluss vom 13.12 2016 – VI ZB 1/​16, BGHZ 213, 131 Rn. 13 mwN[]
  4. teil­wei­se Abgren­zung zu BGH, Urtei­le vom 19.05.1987 – VI ZR 147/​86, NJW 1987, 2300 9; vom 02.03.1993 – VI ZR 104/​92, NJW 1993, 2378 14, 16; Beschluss vom 06.05.2008 – VI ZR 250/​07, VersR 2008, 1216 6[]
  5. Zöller/​Greger, ZPO, 32. Aufl., vor § 402 Rn. 11[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.05.1989 – III ZR 2/​88, NJW-RR 1989, 132319; vom 24.06.1993 – XI ZR 96/​92, NJW-RR 1993, 1379 26; Beschluss vom 16.02.2012 – V ZB 48/​11, NJW-RR 2012, 649 Rn. 9; Preuß in Prütting/​Gehrlein, ZPO; 10. Aufl., § 416 Rn.19[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 22.04.1997 – VI ZR 198/​96, NJW 1997, 3381 11 f.[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.06.2000 – VI ZR 98/​99, NJW 2000, 3072 8; vom 14.10.1997 – VI ZR 404/​96, NJW 1998, 311 12[]