Auf dem Har­zer-Hexen-Stieg vom Baum getrof­fen

Betritt ein Wald­be­su­cher Wald­we­ge auf eige­ne Gefahr, kann er grund­sätz­lich nicht erwar­ten, dass der Wald­be­sit­zer Siche­rungs­maß­nah­men gegen wald­ty­pi­sche Gefah­ren ergreift. Mit wald­ty­pi­schen Gefah­ren hat man auch auf Wegen zu rech­nen.

Auf dem Har­zer-Hexen-Stieg vom Baum getrof­fen

Mit die­ser Begrün­dung hat das Land­ge­richt Mag­de­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge eines Man­nes auf Schmer­zens­geld abge­wie­sen. Nach der Schil­de­rung des Man­nes aus dem Land­kreis Fries­land ist er am 13.07.2018 mit sei­ner Fami­lie auf einem Teil des auf einem Wald­grund­stück der Stadt Tha­le lie­gen­den tou­ris­tisch bewor­be­nen "Har­zer-Hexen-Stieg" vom Hexen­tanz­platz in Rich­tung Tha­le gewan­dert. In Höhe des Brun­hil­den­we­ges sei dann am frü­hen Nach­mit­tag ein Baum auf den Klä­ger gestürzt, der schwer ver­letzt wur­de und noch heu­te an einer Quer­schnitts­läh­mung lei­det.

Der Klä­ger meint, die beklag­te Stadt habe ihre Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten ver­letzt. Der Baum sei deut­lich erkenn­bar abge­stor­ben gewe­sen und wäre bei der Durch­füh­rung einer Baum­schau sofort als Gefähr­dungs­baum ersicht­lich gewe­sen und gefällt wor­den, sodass es nicht zu dem Unfall gekom­men wäre. Mit sei­ner Kla­ge hat der Betrof­fe­ne unter ande­rem von der Stadt Tha­le Schmer­zens­geld von min­des­tens 200.000 Euro ver­langt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Land­ge­richt Mag­de­burg aus­ge­führt, dass der Wald­be­su­cher, der auf eige­ne Gefahr Wald­we­ge betritt, grund­sätz­lich nicht erwar­ten kann, dass der Wald­be­sit­zer Siche­rungs­maß­nah­men gegen wald­ty­pi­sche Gefah­ren ergreift. Mit wald­ty­pi­schen Gefah­ren muss der Wald­be­su­cher auch auf Wegen rech­nen. Er ist pri­mär selbst für sei­ne Sicher­heit ver­ant­wort­lich.

Risi­ken, die ein frei­es Bewe­gen in der Natur mit sich bringt, gehö­ren grund­sätz­lich zum ent­schä­di­gungs­los hin­zu­neh­men­den all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko. Dem­entspre­chend kön­nen und müs­sen auf Wan­der­we­gen nicht sämt­li­che Gefah­ren aus­ge­schlos­sen wer­den. Wür­de man eine völ­li­ge Gefahr­lo­sig­keit der Wan­der­we­ge for­dern, müss­te man auf reiz­vol­le Rou­ten im Berg­land eben­so wie auf ein­sa­me Wald­pfa­de im Flach­land aus Haf­tungs­grün­den ver­zich­ten.

Auch nach der gesetz­li­chen Risi­ko­ver­tei­lung aus § 22 LWaldG LSA haf­tet selbst auf stark fre­quen­tier­ten und tou­ris­tisch bewor­be­nen Wald­we­gen der Wald­be­sit­zer nicht für wald­ty­pi­sche Gefah­ren. Dies gilt unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass die Wald­nut­zung im Ver­lauf der Jah­re zuge­nom­men hat. Auch an stark fre­quen­tier­ten Wald­we­gen wer­den die Haf­tungs­ri­si­ken rele­vant, die nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten der Wald­be­su­cher tra­gen soll.

Aus die­sen Grün­den hat das Land­ge­richt Mag­de­burg die Kla­ge im Ein­klang mit der Geset­zes­la­ge (§ 4 und § 22 Lan­des­wald­ge­setz Sach­sen-Anhalt) und der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs [1] abge­wie­sen.

Land­ge­richt Mag­de­burg, Urteil vom 4. März 2020 – 10 O 701/​19

  1. BGH, Urteil vom 02.10.2012 – VI ZR 311/​11[]