Befund­er­he­bungs­feh­ler oder Feh­ler der the­ra­peu­ti­schen Auf­klä­rung?

Mit der Abgren­zung zwi­schen einem ärzt­li­chen Befund­er­he­bungs­feh­ler und einem Feh­ler der the­ra­peu­ti­schen Auf­klä­rung hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Befund­er­he­bungs­feh­ler oder Feh­ler der the­ra­peu­ti­schen Auf­klä­rung?

Im hier ent­schie­de­nen Fall war ein Behand­lungs­feh­ler dar­in zu sehen, dass der Arzt den Pati­en­ten nicht aus­rei­chend über die Not­wen­dig­keit und Dring­lich­keit der Abklä­rung einer koro­na­ren Herz­er­kran­kung auf­ge­klärt hat. Vor­lie­gend wäre jedoch eine wei­te­re Abklä­rung einer koro­na­ren Herz­er­kran­kung bin­nen eines Zeit­raums von eini­gen Wochen not­wen­dig gewe­sen, weil nach den bis dahin vor­lie­gen­den Befun­den ein nicht uner­heb­li­ches Risi­ko eines Herz­in­farkts bestan­den habe. Über die­sen Hin­ter­grund sei­ner Emp­feh­lung wei­te­rer Befund­er­he­bun­gen und über das bestehen­de Herz­in­farkt­ri­si­ko hat­te der Arzt sei­nen Pati­en­ten nicht auf­ge­klärt.

Ein sol­cher Hin­weis auch nicht des­halb ent­behr­lich, weil der Arzt mit dem Pati­en­ten bereits einen kurz­fris­ti­gen Ter­min für ein Lang­zeit-EKG ver­ein­bart hat­te, den der Pati­ent jedoch aus beruf­li­chen Grün­den abge­sagt hat­te. Allein aus der Kurz­fris­tig­keit des ver­ein­bar­ten Ter­mins für ein Lang­zeit-EKG lässt sich noch nicht mit hin­rei­chen­der Sicher­heit fol­gern, dass dadurch dem Pati­en­ten die Dring­lich­keit einer Dia­gnos­tik im Hin­blick auf ein bestehen­des Herz­in­farkt­ri­si­ko bewusst gewor­den ist. Ent­spre­chen­des gilt für die wei­te­re Emp­feh­lung, ggf. eine MRT-Befund­er­he­bung bzw. eine Koro­na­r­an­gio­gra­phie durch einen Kar­dio­lo­gen oder eine Kli­nik durch­füh­ren zu las­sen.

Dem Pati­en­ten (bzw. hier sei­nen Erben) kommt hin­sicht­lich des Ursa­chen­zu­sam­men­hangs auch kei­ne Umkehr der Beweis­last zugu­te, weil bereits das Unter­las­sen des gebo­te­nen Hin­wei­ses auf die Not­wen­dig­keit und Dring­lich­keit wei­ter­füh­ren­der Unter­su­chun­gen als gro­ber Behand­lungs­feh­ler zu beur­tei­len sei.

Bei der Ein­stu­fung eines ärzt­li­chen Fehl­ver­hal­tens als grob han­delt es sich um eine juris­ti­sche Wer­tung, die dem Tatrich­ter und nicht dem Sach­ver­stän­di­gen obliegt 1. Dabei muss die­se wer­ten­de Ent­schei­dung des Tatrich­ters jedoch in vol­lem Umfang durch die vom ärzt­li­chen Sach­ver­stän­di­gen mit­ge­teil­ten Fak­ten getra­gen wer­den und sich auf die medi­zi­ni­sche Bewer­tung des Behand­lungs­ge­sche­hens durch den Sach­ver­stän­di­gen stüt­zen kön­nen 2. Ein Behand­lungs­feh­ler ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur dann als grob zu bewer­ten, wenn der Arzt ein­deu­tig gegen bewähr­te ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln oder gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se ver­sto­ßen und einen Feh­ler began­gen hat, der aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint, weil er einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen darf 3.

Zwar ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof nicht der Auf­fas­sung bei­zu­tre­ten, es han­de­le sich im Regel­fall nicht um einen beson­ders schwe­ren Feh­ler, der einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen dür­fe, wenn der Arzt dem Pati­en­ten die rich­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se emp­feh­le und allein eine Unter­rich­tung über die Not­wen­dig­keit und Dring­lich­keit unter­blei­be. Die Fra­ge, ob in dem unter­las­se­nen Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit und Dring­lich­keit wei­te­rer dia­gnos­ti­scher Maß­nah­men ein gro­ber Behand­lungs­feh­ler zu sehen ist, unter­liegt viel­mehr der geson­der­ten Beur­tei­lung im jewei­li­gen Ein­zel­fall 4.

Dar­über hin­aus ver­nein­te der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall auch eine Beweis­last­um­kehr zuguns­ten des Pati­en­ten hin­sicht­lich der Ursäch­lich­keit des Behand­lungs­feh­lers des Arz­tes für den Tod des Pati­en­ten unter dem Gesichts­punkt eines Befund­er­he­bungs­feh­lers:

Zwar kann nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch ein ein­fa­cher Befund­er­he­bungs­feh­ler zu einer Umkehr der Beweis­last hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät des Behand­lungs­feh­lers für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den füh­ren, wenn sich bei der gebo­te­nen Abklä­rung der Sym­pto­me mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit ein so deut­li­cher und gra­vie­ren­der Befund erge­ben hät­te, dass sich des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal oder die Nicht­re­ak­ti­on hier­auf als grob feh­ler­haft dar­stel­len wür­de und die­se Feh­ler gene­rell geeig­net sind, den tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den her­bei­zu­füh­ren 5. Aller­dings stellt sich im hier ent­schie­de­nen Streit­fall das Unter­las­sen einer Auf­klä­rung über die Dring­lich­keit der wei­ter ange­ra­te­nen dia­gnos­ti­schen Maß­nah­men nicht als Befund­er­he­bungs­feh­ler, son­dern als (im Streit­fall ein­fa­chen) Feh­ler im Rah­men der the­ra­peu­ti­schen Auf­klä­rung dar, wel­cher eine Beweis­last­um­kehr nicht begrün­den kann.

Unter­lässt es ein Arzt, den Pati­en­ten über die Dring­lich­keit der – ihm ansons­ten zutref­fend emp­foh­le­nen – medi­zi­nisch gebo­te­nen Maß­nah­men zu infor­mie­ren und ihn vor Gefah­ren zu war­nen, die im Fal­le des Unter­blei­bens ent­ste­hen kön­nen, liegt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich ein Ver­stoß gegen die Pflicht zur the­ra­peu­ti­schen Bera­tung des Pati­en­ten vor 6. Denn in die­sen Fäl­len liegt der Schwer­punkt der Vor­werf­bar­keit ärzt­li­chen Fehl­ver­hal­tens regel­mä­ßig nicht in der unter­blie­be­nen Befund­er­he­bung als sol­cher, son­dern in dem Unter­las­sen von Warn­hin­wei­sen zum Zwe­cke der Sicher­stel­lung des Behand­lungs­er­folgs.

Da damit im hier ent­schie­de­nen Fall zu Guns­ten des Pati­en­ten – bzw. sei­ner Erben – kei­ne Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät des unter­las­se­nen Hin­wei­ses über die Dring­lich­keit der dia­gnos­ti­schen Abklä­rung einer koro­na­ren Herz­er­kran­kung für den Tod des Pati­en­ten ein­greift, haben sei­ne Erben den ihnen gemäß § 286 ZPO oblie­gen­den Kau­sa­li­täts­be­weis nicht geführt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Novem­ber 2015 – VI ZR 476/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 25.10.2011 – VI ZR 139/​10, VersR 2012, 362 Rn. 9 mwN[]
  2. vgl. zuletzt BGH, Urteil vom 24.02.2015 – VI ZR 106/​13, VersR 2015, 712 Rn. 16 mwN[]
  3. vgl. etwa BGH, Urteil vom 25.10.2011 – VI ZR 139/​10, VersR 2012, 362 Rn. 8 mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 25.04.1989 – VI ZR 175/​88, BGHZ 107, 222, 225 f.[]
  5. vgl. etwa BGH, Urteil vom 02.07.2013 – VI ZR 554/​12, VersR 2013, 1174 Rn. 11 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.04.1989 – VI ZR 175/​88, BGHZ 107, 222, 225, 227; und vom 16.11.2004 – VI ZR 328/​03, VersR 2005, 228, 229; in die­sem Sin­ne auch: OLG Köln, VersR 2001, 66; OLG Hamm, VersR 2005, 837 mit Zurück­wei­sungs­be­schluss des BGH vom 09.03.2004 – VI ZR 269/​03, VersR 2005, 837 f.; Strü­cker-Pitz, GuP 2015, 118, 119[]