Aus­le­gung unkla­rer Voll­stre­ckungs­ti­tel

Das Voll­stre­ckungs­or­gan hat eine unkla­re Bezeich­nung im Voll­stre­ckungs­ti­tel nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen aus­zu­le­gen. Dabei darf es außer­halb des Titels lie­gen­de Umstän­de grund­sätz­lich nicht berück­sich­ti­gen 1. Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch, wenn die Zwangs­voll­stre­ckung aus einem aus­län­di­schen Titel betrie­ben wird, der nach Art. 5 ff. EuVT­VO als euro­päi­scher Voll­stre­ckungs­ti­tel bestä­tigt wor­den ist.

Aus­le­gung unkla­rer Voll­stre­ckungs­ti­tel

Die­se Aus­le­gung fin­det frei­lich, wie eine aktu­el­le Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs für den Fall eines Ver­säum­nis­ur­teils eines nie­der­län­di­schen Gerichts zeigt, dort ihre Gren­ze, wo das Urteil als beklag­te, zur Zah­lung ver­ur­teil­te Par­tei nicht den Schuld­ner, son­dern eine GmbH und damit ein ande­res Rechts­sub­jekt bezeich­net.

Bei dem nie­der­län­di­schen Ver­säum­nis­ur­teil han­delt es sich um einen nach deut­schem Recht voll­streck­ba­ren Titel. Gemäß § 1082 ZPO fin­det im Inland die Zwangs­voll­stre­ckung aus Titeln statt, die im Ursprungs­mit­glied­staat als Euro­päi­scher Voll­stre­ckungs­ti­tel nach der EuVT­VO bestä­tigt wor­den sind, ohne dass es einer Voll­stre­ckungs­klau­sel bedarf. Gemäß Art. 20 Abs. 1 EuVT­VO rich­tet sich das Ver­fah­ren der Zwangs­voll­stre­ckung grund­sätz­lich nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der §§ 704 ff. ZPO; die bestä­tig­te Ent­schei­dung wird unter den glei­chen Bedin­gun­gen voll­streckt wie eine im Inland ergan­ge­ne Ent­schei­dung.

Nach § 750 Abs. 1 Satz 1 ZPO darf die Zwangs­voll­stre­ckung nur begin­nen, wenn die Per­son, gegen die sie statt­fin­den soll, in dem Urteil nament­lich bezeich­net ist. Damit wird für das Voll­stre­ckungs­or­gan die Prü­fung, dass Gläu­bi­ger und Schuld­ner als Par­tei­en des Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­rens mit den Per­so­nen iden­tisch sind, für und gegen die der durch den Titel voll­streck­bar gestell­te Anspruch durch­zu­set­zen ist, zuver­läs­sig ermög­licht. Es geht dabei nicht nur dar­um, die Inan­spruch­nah­me Unbe­tei­lig­ter aus­zu­schlie­ßen, son­dern gegen­über dem Voll­stre­ckungs­schuld­ner zwei­fels­frei klar­zu­stel­len, dass sich die Voll­stre­ckung gegen ihn rich­tet 2.

Bei die­ser rein for­ma­len Prü­fung hat das Voll­stre­ckungs­or­gan die nament­li­che Bezeich­nung des Schuld­ners im Titel nach all­ge­mei­nen Regeln aus­zu­le­gen 3. Dabei sind Umstän­de, die außer­halb des Titels lie­gen, wegen der For­ma­li­sie­rung des Voll­stre­ckungs­ver­fah­rens grund­sätz­lich nicht zu berück­sich­ti­gen. Das gilt ins­be­son­de­re für sol­che Umstän­de, die das mate­ri­el­le Rechts­ver­hält­nis der Par­tei­en betref­fen. Für das Voll­stre­ckungs­or­gan ist es ohne Bedeu­tung, wel­che sach­lich-recht­li­chen Ansprü­che dem Gläu­bi­ger zuste­hen. Es ist nicht sei­ne Auf­ga­be, im Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren das mate­ri­el­le Recht zur Grund­la­ge sei­ner Maß­nah­men zu machen und einem Gläu­bi­ger ohne ent­spre­chen­den Schuld­ti­tel einen Zugriff in Ver­mö­gen Drit­ter zu gestat­ten 4.

Aller­dings kann das Pro­zess­ge­richt, das als zustän­di­ges Voll­stre­ckungs­or­gan über eine Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­me aus einem Titel ent­schei­det, den es selbst erlas­sen hat, sein Wis­sen aus dem Erkennt­nis­ver­fah­ren bei der Aus­le­gung des Titels mit her­an­zie­hen und damit auch Umstän­de berück­sich­ti­gen, die außer­halb des Titels lie­gen 5. Eine Über­tra­gung die­ses Grund­sat­zes auf die Fäl­le, in denen das Voll­stre­ckungs­or­gan einen nicht von ihm selbst erlas­se­nen Titel voll­streckt, kommt nicht in Betracht. Ent­ge­gen der Ansicht der Rechts­be­schwer­de folgt aus § 750 Abs. 1 Satz 1 ZPO nicht, dass für bei­de Fall­ge­stal­tun­gen der­sel­be Aus­le­gungs­maß­stab gel­ten müss­te.

Die so ver­stan­de­ne Mög­lich­keit der Aus­le­gung dient dazu, die wah­re Bedeu­tung einer unkla­ren Bezeich­nung im Titel zu klä­ren. Dar­über hin­aus­ge­hen­de Kor­rek­tu­ren darf das Voll­stre­ckungs­or­gan nicht vor­neh­men. Es darf ins­be­son­de­re nicht einem ande­ren als dem vom Gericht bestimm­ten Rechts­sub­jekt die Schuld­ner­rol­le zuord­nen; maß­ge­bend ist der Voll­stre­ckungs­ti­tel, nicht die mate­ri­el­le Rechts­la­ge 6.

Die­se Aus­le­gungs­grund­sät­ze sind auch hier anwend­bar. Nach Art. 20 Abs. 1 Satz 1 EuVT­VO gilt für die Zwangs­voll­stre­ckung und damit auch für die Art und Wei­se, wie die Iden­ti­tät der im Titel bezeich­ne­ten Per­son mit dem Voll­stre­ckungs­schuld­ner fest­ge­stellt wird, das Recht des Voll­stre­ckungs­mit­glied­staats.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Novem­ber 2009 – VII ZB 42/​08

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – I ZB 45/​02, BGHZ 156, 335[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – I ZB 45/​02, BGHZ 156, 335, 339; Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 750 Rdn. 1[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – I ZB 45/​02, aaO; MünchKommZPO/​Heßler, 3. Aufl., § 750 Rdn. 24[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 26. Sep­tem­ber 1957 – III ZR 67/​56, NJW 1957, 1877, 1878[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – I ZB 45/​02, aaO[]
  6. vgl. MünchKommZPO/​Heßler, aaO, Rdn. 29[]