Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung in der Insol­venz – und die Rech­te der Grund­pfand­gläu­bi­ger

Wird ein Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren unein­ge­schränkt auf­ge­ho­ben, erlö­schen die Rech­te von Grund­pfand­gläu­bi­gern an dem Erlös­über­schuss, der sich noch in der Hand des vor­ma­li­gen Zwangs­ver­wal­ters befin­det. Wird im Ver­lauf eines Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des Schuld­ners ein Zwangs­ver­wal­tungs­ver­fah­ren unein­ge­schränkt auf­ge­ho­ben, so ist die Pfän­dung des Anspruchs der Insol­venz­mas­se gegen den vor­ma­li­gen Zwangs­ver­wal­ter auf Aus­keh­rung des Erlös­über­schus­ses auch für Grund­pfand­gläu­bi­ger unzu­läs­sig.

Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung in der Insol­venz – und die Rech­te der Grund­pfand­gläu­bi­ger

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist die Zwangs­ver­wal­tung von der Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ge­rin bean­tragt wor­den. Die­se hat nach Abtre­tung der Ansprü­che und Rech­te als Zes­sio­na­rin den Antrag auf Zwangs­ver­wal­tung wirk­sam zurück­ge­nom­men. Die­se Antrags­rück­nah­me war auch unein­ge­schränkt1. Ins­be­son­de­re ist sie nicht nur mit Wir­kung für die Zukunft und unter Vor­be­halt aller Rech­te an der rest­li­chen Zwangs­ver­wal­tungs­mas­se erklärt wor­den.

Der vor­ma­li­ge Zwangs­ver­wal­ter und Pfän­dungs­dritt­schuld­ner durf­te daher die vor­han­de­ne Zwangs­ver­wal­tungs­mas­se nur noch abwi­ckeln; öffent­li­che Las­ten und Zah­lun­gen an Berech­tig­te des Tei­lungs­pla­nes waren nicht mehr zu leis­ten2.

Nach unein­ge­schränk­ter Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung wür­de somit eine gleich­wohl zuläs­si­ge Pfän­dung des Anspruchs der Insol­venz­ver­wal­te­rin auf Erlös­aus­kehr gegen den Zwangs­ver­wal­ter die Gefahr her­auf­be­schwö­ren, dass die Insol­venz­mas­se ent­ge­gen § 155 Abs. 1, § 156 Abs. 1 ZVG um die noch nicht berich­tig­ten öffent­li­chen Las­ten und lau­fen­den Kos­ten des Grund­stücks wäh­rend der Zwangs­ver­wal­tungs­dau­er geschmä­lert wür­de, wie der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss vom 13.07.20063 dar­ge­legt hat. Der Bun­des­ge­richts­hof sieht kei­nen Anlass, von dem Grund­satz abzu­rü­cken, dass nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen des Schuld­ners die Pfän­dung mit­haf­ten­der Mie­ten oder Pach­ten durch abson­de­rungs­be­rech­tig­te Grund­pfand­gläu­bi­ger nicht mehr zuläs­sig ist. Das gilt auch dann, wenn die­se Erträ­ge zuvor von einem Zwangs­ver­wal­ter ein­ge­zo­gen wor­den sind, infol­ge Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung nun­mehr unein­ge­schränkt der Insol­venz­mas­se zuste­hen und in die­sen Her­aus­ga­be­an­spruch der Insol­venz­ver­wal­te­rin voll­streckt wer­den soll.

Mit dem Gesetz unver­ein­bar ist auch die im Schrift­tum heu­te vor­herr­schen­de Ansicht, trotz Auf­he­bung der Zwangs­ver­wal­tung sei­en Grund­stücks­nut­zun­gen wei­ter mit den ding­li­chen Rech­ten der Grund­pfand­gläu­bi­ger behaf­tet, solan­ge sie sich noch in der Hand des Zwangs­ver­wal­ters befin­den. Die Grund­pfand­gläu­bi­ger sei­en daher auch in der Insol­venz des vor­ma­li­gen Ver­fah­rens­schuld­ners für den Her­aus­ga­be­an­spruch gegen den vor­ma­li­gen Zwangs­ver­wal­ter abson­de­rungs­be­rech­tigt4. Das ver­kennt die ent­schei­den­de Wir­kung der Beschlag­nah­me.

Wird Mie­te oder Pacht ein­ge­zo­gen, bevor sie zuguns­ten des Grund­pfand­gläu­bi­gers in Beschlag genom­men wor­den ist, so ist die Ver­fü­gung ihm gegen­über nach § 1124 Abs. 1 Satz 1 BGB wirk­sam. Die Erstre­ckung des Grund­pfand­rechts auf die Miet- oder Pacht­for­de­rung gemäß § 1123 Abs. 1 BGB erlischt. Ist die Beschlag­nah­me bewirkt wor­den, setzt sich das nach § 1123 Abs. 1 BGB erstreck­te Grund­pfand­recht im Wege der Sur­ro­ga­ti­on an dem ein­ge­zo­ge­nen Erlös nach Maß­ga­be der §§ 155, 156 ZVG fort. Ist die Zwangs­ver­wal­tung infol­ge Antrags­rück­nah­me indes vor­be­halt­los auf­ge­ho­ben wor­den, wird der noch vor­han­de­ne Erlös­über­schuss für den Eigen­tü­mer des bis­her zwangs­ver­wal­te­ten Grund­be­sit­zes frei. Die hypo­the­ka­ri­sche Pfand­haft des Erlö­ses zuguns­ten der betei­lig­ten Ver­fah­rens­gläu­bi­ger erlischt eben­so wie ein Pfän­dungs­pfand­recht nach Auf­he­bung der Pfän­dungs­an­ord­nung. Der äuße­re Tat­be­stand, dass der vor­ma­li­ge Zwangs­ver­wal­ter die ein­ge­zo­ge­nen Mie­ten zunächst noch in Hän­den hat, ist recht­lich für die Stel­lung der Gläu­bi­ger ohne Bedeu­tung, wenn kei­ne Ver­tei­lung die­ser Mas­se nach den §§ 155, 156 ZVG vor­be­hal­ten und die Beschlag­nah­me inso­weit auf­recht­erhal­ten geblie­ben ist.

Hier­nach stand die Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ge­rin zur Zeit ihrer Pfän­dung des Her­aus­ga­be­an­spruchs der Insol­venz­ver­wal­te­rin gegen den vor­ma­li­gen Zwangs­ver­wal­ter auf den Erlös­über­schuss weder an die­sem Anspruch selbst noch an des­sen Gegen­stand ein Recht zur abge­son­der­ten Befrie­di­gung gemäß § 49 InsO zu. Die For­de­rungs­pfän­dung soll­te ein sol­ches Recht viel­mehr erst begrün­den. Dem stand § 89 Abs. 1 InsO ent­ge­gen.

Die Voll­stre­ckungs­gläu­bi­ge­rin hät­te, um die­ses Ergeb­nis zu ver­mei­den, die Zwangs­ver­wal­tung nur mit Wir­kung für die Zukunft und unter Vor­be­halt ihres durch die Beschlag­nah­me bereits ent­stan­de­nen Erlös­pfand­rechts auf­he­ben las­sen dür­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Okto­ber 2013 – IX ZB 197/​11

  1. vgl. zur Beschrän­kungs­mög­lich­keit der Antrags­rück­nah­me BGH, Beschluss vom 10.07.2008 V ZB 130/​07, BGHZ 177, 218 Rn. 13 f []
  2. vgl. BGH, Urteil vom 13.10.2011 – IX ZR 188/​10, ZIn­sO 2012, 43 Rn. 18; anders zu den öffent­li­chen Las­ten Jaeckel/​Güthe, ZVG, 7. Aufl., § 161 Rn. 11 []
  3. IX ZB 301/​04, BGHZ 168, 339 Rn. 9 []
  4. LG Frei­burg, RPfle­ger 1988, 422; Dassler/​Schiffhauer/​Engels, ZVG, 14. Aufl., § 152 Rn. 254; Stö­ber, ZVG, 20. Aufl., § 152 Anm. 17.1; Bött­cher/​Kel­ler, ZVG, 5. Aufl., § 152 Rn. 64; Steiner/​Hagemann, Zwangs­ver­stei­ge­rung und Zwangs­ver­wal­tung, 9. Aufl., § 152 ZVG Rn. 185; zwei­felnd Jaeckel/​Güthe, ZVG, 7. Aufl., § 155 Rn. 8 mit Nach­wei­sen zur älte­ren Gegen­mei­nung []