Befund­er­he­bungs­feh­ler

In Fäl­len eines Befund­er­he­bungs­feh­lers sind dem Pri­mär­scha­den alle all­ge­mei­nen gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen des Pati­en­ten unter Ein­schluss der sich dar­aus erge­ben­den Risi­ken, die sich aus der unter­las­se­nen oder unzu­rei­chen­den Befund­er­he­bung erge­ben kön­nen, zuzu­ord­nen.

Befund­er­he­bungs­feh­ler

Nach der Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs erfolgt bei der Unter­las­sung der gebo­te­nen Befund­er­he­bung eine Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich der haf­tungs­be­grün­den­den Kau­sa­li­tät, wenn bereits die Unter­las­sung einer aus medi­zi­ni­scher Sicht gebo­te­nen Befund­er­he­bung einen gro­ben ärzt­li­chen Feh­ler dar­stellt 1. Zudem kann auch eine nicht grob feh­ler­haf­te Unter­las­sung der Befund­er­he­bung dann zu einer Umkehr der Beweis­last hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät des Behand­lungs­feh­lers für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den füh­ren, wenn sich bei der gebo­te­nen Abklä­rung der Sym­pto­me mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit ein so deut­li­cher und gra­vie­ren­der Befund erge­ben hät­te, dass sich des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal oder die Nicht­re­ak­ti­on hier­auf als grob feh­ler­haft dar­stel­len wür­de und die­se Feh­ler gene­rell geeig­net sind, den tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den her­bei­zu­füh­ren 2. Wahr­schein­lich braucht der Ein­tritt eines sol­chen Erfolgs nicht zu sein. Eine Umkehr der Beweis­last ist nur aus­ge­schlos­sen, wenn jeg­li­cher haf­tungs­be­grün­den­de Ursa­chen­zu­sam­men­hang äußerst unwahr­schein­lich ist 3. Nach die­sen Grund­sät­zen kommt eine Beweis­last­um­kehr zuguns­ten der Klä­ge­rin­nen in Betracht. Denn für die recht­li­che Prü­fung ist ent­spre­chend den im Beru­fungs­ur­teil fest­ge­stell­ten und unter­stell­ten tat­säch­li­chen Umstän­den davon aus­zu­ge­hen, dass bei einer Ver­laufs­kon­trol­le der ver­ord­ne­ten Medi­ka­ti­on deren Wir­kungs­lo­sig­keit fest­ge­stellt wor­den wäre, die sodann gebo­te­ne wei­te­re Befund­er­he­bung zur Fest­stel­lung der Hirn­ven­en­throm­bo­se am 3.02.2002 – statt am 4.02.2002 – geführt hät­te und die Ärz­te der Beklag­ten zu 2 dar­auf sogleich mit der Gabe von Hepa­rin hät­ten reagie­ren müs­sen.

Aller­dings fin­den die von der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze über die Beweis­last­um­kehr für den Kau­sa­li­täts­be­weis bei gro­ben Behand­lungs­feh­lern grund­sätz­lich nur Anwen­dung, soweit durch den Feh­ler des Arz­tes unmit­tel­bar ver­ur­sach­te haf­tungs­be­grün­den­de Gesund­heits­ver­let­zun­gen (Pri­mär­schä­den) in Fra­ge ste­hen. Für den Kau­sa­li­täts­nach­weis für Fol­ge­schä­den (Sekun­där­schä­den), die erst durch die infol­ge des Behand­lungs­feh­lers ein­ge­tre­te­ne Gesund­heits­ver­let­zung ent­stan­den sein sol­len, gel­ten sie nur dann, wenn der Sekun­där­scha­den eine typi­sche Fol­ge des Pri­mär­scha­dens ist. Hin­sicht­lich der Haf­tung für Schä­den, die durch eine (ein­fach oder grob feh­ler­haft) unter­las­se­ne oder ver­zö­ger­te Befund­er­he­bung ent­stan­den sein könn­ten, gilt nichts ande­res 4.

Die haf­tungs­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät betrifft die Ursäch­lich­keit des Behand­lungs­feh­lers für die Rechts­guts­ver­let­zung, also für den so genann­ten Pri­mär­scha­den des Pati­en­ten im Sin­ne einer Belas­tung sei­ner gesund­heit­li­chen Befind­lich­keit. Dage­gen betrifft die haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät den ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen der Rechts­guts­ver­let­zung und wei­te­ren Gesund­heits­schä­den 5.

Rechts­guts­ver­let­zung (Pri­mär­scha­den), auf die sich die haf­tungs­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät aus­rich­tet, ist – ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts – nicht die nicht recht­zei­ti­ge Erken­nung einer bereits vor­han­de­nen behand­lungs­be­dürf­ti­gen Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gung, hier der Hirn­ven­en­throm­bo­se. Die gel­tend gemach­te Kör­per­ver­let­zung (Pri­mär­scha­den) ist viel­mehr in der durch den Behand­lungs­feh­ler her­bei­ge­führ­ten gesund­heit­li­chen Befind­lich­keit in ihrer kon­kre­ten Aus­prä­gung zu sehen 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Juli 2013 – VI ZR 554/​12

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.01.1998 – VI ZR 242/​96, BGHZ 138, 1, 5 f.; vom 29.09.2009 – VI ZR 251/​08, VersR 2010, 115 Rn. 8; vom 13.09.2011 – VI ZR 144/​10, VersR 2011, 1400 Rn. 8[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.02.1996 – VI ZR 402/​94, BGHZ 132, 47, 52 ff.; vom 27.04.2004 – VI ZR 34/​03, BGHZ 159, 48, 56; vom 23.03.2004 – VI ZR 428/​02, VersR 2004, 790, 792; vom 07.06.2011 – VI ZR 87/​10, VersR 2011, 1148 Rn. 7; vom 13.09.2011 – VI ZR 144/​10, aaO[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 27.04.2004 – VI ZR 34/​03, aaO, 56 f.; vom 07.06.2011 – VI ZR 87/​10, aaO; vom 13.09.2011 – VI ZR 144/​10, aaO[]
  4. BGH, Urtei­le vom 21.10.1969 – VI ZR 82/​68, VersR 1969, 1148, 1149; vom 09.05.1978 – VI ZR 81/​77, VersR 1978, 764, 765; vom 28.06.1988 – VI ZR 210/​87, VersR 1989, 145; vom 16.11.2004 – VI ZR 328/​03, VersR 2005, 228, 230; vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, VersR 2008, 644 Rn. 13[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, VersR 2008, 644 Rn. 9; vom 22.05.2012 – VI ZR 157/​11, VersR 2012, 905 Rn. 10[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.02.2008, aaO, Rn. 10 und vom 21.07.1998 – VI ZR 15/​98, VersR 1998, 1153[]