Aus­schließ­lich neu­er Vor­trag in der Beru­fung

Wird eine Beru­fung aus­schließ­lich auf neu­es Vor­brin­gen gestützt, kann sie ohne wei­te­res durch Beschluss ver­wor­fen wer­den, wenn die Beru­fungs­be­grün­dung kei­ne Anga­ben zu den Tat­sa­chen ent­hält, die eine Zulas­sung des neu­en Vor­brin­gens nach § 531 Abs. 2 ZPO recht­fer­ti­gen. Dass das Vor­brin­gen zuzu­las­sen wäre, wenn es sich im Ver­lauf des Beru­fungs­ver­fah­rens als unstrei­tig erwie­se, steht dem nicht ent­ge­gen.

Aus­schließ­lich neu­er Vor­trag in der Beru­fung

Die Ver­wer­fung der Beru­fung als unzu­läs­sig ver­letzt in einem sol­chen Fall nicht den Anspruch der Klä­ge­rin auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip [1]). Eine unzu­mut­ba­re, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­de Erschwe­rung des Zugangs zu dem von der Zivil­pro­zess­ord­nung ein­ge­räum­ten Instan­zen­zug [2] liegt nicht vor.

Eine aus­schließ­lich auf neue Angriffs­mit­tel gestütz­te Beru­fung muss nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 ZPO auch die­je­ni­gen Tat­sa­chen bezeich­nen, die zur Zulas­sung neu­er Angriffs­mit­tel nach § 531 Abs. 2 füh­ren sol­len. Fehlt es dar­an, ist die Beru­fung nach § 522 Abs. 1 Satz 1 und 2 ZPO als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen [3].

Neu sind Angriffs­mit­tel im Sin­ne von § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 ZPO, wenn sie erst­mals in der Beru­fungs­in­stanz in den Pro­zess ein­ge­führt wer­den. Etwas anders gilt nur dann, wenn ein bereits schlüs­si­ges erst­in­stanz­li­ches Vor­brin­gen durch wei­te­re Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen ledig­lich kon­kre­ti­siert, ver­deut­licht und erläu­tert wird [4]. So ver­hält es sich hier jedoch nicht. Die Begrün­dung des amts­ge­richt­li­chen Urteils hat die Klä­ge­rin nicht ange­grif­fen; sie selbst geht davon aus, dass das Amts­ge­richt auf der Grund­la­ge des erst­in­stanz­li­chen Streit­stoffs rich­tig ent­schie­den hat. Ihr Haupt­vor­trag ist zwar im Kern gleich­ge­blie­ben. Es wer­den aber nun­mehr ande­re und voll­stän­dig neue Hilfs­tat­sa­chen zur Stüt­zung die­ser Behaup­tung vor­ge­tra­gen. Die­ses neue Vor­brin­gen soll mit den erst­mals in der Beru­fungs­in­stanz vor­ge­leg­ten Unter­la­gen – also mit neu­en Beweis­mit­teln – nach­ge­wie­sen wer­den.

Dass im Beru­fungs­rechts­zug nicht (mehr) bestrit­te­ne oder unstrei­tig gestell­te Tat­sa­chen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht als neue Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel im Sin­ne von § 531 Abs. 2 ZPO behan­delt wer­den und damit der Prä­k­lu­si­on ent­zo­gen sind [5], macht es nicht ent­behr­lich, in der Beru­fungs­be­grün­dung gemäß § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 ZPO die Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, auf Grund deren das neue Vor­brin­gen nach Ansicht des Beru­fungs­füh­rers zuzu­las­sen ist. Im Rah­men der Zuläs­sig­keits­prü­fung ist davon aus­zu­ge­hen, dass es sich bei neu­em tat­säch­li­chen Vor­brin­gen des Rechts­mit­tel­füh­rers, mit dem das erst­in­stanz­li­che Urteil zu Fall gebracht wer­den soll, um ein neu­es Angriffs­mit­tel im Sin­ne von § 531 Abs. 2 ZPO han­delt. Wird die Beru­fung aus­schließ­lich hier­auf gestützt, sind des­halb die in § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 ZPO genann­ten Anga­ben erfor­der­lich; feh­len die­se, kann die Beru­fung ohne wei­te­res nach § 522 Abs. 1 ZPO zurück­ge­wie­sen wer­den.

Dass das neue Vor­brin­gen kein neu­es Angriffs­mit­tel (mehr) wäre, wenn es von der Gegen­sei­te nicht bestrit­ten wird, ist in die­sem Ver­fah­rens­sta­di­um nicht rele­vant. Dabei kann offen­blei­ben, ob eine aus­schließ­lich auf neu­es Vor­brin­gen gestütz­te Beru­fung trotz Feh­lens der nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 Halb­satz 2 ZPO vor­ge­schrie­be­nen Anga­ben zuläs­sig wird, wenn sich das neue Vor­brin­gen als unstrei­tig erweist, oder ob dies eine unzu­läs­si­ge Ver­men­gung von Zuläs­sig­keit und Begründ­etheit des Rechts­mit­tels bedeu­te­te. Denn es steht jeden­falls erst am Schluss der (letz­ten) münd­li­chen Ver­hand­lung fest, ob das neue Vor­brin­gen unstrei­tig ist. Bis dahin kann es von dem Beru­fungs­be­klag­ten noch bestrit­ten wer­den, ein vor­he­ri­ges Nicht­be­strei­ten in vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­zen bin­det ihn nicht BGH, Urteil vom 12.03.1991 – XI ZR 85/​90, NJW 1991, 1683; vgl. auch Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, § 522 Rn. 21 zu § 522 Abs. 2 ZPO)). Zu einer münd­li­chen Ver­hand­lung kommt es aber nicht, wenn das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung nach § 522 Abs. 1 Satz 2 ZPO durch Beschluss ver­wirft.

Das Gericht ist auch nicht gehal­ten, eine münd­li­che Ver­hand­lung anzu­be­rau­men. Der Beru­fungs­klä­ger hat kei­nen Anspruch dar­auf, dass allein wegen der – meist ohne­hin nur theo­re­ti­schen – Mög­lich­keit, dass das neue Vor­brin­gen im Ver­lauf des Beru­fungs­rechts­zu­ges unstrei­tig wird, von der in § 522 Abs. 1 ZPO vor­ge­se­he­nen Mög­lich­keit einer (beschleu­nig­ten) Ver­wer­fung der Beru­fung durch Beschluss abge­se­hen wird. Eine unzu­mut­ba­re Erschwe­rung des Zugangs zur Beru­fungs­in­stanz geht damit nicht ein­her. Es ist dem Beru­fungs­klä­ger, der die Beru­fung allein auf neu­es Vor­brin­gen stützt, schon des­halb zuzu­mu­ten, die nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 ZPO erfor­der­li­chen Anga­ben zu machen, weil die Vor­schrift nur for­ma­le Anfor­de­run­gen auf­stellt. Ob die in der Beru­fungs­be­grün­dung genann­ten Tat­sa­chen tat­säch­li­che eine Zulas­sung des Vor­brin­gens nach § 531 Abs. 2 ZPO recht­fer­ti­gen, ist eine Fra­ge der Begründ­etheit des Rechts­mit­tels [6].

Auch § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 ZPO ent­bin­det nicht von den Vor­ga­ben der Nr. 4. Zwar kann die Beru­fungs­be­grün­dung nach Nr. 3 (auch) auf kon­kre­te Anhalts­punk­te gestützt wer­den, die Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der erst­in­stanz­li­chen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie­ten. Wer­den die­se Zwei­fel aber auf neue Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel gestützt, so sind die beson­de­ren Begrün­dungs­an­for­de­run­gen des § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 4 ZPO zu beach­ten [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Okto­ber 2014 – V ZB 225/​12

  1. vgl. BVerfGE 77, 275, 284[]
  2. dazu etwa BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – – V ZB 28/​03, NJW 2004, 367, 368 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 13.12 2006 – – IV ZR 180/​04, VersR 2007, 373; Beschluss vom 28.05.2003 – XII ZB 165/​02, NJW 2003, 2531, 2532; HK-ZPO/­Wöst­mann, ZPO, 5. Aufl., § 520 Rn. 16, 29[]
  4. BGH, Urteil vom 01.12 2009 – – VI ZR 221/​08, NJW-RR 2010, 839 Rn. 22; Beschluss vom 21.12 2006 – – VI ZR 279/​05, NJW 2007, 1531 Rn. 7; Urteil vom 08.06.2004 – – VI ZR 199/​03, BGHZ 159, 245, 251 mwN[]
  5. grund­le­gend BGH, Beschluss vom 23.06.2008 – GSZ 1/​08, BGHZ 177, 212 Rn. 10 ff. mwN; vgl. auch BGH, Urteil vom 18.11.2004 – – IX ZR 229/​03, BGHZ 161, 138, 141 ff. mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 28.05.2003 – XII ZB 165/​02, NJW 2003, 2531, 2532[]
  7. Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, aaO, § 520 Rn. 47, 55 und § 529 Rn. 21; zu § 529 ZPO vgl. auch BGH, Urteil vom 19.03.2004 – V ZR 104/​03, BGHZ 158, 295, 301; BGH, Urteil vom 18.10.2005 – VI ZR 270/​04, BGHZ 164, 330, 333[]