Auf­he­bung einer PKH-Bewil­li­gung wegen unrich­ti­ger Anga­ben – und ihre erneu­te Bean­tra­gung

Der Sank­ti­ons­cha­rak­ter einer wegen unrich­ti­ger Anga­ben erfolg­ten Auf­he­bung der Bewil­li­gung von Pro­zess- bzw. Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe hin­dert nicht deren anschlie­ßen­de erneu­te Bean­tra­gung mit zutref­fen­den Anga­ben 1. Die erneu­te Bewil­li­gung kann in die­sem Fall nur mit Wir­kung ab der erneu­ten Antrag­stel­lung erfol­gen.

Auf­he­bung einer PKH-Bewil­li­gung wegen unrich­ti­ger Anga­ben – und ihre erneu­te Bean­tra­gung

Durch den zwei­ten Antrag ist ein neu­es Ver­fah­ren auf Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe in Gang gesetzt wor­den. Das neue Ver­fah­ren erfor­dert grund­sätz­lich eine neue Prü­fung der Bewil­li­gungs­vor­aus­set­zun­gen.

Dem steht auch nicht die Rechts­kraft des Auf­he­bungs­be­schlus­ses ent­ge­gen. Denn ein die Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe ver­sa­gen­der Beschluss erlangt zwar for­mel­le, aber kei­ne mate­ri­el­le Rechts­kraft. Aller­dings kann es aus­nahms­wei­se an einem Recht­schutz­be­dürf­nis für die erneu­te Antrag­stel­lung feh­len, wenn auf der Grund­la­ge des­sel­ben Lebens­sach­ver­halts ein vor­he­ri­ger Antrag glei­chen Inhalts bereits zurück­ge­wie­sen oder nach­träg­lich auf­ge­ho­ben wor­den ist und ein Rechts­mit­tel gegen die­se Ent­schei­dung wegen Frist­ab­laufs nicht mehr ein­ge­legt wer­den kann oder die ein­ge­leg­ten Rechts­be­hel­fe kei­nen Erfolg hat­ten 2.

Hier ist jedoch die ers­te Bewil­li­gung auf­ge­ho­ben wor­den, weil die Antrags­geg­ne­rin im ers­ten Bewil­li­gungs­ver­fah­ren fal­sche Anga­ben über ihre wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gemacht hat­te. Im Rah­men ihres erneu­ten Antrags sind der­ar­ti­ge Falsch­an­ga­ben nicht fest­ge­stellt; ins­be­son­de­re hat die Antrags­geg­ne­rin den in ihrem ers­ten Antrag nicht auf­ge­führ­ten unga­ri­schen Grund­be­sitz jetzt ange­ge­ben. Somit liegt dem neu­en Antrag ein ande­rer Sach­ver­halt zugrun­de.

In der Sache hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen 3 den mit der Auf­he­bung der Erst­be­wil­li­gung ver­bun­de­nen Sank­ti­ons­cha­rak­ter zu Unrecht auf das erneu­te Bewil­li­gungs­ver­fah­ren über­tra­gen. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, kann eine Ver­wir­kung des Anspruchs auf Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe nicht mit einer ana­lo­gen Anwen­dung des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO begrün­det wer­den 4.

Gemäß § 113 Abs. 1 FamFG i.V.m. § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO soll das Gericht die Bewil­li­gung der Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe auf­he­ben, wenn der Betei­lig­te absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit unrich­ti­ge Anga­ben über die per­sön­li­chen oder wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se gemacht hat. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat die­se Vor­schrift vor allem Sank­ti­ons­cha­rak­ter. Daher kann das Gericht die Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung bei absicht­lich oder aus gro­ber Nach­läs­sig­keit gemach­ten fal­schen Anga­ben des Antrag­stel­lers auch dann auf­he­ben, wenn die Bewil­li­gung nicht auf die­sen Anga­ben beruht, sofern die fal­schen Anga­ben jeden­falls gene­rell geeig­net erschei­nen, die Ent­schei­dung über die Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe zu beein­flus­sen. Wird eine bewil­lig­te Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe in Anwen­dung die­ser Vor­schrift wider­ru­fen, wirkt sich der Sank­ti­ons­cha­rak­ter dahin aus, dass die staat­li­che Leis­tung nach­träg­lich ent­zo­gen wird und der Antrag­stel­ler zur Erstat­tung der Kos­ten und Aus­la­gen her­an­ge­zo­gen wer­den kann 5.

Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein erneu­ter Antrag auf Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe unab­hän­gig von der Bedürf­tig­keit allein wegen Mit­wir­kungs­ver­schul­dens des Antrag­stel­lers abge­lehnt wer­den kann, regelt § 118 Abs. 2 Satz 4 ZPO. Danach lehnt das Gericht die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe inso­weit ab, als der Antrag­stel­ler inner­halb einer von dem Gericht gesetz­ten Frist Anga­ben über sei­ne per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se nicht glaub­haft gemacht oder bestimm­te Fra­gen nicht oder unge­nü­gend beant­wor­tet hat. Eine wei­ter­ge­hen­de Rege­lung, die es ermög­licht, nach Auf­he­bung einer zuvor bewil­lig­ten Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe einen erneut gestell­ten Antrag abzu­leh­nen, ent­hält das Gesetz hin­ge­gen nicht. Sie ergibt sich auch weder aus Ver­wir­kung noch aus dem Rechts­ge­dan­ken des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat aus dem Sozi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 1 GG) und dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG), spä­ter auch unter aus­drück­li­cher Beru­fung auf den Rechts­staats­grund­satz (Art.20 Abs. 3 GG), die For­de­rung nach einer "weit­ge­hen­den Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten im Bereich des Rechts­schut­zes" abge­lei­tet. Danach darf Unbe­mit­tel­ten die Rechts­ver­fol­gung und ver­tei­di­gung im Ver­gleich zu Bemit­tel­ten nicht unver­hält­nis­mä­ßig erschwert wer­den. Der Unbe­mit­tel­te muss grund­sätz­lich eben­so wirk­sa­men Rechts­schutz in Anspruch neh­men kön­nen wie ein Bemit­tel­ter 6.

Die­ser ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­te Schutz besteht grund­sätz­lich auch für einen Betei­lig­ten, der sich durch vor­an­ge­gan­ge­nes Fehl­ver­hal­ten gegen die Rechts­ord­nung gestellt hat 7.

Wür­de man indes­sen den Sank­ti­ons­cha­rak­ter des § 124 Abs. 1 Nr. 2 ZPO auch auf ein nach­fol­gen­des Bewil­li­gungs­ver­fah­ren aus­deh­nen und Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe allein wegen der ursprüng­lich im Erst­ver­fah­ren gemach­ten fal­schen Anga­ben ver­sa­gen, ergä­be sich die weit­rei­chen­de Fol­ge, dass das beab­sich­tig­te Ver­fah­ren etwa ein Schei­dungs­ver­fah­ren nicht fort­ge­führt wer­den kann, letzt­end­lich also der Zugang zum Rechts­schutz ver­sagt bleibt 8.

Durch eine mög­li­che Neu­be­wil­li­gung der Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe auf den am 27.12 2016 neu gestell­ten Antrag blie­ben die vor­he­ri­gen Falsch­an­ga­ben auch nicht sank­ti­ons­los. Die erneu­te Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe wäre näm­lich nur ab neu­er Antrag­stel­lung, also mit Wir­kung ab dem 27.12 2016 zu bewil­li­gen 9. Von der erneu­ten Bewil­li­gung wür­den also die bis dahin ange­fal­le­nen Kos­ten nicht erfasst, son­dern nur die ab dem erneu­ten Antrag neu anfal­len­den Kos­ten. Der Sank­ti­ons­cha­rak­ter des Auf­he­bungs­be­schlus­ses blie­be mit­hin mit Blick auf die bis zur erneu­ten Antrag­stel­lung bereits ange­fal­le­nen Kos­ten erhal­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Janu­ar 2018 – XII ZB 287/​17

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 19.08.2015 XII ZB 208/​15 Fam­RZ 2015, 1874[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 19.08.2015 XII ZB 208/​15 Fam­RZ 2015, 1874 Rn. 10 f. mwN[]
  3. OLG Mün­chen, Beschluss vom 15.05.2017 – 4 WF 465/​17[]
  4. BGH, Beschluss vom 19.08.2015 XII ZB 208/​15 Fam­RZ 2015, 1874 Rn. 13[]
  5. BGH, Beschluss vom 19.08.2015 XII ZB 208/​15 Fam­RZ 2015, 1874 Rn. 18[]
  6. BVerfGE 122, 39 = Fam­RZ 2008, 2179 Rn. 30 ff. mwN[]
  7. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 19.08.2015 XII ZB 208/​15 Fam­RZ 2015, 1874 Rn.19 ff. zu vor­an­ge­gan­ge­nen Falsch­an­ga­ben; und vom 30.03.2011 XII ZB 212/​09 Fam­RZ 2011, 872 Rn. 14 ff. zur Auf­he­bung einer Schein­ehe[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 19.08.2015 XII ZB 208/​15 Fam­RZ 2015, 1874 Rn.19[]
  9. vgl. Zapf Fam­RZ 2015, 375, 379; Musielak/​Voit/​Fischer ZPO 14. Aufl. § 124 Rn. 11; Zöller/​Geimer ZPO 32. Aufl. § 124 Rn. 5; Prütting/​Gehrlein/​Zempel/​Völker ZPO 9. Aufl. § 124 Rn. 28; vgl. auch OLG Bran­den­burg Fam­RZ 2009, 242; BeckOKZPO/​Kratz [Stand: 15.09.2017] § 124 Rn. 32 und zur begrenz­ten Rück­wir­kung BGH Beschlüs­se vom 06.12 1984 – VII ZR 223/​83 NJW 1985, 921 f.; und vom 16.02.1970 NJW 1970, 757 f.[]