Bade­un­fall – und die Beweis­last­um­kehr

Wer eine beson­de­re Berufs- oder Orga­ni­sa­ti­ons­pflicht, ande­re vor Gefah­ren für Leben und Gesund­heit zu bewah­ren, grob ver­nach­läs­sigt hat, muss die Nicht­ur­säch­lich­keit fest­ge­stell­ter Feh­ler bewei­sen, die all­ge­mein als geeig­net anzu­se­hen sind, einen Scha­den nach Art des ein­ge­tre­te­nen her­bei­zu­füh­ren. Dies gilt auch im Fal­le einer grob fahr­läs­si­gen Ver­let­zung der Ver­pflich­tung zur Über­wa­chung eines Schwimm­bad­be­triebs 1.

Bade­un­fall – und die Beweis­last­um­kehr

Die Ursäch­lich­keit der der Bade­auf­sicht vor­ge­wor­fe­nen Ver­säum­nis­se für ein­ge­tre­te­ne gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen besteht nur, wenn die­se bei pflicht­ge­mä­ßer Erfül­lung der Auf­sichts- und Ret­tungs­pflich­ten ver­mie­den wor­den wären 2, wobei die blo­ße Mög­lich­keit oder eine gewis­se Wahr­schein­lich­keit nicht aus­rei­chen 3.

Gelingt dem Unfall­op­fer der Kau­sa­li­täts­nach­weis auf Grund­la­ge der vom Gericht zu tref­fen­den Fest­stel­lun­gen nicht, ist zu sei­nen Guns­ten das Ein­grei­fen einer Beweis­last­um­kehr zu prü­fen.

Im Arzt­haf­tungs­recht führt ein gro­ber Behand­lungs­feh­ler, der geeig­net ist, einen Scha­den der tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Art her­bei­zu­füh­ren, regel­mä­ßig zur Umkehr der objek­ti­ven Beweis­last für den ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen dem Behand­lungs­feh­ler und dem Gesund­heits­scha­den 4. Die­se beweis­recht­li­chen Kon­se­quen­zen aus einem grob feh­ler­haf­ten Behand­lungs­ge­sche­hen knüp­fen dar­an an, dass die nach­träg­li­che Auf­klär­bar­keit des tat­säch­li­chen Behand­lungs­ge­sche­hens wegen des beson­de­ren Gewichts des ärzt­li­chen Feh­lers und sei­ner Bedeu­tung für die Behand­lung in einer Wei­se erschwert ist, dass der Arzt nach Treu und Glau­ben – also aus Bil­lig­keits­grün­den – dem Pati­en­ten den vol­len Kau­sa­li­täts­nach­weis nicht zumu­ten kann. Die Beweis­last­um­kehr soll einen Aus­gleich dafür bie­ten, dass das Spek­trum der für die Schä­di­gung in Betracht kom­men­den Ursa­chen wegen der ele­men­ta­ren Bedeu­tung des Feh­lers beson­ders ver­brei­tert oder ver­scho­ben wor­den ist 5. Dabei ist ein Behand­lungs­feh­ler nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs dann als grob zu bewer­ten, wenn ein Arzt ein­deu­tig gegen bewähr­te ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln oder gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se ver­sto­ßen und einen Feh­ler began­gen hat, der aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint, weil er einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen darf 6.

Wegen der Ver­gleich­bar­keit der Inter­es­sen­la­ge gel­ten die vor­ge­nann­ten Beweis­grund­sät­ze ent­spre­chend bei gro­ber Ver­let­zung sons­ti­ger Berufs- oder Orga­ni­sa­ti­ons­pflich­ten, sofern die­se, ähn­lich wie beim Arzt­be­ruf, dem Schutz von Leben und Gesund­heit ande­rer die­nen. Wer eine beson­de­re Berufs- oder Orga­ni­sa­ti­ons­pflicht, ande­re vor Gefah­ren für Leben und Gesund­heit zu bewah­ren, grob ver­nach­läs­sigt hat, kann nach Treu und Glau­ben die Fol­gen der Unge­wiss­heit, ob der Scha­den abwend­bar war, nicht dem Geschä­dig­ten auf­bür­den. Auch in der­ar­ti­gen Fäl­len kann die regel­mä­ßi­ge Beweis­last­ver­tei­lung dem Geschä­dig­ten nicht zuge­mu­tet wer­den. Der sei­ne Pflich­ten grob Ver­nach­läs­si­gen­de muss daher die Nicht­ur­säch­lich­keit fest­ge­stell­ter Feh­ler bewei­sen, die all­ge­mein als geeig­net anzu­se­hen sind, einen Scha­den nach Art des ein­ge­tre­te­nen her­bei­zu­füh­ren 7.

Dies trifft auch auf die von den Schwimm­meis­tern wahr­ge­nom­me­ne Bade­auf­sicht zu. So hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass ein Schwimm­meis­ter, der durch gro­be Ver­nach­läs­si­gung sei­ner Auf­sichts­pflicht den sei­ner Obhut anver­trau­ten Schwimm­schü­ler in eine Gefah­ren­la­ge gebracht hat, die geeig­net war, den ein­ge­tre­te­nen Ertrin­kungs­tod her­bei­zu­füh­ren, bewei­sen muss, dass der Ver­un­glück­te auch bei sorg­fäl­ti­ger Über­wa­chung nicht hät­te geret­tet wer­den kön­nen 8. Den Schwimm­meis­tern obliegt die Auf­ga­be, die Bade­ge­äs­te durch eine ord­nungs­ge­mä­ße Über­wa­chung des Bade­be­triebs vor Schä­den an Leben und Gesund­heit – ins­be­son­de­re auf­grund von Bade­un­fäl­len – zu bewah­ren. Auch ist eine nicht sach­ge­rech­te Aus­übung die­ser Berufs­pflicht all­ge­mein geeig­net, Schä­den nach Art des im vor­lie­gen­den Streit­fall bei ein­ge­tre­te­nen Scha­dens schwers­te Hirn­schä­di­gun­gen durch Sauer­stoff­ent­zug auf­grund unfrei­wil­lig lan­ger Ver­weil­dau­er unter Was­ser- her­bei­zu­füh­ren.

Die damit gege­be­ne Inter­es­sen­la­ge ist – eben­so wie in den der BGH-Ent­schei­dung vom 11.05.2017 9 und dem Urteil vom 13.03.1962 10 zugrun­de lie­gen­den Fäl­len – ver­gleich­bar mit der im Arzt­haf­tungs­recht. Die Pflich­ten der Bade­auf­sicht die­nen wegen der dem Schwimm­be­trieb imma­nen­ten spe­zi­fi­schen Gefah­ren für die Gesund­heit und das Leben der Bade­gäs­te beson­ders und in ers­ter Linie dem Schutz die­ser Rechts­gü­ter. Sie haben des­halb ent­ge­gen der Ansicht der Beklag­ten zu 3 nicht den Cha­rak­ter blo­ßer, in jed­we­der Rechts­be­zie­hung bestehen­der Neben­pflich­ten im Sin­ne des § 241 Abs. 2 BGB.

Die Ver­let­zung die­ser Kern­pflich­ten der Schwimm­auf­sicht ist, wenn ein Bade­gast einen Gesund­heits­scha­den erlei­det – nicht anders als bei ärzt­li­chen Pflicht­ver­stö­ßen – dazu geeig­net, auf­grund der im Nach­hin­ein nicht mehr exakt rekon­stru­ier­ba­ren Vor­gän­ge im mensch­li­chen Orga­nis­mus erheb­li­che Auf­klä­rungs­er­schwer­nis­se in das Gesche­hen hin­ein­zu­tra­gen, so dass es der Bil­lig­keit ent­spricht, für den Fall einer gro­ben Pflicht­ver­let­zung dem Geschä­dig­ten die regel­mä­ßi­ge Beweis­last­ver­tei­lung nicht mehr zuzu­mu­ten.

Gelangt das Gericht im Rah­men der gebo­te­nen Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge zu dem Ergeb­nis, dass die Schwimm­meis­ter die ihnen über­tra­ge­nen Pflich­ten zwar nicht grob, wohl aber ein­fach fahr­läs­sig ver­letzt haben, ist dar­über hin­aus zuguns­ten des Unfall­op­fers von einer Beweis­erleich­te­rung für die Scha­dens­ur­säch­lich­keit der Pflicht­ver­let­zun­gen der Schwimm­meis­ter aus­zu­ge­hen.

Nach der stän­di­gen höchst- und ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ist in Fäl­len der Ver­let­zung von Auf­sichts- und Über­wa­chungs­pflich­ten eine tat­säch­li­che Ver­mu­tung für die Scha­dens­ur­säch­lich­keit bereits anzu­neh­men, wenn eine ord­nungs­ge­mä­ße Beauf­sich­ti­gung an sich geeig­net gewe­sen wäre, den Scha­den zu ver­hin­dern, bezie­hungs­wei­se sich gera­de die­je­ni­ge Gefahr ver­wirk­licht hat, der durch die ver­letz­te Ver­hal­tens­pflicht begeg­net wer­den soll­te 11. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind erfüllt. Die den Beklag­ten zu 1 und 2 oblie­gen­de Über­wa­chungs- und die dar­auf auf­bau­en­de Ret­tungs­pflicht waren an sich geeig­net, gesund­heit­li­che Schä­den zu ver­hin­dern, die dadurch ein­tre­ten, dass ein Bade­gast nicht mehr auf­tau­chen kann und unter Was­ser bleibt. Bei dem vor­lie­gen­den Bade­un­fall hat sich auch eben jene Gefahr ver­wirk­licht, der durch die den Schwimm­meis­tern oblie­gen­den (Kern)Pflichten ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den soll­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Novem­ber 2017 – III ZR 60/​16

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 13.03.1962 – VI ZR 142/​61, NJW 1962, 959, 960 und Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 11.05.2017 – III ZR 92/​16, NJW 2017, 2108 Rn. 22 ff, vor­ge­se­hen für BGHZ sowie BGH, Urteil vom 10.11.1970 – VI ZR 83/​69, NJW 1971, 241, 243
  2. vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 25.09.1952 – III ZR 322/​51, BGHZ 7, 198, 204; vom 29.11.1973 – III ZR 211/​71, NJW 1974, 453, 455; und vom 21.10.2004 – III ZR 254/​03, NJW 2005, 68, 71; Palandt/​Sprau, BGB, 76. Aufl., § 823 Rn. 2
  3. BGH, Urtei­le vom 29.11.1973 aaO; und vom 21.10.2004 aaO
  4. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Urteil vom 10.05.2016 – VI ZR 247/​15, BGHZ 210, 197 Rn. 11 mwN; sie­he auch § 630h Abs. 5 BGB
  5. BGH, Urteil vom 10.05.2016 aaO mwN; sie­he auch Koch, NJW 2016, 2461, 2462 f
  6. z.B. BGH, Urteil vom 17.11.2015 – VI ZR 476/​14, NJW 2016, 563 Rn. 14; Palandt/​Weidenkaff aaO § 630h Rn. 9; jeweils mwN
  7. BGH, Urteil vom 11.05.2017 – III ZR 92/​16, NJW 2017, 2108 Rn. 24, für BGHZ vor­ge­se­hen; BGH, Urtei­le vom 13.03.1962 – VI ZR 142/​61, NJW 1962, 959 f; und vom 10.11.1970 – VI ZR 83/​69, NJW 1971, 241, 243; sie­he auch BGH, Urteil vom 15.11.2001 – I ZR 182/​99, NJW-RR 2002, 1108, 1112 zur Beweis­last­um­kehr bei grob fahr­läs­si­gem Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den im Trans­port­recht; OLG Köln, VersR 1970, 229 zur Fra­ge der Beweis­last­um­kehr bei unter­blie­be­ner Über­wa­chung der elek­tri­schen Ver­sor­gungs­an­la­ge eines Ver­kaufs­ki­osks auf einem Kir­mes­platz; Palandt/​Grüneberg aaO § 280 Rn. 38a
  8. BGH, Urteil vom 13.03.1962 aaO
  9. BGH, Urteil vom 11.05.2017, aaO Rn. 28
  10. BGH, Urteil vom 13.03.1962, aaO
  11. vgl. zum Amts­haf­tungs­recht BGH, Urtei­le vom 22.05.1986 – III ZR 237/​84, NJW 1986, 2829, 2831 f; und vom 21.10.2004 – III ZR 254/​03, NJW 2005, 68, 71 f; zur Ver­let­zung bür­ger­lich­recht­li­cher Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten vgl. BGH, Urteil vom 14.12 1993 – VI ZR 271/​92, NJW 1994, 945, 946; OLG Koblenz aaO S. 54; OLG Köln, Urteil vom 15.04.2003 – 7 U 122/​02 12 f