Auf­stel­lung des gerings­ten Gebots in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Die Auf­stel­lung des gerings­ten Gebots und damit auch des Bar­ge­bots rich­tet sich nicht nach mate­ri­ell­recht­li­chen Erwä­gun­gen, son­dern allein nach dem Rang­klas­sen­sys­tem des Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ge­set­zes 1.

Auf­stel­lung des gerings­ten Gebots in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Nach § 44 Abs. 1 ZVG sind Rech­te in das gerings­te Gebot auf­zu­neh­men, wenn sie dem Anspruch des bestran­gig betrei­ben­den Gläu­bi­gers vor­ge­hen. Wel­ches Recht dem Anspruch des betrei­ben­den Gläu­bi­gers im Sin­ne von § 44 Abs. 1 ZVG vor­geht und folg­lich im gerings­ten Gebot Berück­sich­ti­gung fin­den muss, rich­tet sich nach §§ 10 bis 12 ZVG und dem dar­in ent­hal­te­nen Rang­klas­sen­sys­tem 2.

Das Voll­stre­ckungs­ge­richt hat die ange­mel­de­ten Ansprü­che nicht in das gerings­te Gebot auf­zu­neh­men, wenn die­se den Ansprü­chen des bestran­gig die Zwangs­ver­stei­ge­rung betrei­ben­den Gläu­bi­gers nicht vor­ge­hen.

Soweit der Vor­rang ange­mel­de­ter Ansprü­che nicht aus den Rang­klas­sen des § 10 Abs. 1 ZVG, son­dern dem mate­ri­el­len Recht abge­lei­tet wer­den soll, geht dies schon im Ansatz fehl.

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof die Ansicht ver­tre­ten, dass § 49 Abs. 1 ZVG ergän­zend dahin aus­zu­le­gen ist, dass alle wei­te­ren den betrei­ben­den Gläu­bi­gern vor­ran­gi­gen Rech­te in das gerings­te Bar­ge­bot auf­ge­nom­men wer­den müs­sen 3. Die­se Aus­füh­run­gen bezie­hen sich aber auf einen eng begrenz­ten Aus­nah­me­fall im Zusam­men­hang mit dem damals noch gel­ten­den § 419 BGB (Ver­mö­gens­über­nah­me). Der Über­neh­mer, der zunächst per­sön­lich und unbe­schränkt haf­te­te, konn­te sei­ne Haf­tung über § 419 Abs. 2, §§ 1990, 1991 BGB beschrän­ken, indem er das über­nom­me­ne Ver­mö­gen, wenn es zur Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger nicht aus­reich­te, die­sen im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung her­aus­gab. Damit konn­te er nicht nur den Zugriff auf sein sons­ti­ges Ver­mö­gen abwen­den, son­dern nach Maß­ga­be der § 1990, § 1991 Abs. 1, § 1978 Abs. 3, § 1979 BGB auch Ersatz sei­ner Auf­wen­dun­gen bean­spru­chen 4. Nur für die­sen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch soll­te ein Vor­rang inner­halb der Rang­klas­se des § 10 Abs. 1 Nr. 5 ZVG begrün­det wer­den.

Ob nach der Auf­he­bung von § 419 BGB über­haupt noch ein Anwen­dungs­fall für eine ergän­zen­de Aus­le­gung des § 49 Abs. 1 ZVG unter mate­ri­ell­recht­li­chen Gesichts­punk­ten ver­bleibt, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Da sich die Auf­stel­lung des gerings­ten Gebots (und damit auch des Bar­ge­bots nach § 49 Abs. 1 ZVG) nicht nach mate­ri­ell­recht­li­chen Erwä­gun­gen, son­dern allein nach dem Rang­klas­sen­sys­tem des Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ge­set­zes rich­tet 5, ist dies allen­falls in einem ganz beson­ders gela­ger­ten Aus­nah­me­fall denk­bar.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Okto­ber 2015 – V ZB 65/​15

  1. Abgren­zung zu BGH, Urteil vom 19.02.1976 – III ZR 75/​74, BGHZ 66, 217, 226 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 09.05.2014 – V ZB 123/​13, BGHZ 201, 157 Rn. 17, 20 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 19.02.1976 – III ZR 75/​74, BGHZ 66, 217, 226 f.; vgl. auch Stö­ber, ZVG, 20. Aufl., § 49 Anm.02.4[]
  4. BGH, Urteil vom 19.02.1976 – III ZR 75/​74, BGHZ 66, 217, 224 ff.[]
  5. BGH, Beschluss vom 09.05.2014 – V ZB 123/​13, BGHZ 201, 157 Rn.20[]