Aus­gleichs­an­spruch bei Annu­lie­rung eines Teil­flu­ges – und das zustän­di­ge Gericht

Wenn bei Flü­gen mit ein­heit­li­cher Buchung und meh­re­ren Teil­flü­gen wegen Annul­lie­rung des letz­ten Teil­flugs eine Kla­ge auf Aus­gleichs­zah­lun­gen erho­ben wer­den soll, kann die­se bei dem Gericht des Abflug­orts des ers­ten Teil­flugs erho­ben wer­den, selbst wenn sie sich gegen das mit dem letz­ten Teil­flug beauf­trag­te Luft­fahrt­un­ter­neh­men richtet.

Aus­gleichs­an­spruch bei Annu­lie­rung eines Teil­flu­ges – und das zustän­di­ge Gericht

So hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Anfra­ge bezüg­lich der gericht­li­chen Zustän­dig­keit. Zu der Anfra­ge des Amts­ge­richts Ham­burg ist es auf­grund eines dort anhän­gi­gen Ver­fah­ren zwei­er Flug­gäs­te gekom­men: Die­se haben einen Flug mit Anschluss­flü­gen gebucht, für den eine bestä­tig­te ein­heit­li­che Buchung vor­liegt. Der Flug umfass­te drei Teil­flü­ge: Der ers­te Teil­flug von Ham­burg (Deutsch­land) nach Lon­don (Ver­ei­nig­tes König­reich) wur­de von dem bri­ti­schen Luft­fahrt­un­ter­neh­men Bri­tish Air­ways durch­ge­führt; die bei­den übri­gen, der eine von Lon­don nach Madrid (Spa­ni­en) und der ande­re von Madrid nach San Sebas­ti­an (Spa­ni­en) wur­den von dem spa­ni­schen Luft­fahrt­un­ter­neh­men Ibe­ria durch­ge­führt. Der drit­te Teil­flug wur­de annul­liert, ohne dass die Flug­gäs­te recht­zei­tig infor­miert wor­den sind. Fligh­t­right, ein Unter­neh­men mit Sitz in Pots­dam (Deutsch­land), an das die bei­den Flug­gäs­te ihre etwai­gen Aus­gleichs­an­sprü­che abge­tre­ten hat­ten, hat dar­auf­hin beim Amts­ge­richt Ham­burg (Deutsch­land) gegen Ibe­ria Kla­ge auf Aus­gleichs­zah­lun­gen erho­ben. Der auf der Grund­la­ge der Flug­gast­ver­ord­nung [1] ver­lang­te Betrag beläuft sich auf 250 Euro pro Flug­gast, da die Ent­fer­nung zwi­schen Ham­burg und San Sebas­ti­an etwa 1433 km beträgt.

Das Amts­ge­richt Ham­burg zwei­felt an sei­ner Zustän­dig­keit für die Ent­schei­dung über den Rechts­streit, der den annul­lier­ten Teil­flug betrifft, da der Abflugs- und der Ankunfts­ort die­ses Teil­flugs, näm­lich Madrid bzw. San Sebas­ti­an, jeweils außer­halb sei­ner Zustän­dig­keit liegt. Die­se Fra­ge erfor­dert die Aus­le­gung der Ver­ord­nung über die gericht­li­che Zustän­dig­keit [2].

In sei­ner Anfra­ge ver­weist das Amts­ge­richt Ham­burg auf ein Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nach dem im Rah­men eines Flugs mit Anschluss­flü­gen, der Gegen­stand einer ein­zi­gen Buchung war, das Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das den ers­ten Teil­flug durch­ge­führt hat, des­sen Abflug­ort im Zustän­dig­keits­be­reich des ange­ru­fe­nen Gerichts lag, im Rah­men einer auf der Grund­la­ge der Flug­gast­ver­ord­nung erho­be­nen Kla­ge auf Aus­gleichs­zah­lun­gen für die Gesamt­heit der Teil­flü­ge pas­siv legi­ti­miert ist [3]. Ange­sichts die­ses Urteils fragt sich das Amts­ge­richt Ham­burg, ob auch das Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das mit dem letz­ten Teil­flug eines sol­chen Flugs beauf­tragt ist(Iberia), auf die­ser Grund­la­ge auf Aus­gleichs­zah­lun­gen bei ihm ver­klagt wer­den kann.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist die Ver­ord­nung über die gericht­li­che Zustän­dig­keit dahin aus­zu­le­gen, dass bei Flü­gen, für die eine bestä­tig­te ein­heit­li­che Buchung vor­liegt und die in meh­re­ren Teil­flü­gen von zwei ver­schie­de­nen Luft­fahrt­un­ter­neh­men aus­ge­führt wer­den, Kla­gen auf Aus­gleichs­zah­lun­gen wegen Annul­lie­rung des letz­ten Teil­flugs bei den Gerich­ten des Abflug­orts des ers­ten Teil­flugs erho­ben wer­den kön­nen, selbst wenn sie sich gegen das mit dem letz­ten Teil­flug beauf­trag­te Luft­fahrt­un­ter­neh­men richten.

Wei­ter führt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on aus, dass bei einem Ver­trag über eine Beför­de­rung im Luft­ver­kehr, der durch eine bestä­tig­te ein­heit­li­che Buchung für die gesam­te Rei­se gekenn­zeich­net ist, das Luft­fahrt­un­ter­neh­men ver­pflich­tet ist, einen Flug­gast von A nach D zu beför­dern. Daher kann bei einem Flug mit Anschluss­flü­gen, der durch eine bestä­tig­te ein­heit­li­che Buchung gekenn­zeich­net ist und meh­re­re Teil­flü­ge umfasst, der Abflug­ort des ers­ten Teil­flugs als einer der Orte, an denen die Dienst­leis­tun­gen, die Gegen­stand eines Beför­de­rungs­ver­trags im Luft­ver­kehr sind, haupt­säch­lich erbracht wer­den, der Erfül­lungs­ort die­ses Flugs im Sin­ne der Ver­ord­nung über die gericht­li­che Zustän­dig­keit sein.

Außer­dem hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest­ge­stellt, dass das Kri­te­ri­um des Abflug­orts des ers­ten Teil­flugs sowohl dem Erfor­der­nis der Nähe zwi­schen dem Beför­de­rungs­ver­trag im Luft­ver­kehr und dem zustän­di­gen Gericht als auch dem Grund­satz der Vor­her­seh­bar­keit genügt, die in der Ver­ord­nung über die gericht­li­che Zustän­dig­keit fest­ge­legt sind. Dadurch kann sowohl der Klä­ger als auch der Beklag­te das Gericht an dem im Beför­de­rungs­ver­trag fest­ge­leg­ten Abflug­ort des ers­ten Teil­flugs als Gericht aus­ma­chen, bei dem eine Kla­ge erho­ben wer­den kann.

Hin­sicht­lich der Mög­lich­keit, das mit dem letz­ten Teil­flug beauf­trag­te Luftfahrtunternehmen(Iberia) bei dem Gericht zu ver­kla­gen, in des­sen Zuständigkeitsbereich(Hamburg) der Abflug­ort des ers­ten Teil­flugs liegt, stellt der Gerichts­hof fest, dass bei einem Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das in kei­ner Ver­trags­be­zie­hung mit dem Flug­gast steht, davon aus­ge­gan­gen wird, dass es im Namen der Per­son han­delt, die den Ver­trag abge­schlos­sen hat und Ver­pflich­tun­gen erfüllt, die ihren Ursprung im Luft­ver­kehrs­ver­trag haben.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Beschluss vom 20.02.2020 C606/​19, Flightright/​Iberia

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr.261/2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 11.02.2004 über eine gemein­sa­me Rege­lung für Aus­gleichs- und Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen für Flug­gäs­te im Fall der Nicht­be­för­de­rung und bei Annul­lie­rung oder gro­ßer Ver­spä­tung von Flü­gen und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EWG) Nr.295/91; ABl.2004, L46, S.1[]
  2. Ver­ord­nung (EU) Nr.1215/2012 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12.12.2012 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen; ABl.2012, L351, S.1[]
  3. EuGH, Urteil vom 11.07.2019 C502/​18, ?eské aero­li­nie[]