Augen-OP gelun­gen, Ergeb­nis wert­los

Bei zu befürch­ten­den Behand­lungs­feh­lern kann ein vor einer wei­te­ren Ope­ra­ti­on erwar­te­tes klä­ren­des Gespräch nicht als ein irgend­wie ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten ange­se­hen wer­den, das den Arzt zur Kün­di­gung des Behand­lungs­ver­trags recht­fer­tigt. Eine Kata­rakt-Ope­ra­ti­on am rech­ten Auge, die Fern­sicht statt der ver­ein­bar­ten Nah­sicht ermög­licht, ist ins­ge­samt wert­los, sodass kein Hono­rar­an­spruch des Arz­tes besteht.

Augen-OP gelun­gen, Ergeb­nis wert­los

Mit die­ser Begrün­dung hat das Amts­ge­richt Mün­chen in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kla­ge einer ärzt­li­chen Abrech­nungs­stel­le aus abge­tre­te­nem Hono­rar­an­spruch eines Mün­che­ner Augen­arz­tes in Höhe von 2.588,97 € gegen einen Pati­en­ten aus Mün­chen Wald­tru­de­ring abge­wie­sen. In einer Mün­che­ner Augen­kli­nik führ­te der Augen­arzt im März 2018 am rech­ten Auge des Beklag­ten eine Kata­rak­t­ope­ra­ti­on durch. Als Ziel der Ope­ra­ti­on war mög­lichs­te Bril­len­frei­heit in der Nähe ver­ein­bart. Bei geplan­ter Ziel­re­frak­ti­on von ‑0,75 Diop­trien ergab sich nach der Ope­ra­ti­on eine Diop­trien­zahl von + 0,75. Damit konn­te der Beklag­te mit dem rech­ten Auge nach der Ope­ra­ti­on in der Fer­ne sehr gut, in der Nähe jedoch ledig­lich ver­schwom­men sehen. Nach mehr­ma­li­gen Nach­fra­gen des Beklag­ten im Hin­blick auf die Gestal­tung der ver­ein­bar­ten wei­te­ren Ope­ra­ti­on auch sei­nes lin­ken Auges kün­dig­te der behan­deln­de Arzt den Behand­lungs­ver­trag. Er lehn­te es ab, auch die Ope­ra­ti­on des lin­ken Auges durch­zu­füh­ren.

Nach Ansicht der Klä­ge­rin sei mit Nah­sicht der idea­le Bereich eines Bild­schirm­ar­beits­plat­zes von 80 cm bis 1,17 m gemeint gewe­sen. Nah­sicht sei mit einer Ope­ra­ti­on des lin­ken Auges auch noch zu errei­chen. Wegen der Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Beklag­ten nach der Durch­füh­rung der Ope­ra­ti­on am rech­ten Auge sei wegen des damit gestör­ten Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zwi­schen Arzt und Pati­ent die Kün­di­gung rech­tens gewe­sen. Dage­gen trug der Beklag­te vor, dass eine räum­li­che Sicht ohne Bril­le im Nah­be­reich nur durch eine neue Ope­ra­ti­on des rech­ten Auges erreicht wer­den könn­te.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Amts­ge­richt Mün­chen deut­lich erklärt, dass die Kata­rakt-Ope­ra­ti­on am rech­ten Auge des Beklag­ten für die­sen ins­ge­samt wert­los ist, sodass kein Hono­rar­an­spruch besteht. Grund­sätz­lich schul­det der Arzt als Dienst­ver­pflich­te­ter kei­nen Erfolg, son­dern nur die Erbrin­gung der von ihm ver­spro­che­nen Diens­te. § 628 Abs. 1 Satz 2 BGB legt fest, dass, wenn der behan­deln­de Arzt kün­digt, ohne durch ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Pati­en­ten dazu ver­an­lasst wor­den zu sein, der behan­deln­de Arzt kei­nen Anspruch auf die Ver­gü­tung hat, soweit die Leis­tun­gen für den Pati­en­ten kein Inter­es­se haben. Nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts Mün­chen war ein irgend­wie ver­trags­wid­rig gear­te­tes Ver­hal­ten des Beklag­ten nicht zu erken­nen. Bei zu befürch­ten­den Behand­lungs­feh­lern ist es nach­voll­zieh­bar, dass der Pati­ent gera­de dann, wenn wei­te­re Behand­lun­gen noch anste­hen, ein klä­ren­des Gespräch erwar­tet.


In sei­nem schrift­li­chen und münd­li­chen Gut­ach­ten führt der Sach­ver­stän­di­ge aus, dass nach sei­ner Ein­schät­zung bereits die Ziel­re­frak­ti­on von ‑0,75 Diop­trien für das Errei­chen einer Nah­sicht nicht kor­rekt gewe­sen sei. Theo­re­tisch kön­ne man bei ‑0,75 Diop­trien auf eine Ent­fer­nung von 1,33 m gut sehen. Wür­de man davon aus­ge­hen, dass mit „Nah­be­reich“ der Bereich des Lesens gemeint sei, dann wäre die­se Ziel­re­frak­ti­on nicht kor­rekt gewe­sen. In die­sem Fall hät­te man eine Ziel­re­frak­ti­on von ‑2,5 Diop­trien wäh­len müs­sen. Bei die­ser Diop­trien­zahl wür­de man in einer Ent­fer­nung von 40 cm scharf sehen. Wür­de man berück­sich­ti­gen, dass es bei der Ope­ra­ti­on eine Streu­brei­te von einer Diop­trien gebe, dann sei es bei einer Ziel­re­frak­ti­on von ‑2,5 Diop­trien wahr­schein­lich, dass man nach der Ope­ra­ti­on im Nah­be­reich gut sehen kön­ne.


Das Ergeb­nis kann auch nicht mit der Ope­ra­ti­on am lin­ken Auge erreicht wer­den. Wür­de man eine Ziel­re­frak­ti­on von ‑1,25 Diop­trien anvi­sie­ren, dann könn­ten im Ergeb­nis die Wer­te des rech­ten und des lin­ken Auges so weit aus­ein­an­der­fal­len, dass der Beklag­te vor­aus­sicht­lich Kopf­schmer­zen bekom­men wür­de.

Nach Ansicht des Amts­ge­richts Mün­chen stel­le die Besei­ti­gung der durch den grau­en Star ver­ur­sach­ten Trü­bung der Lin­se kein „Inter­es­se“ im Sinn eines selb­stän­dig ver­wert­ba­ren Arbeits­an­teils dar, da sie untrenn­bar mit der ver­fehl­ten Nah­sicht ver­bun­den sei.


Dar­über hin­aus berech­ti­ge der dane­ben bestehen­de Scha­dens­er­satz­an­spruch des Beklag­ten aus Pflicht­ver­let­zung sei­tens des Arz­tes den Beklag­ten eben­falls, zumin­dest von sei­ner ursprüng­li­chen Ver­gü­tungs­pflicht befreit zu wer­den.

Amts­ge­richt Mün­chen, Urteil vom 2. März 2020 – 159 C 22718/​18