Aus­la­gen­pau­scha­le

Mit der Schät­zung einer Aus­la­gen­pau­scha­le für Auf­wen­dun­gen des Geschä­dig­ten muss­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof befas­sen:

Aus­la­gen­pau­scha­le

Anlass hier­zu bot ein von einem Bau­un­ter­neh­mer beschä­dig­tes Strom­ka­bel. Die Klä­ge­rin, das von dem Scha­den betrof­fe­ne Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men, begehrt mit den von ihr gel­tend gemach­ten Aus­la­gen­pau­scha­len Ersatz für Auf­wen­dun­gen, die ihr dadurch ent­stün­den, dass sich ein Mit­ar­bei­ter vor Ort bege­be, ein Unter­neh­men mit der Repa­ra­tur beauf­tragt wer­de, der Schä­di­ger – gege­be­nen­falls durch Anfra­gen bei Behör­den – ermit­telt wer­den müs­se und oft Kon­takt zu sei­nem Haft­pflicht­ver­si­che­rer auf­ge­nom­men wer­de. Auch wenn ein Unter­neh­men, das häu­fig mit der Abwick­lung von im Wesent­li­chen gleich gela­ger­ten Scha­dens­fäl­len kon­fron­tiert ist, auf­grund der rou­ti­ne­mä­ßi­gen Bear­bei­tung und der Ver­wen­dung geeig­ne­ter For­mu­la­re in der Lage sein mag, die Scha­dens­ab­wick­lung ratio­nel­ler und kos­ten­güns­ti­ger zu gestal­ten, als dies einer damit nicht ver­trau­ten Pri­vat­per­son mög­lich ist 1, so bedeu­tet dies nicht, dass durch die im Rah­men der Scha­dens­ab­wick­lung erfor­der­li­chen Maß­nah­men, ins­be­son­de­re die dabei anfal­len­de Kom­mu­ni­ka­ti­on, ersatz­pflich­ti­ge Kos­ten in nen­nens­wer­tem Umfang nicht ent­stün­den.

Gleich­wohl ver­nein­te der Bun­des­ge­richts­hof einen Anspruch auf Ersatz der gel­tend gemach­ten Aus­la­gen­pau­scha­len gemäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB:

Für die Scha­dens­schät­zung nach § 287 ZPO benö­tigt der Rich­ter als Aus­gangs­si­tua­ti­on greif­ba­re Tat­sa­chen, die der Geschä­dig­te im Regel­fall im Ein­zel­nen dar­le­gen und bewei­sen muss. Eine völ­lig abs­trak­te Berech­nung des Scha­dens, auch in Form der Schät­zung eines "Min­dest­scha­dens", lässt § 287 ZPO grund­sätz­lich nicht zu 2.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall sind kei­ne für eine Scha­dens­schät­zung zurei­chen­den Anknüp­fungs­tat­sa­chen fest­ge­stellt. Auch aus dem Vor­brin­gen der Klä­ge­rin zur Abwick­lung von Lei­tungs­schä­den wird nicht hin­rei­chend deut­lich, in wel­chem Maße die Scha­dens­ab­wick­lung regel­mä­ßig eine Kom­mu­ni­ka­ti­on erfor­dert. Aus­schlag­ge­bend hier­für ist nicht etwa die zeit­li­che Dau­er der Scha­dens­er­mitt­lung, denn für den eige­nen Zeit­auf­wand kann der Geschä­dig­te vom Schä­di­ger grund­sätz­lich kei­nen Ersatz ver­lan­gen 3. Wel­che Aus­la­gen für Tele­fo­na­te, Brief­wech­sel oder Fahrt­kos­ten die Abwick­lung von Lei­tungs­schä­den typi­scher­wei­se erfor­dert, ist weder ersicht­lich noch vor­ge­tra­gen.

Soweit hin­sicht­lich sol­cher Kos­ten bei der Abwick­lung von Ver­kehrs­un­fall­schä­den regel­mä­ßig von nähe­rem Vor­trag abge­se­hen wird und die Recht­spre­chung dem Geschä­dig­ten eine Aus­la­gen­pau­scha­le zuer­kennt, auch wenn Anknüp­fungs­tat­sa­chen hier­für im kon­kre­ten Ein­zel­fall nicht dar­ge­tan sind, ist dies dem Umstand geschul­det, dass es sich bei der Regu­lie­rung von Ver­kehrs­un­fäl­len um ein Mas­sen­ge­schäft han­delt 4, bei dem dem Gesichts­punkt der Prak­ti­ka­bi­li­tät beson­de­res Gewicht zukommt. Eine gene­rel­le Aner­ken­nung einer sol­chen Pau­scha­le für sämt­li­che Scha­dens­fäl­le ohne nähe­re Dar­le­gung der getä­tig­ten Auf­wen­dun­gen – etwa auch im Rah­men der ver­trag­li­chen Haf­tung – gibt es in der Recht­spre­chung nicht 5 und ist ange­sichts der unter­schied­li­chen Abläu­fe bei der jewei­li­gen Scha­dens­ab­wick­lung auch nicht gerecht­fer­tigt 6. Nichts ande­res gilt für Fäl­le der Beschä­di­gung von Ener­gie­ver­sor­gungs­an­la­gen, die inso­weit kei­ne Beson­der­heit dar­stel­len 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Mai 2012 – VI ZR 37/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.1976 – VI ZR 98/​75, BGHZ 66, 112, 117[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 16.03.2004 – VI ZR 138/​03, VersR 2004, 874, 875 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 09.03.1976 – VI ZR 98/​75, aaO S. 114 f.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 13.12.1977 – VI ZR 14/​76, VersR 1978, 278, 280; und BGH, Beschluss vom 18.11.2008 – VI ZB 22/​08, BGHZ 178, 338 Rn. 17[]
  5. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 21.12.2005 – I15 U 44/​05, juris Rn. 26 f.[]
  6. a.A.: Kan­now­ski, VersR 2001, 555, 558[]
  7. a.A.: Palandt/​Grüneberg, BGB, 71. Aufl., § 249 Rn. 79; Schul­ze, VersR 2003, 707 f.[]