Befund­er­he­bungs­feh­lers oder Dia­gno­se­irr­tum?

Da das Wohl des Pati­en­ten obers­tes Gebot und Richt­schnur jeden ärzt­li­chen Han­delns ist 1, ver­pflich­ten den Arzt auch die Ergeb­nis­se sol­cher Unter­su­chun­gen zur Ein­hal­tung der berufs­spe­zi­fi­schen Sorg­falt, die medi­zi­nisch nicht ver­langt waren, aber trotz­dem – bei­spiels­wei­se aus beson­de­rer Vor­sicht – ver­an­lasst wur­den. Auf die­se Wei­se gewon­ne­ne Erkennt­nis­se dür­fen vom Arzt nicht des­halb igno­riert wer­den, weil kei­ne Ver­pflich­tung zur Durch­füh­rung der ent­spre­chen­den Unter­su­chung bestand 2.

Befund­er­he­bungs­feh­lers oder Dia­gno­se­irr­tum?

Auf­grund der ihm gegen­über dem Pati­en­ten oblie­gen­den Für­sor­ge­pflicht hat der für die Aus­wer­tung eines Befun­des im kon­kre­ten Fall medi­zi­nisch ver­ant­wort­li­che Arzt all die Auf­fäl­lig­kei­ten zur Kennt­nis und zum Anlass für die gebo­te­nen Maß­nah­men zu neh­men, die er aus berufs­fach­li­cher Sicht sei­nes Fach­be­reichs unter Berück­sich­ti­gung der in sei­nem Fach­be­reich vor­aus­ge­setz­ten Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten sowie der Behand­lungs­si­tua­ti­on fest­stel­len muss 3. Vor in die­sem Sin­ne für ihn erkenn­ba­ren "Zufalls­be­fun­den" darf er nicht die Augen ver­schlie­ßen.

Ein Befund­er­he­bungs­feh­ler ist gege­ben, wenn die Erhe­bung medi­zi­nisch gebo­te­ner Befun­de unter­las­sen wird. Im Unter­schied dazu liegt ein Dia­gno­se­irr­tum vor, wenn der Arzt erho­be­ne oder sonst vor­lie­gen­de Befun­de falsch inter­pre­tiert und des­halb nicht die aus der berufs­fach­li­chen Sicht sei­nes Fach­be­reichs gebo­te­nen – the­ra­peu­ti­schen oder dia­gnos­ti­schen – Maß­nah­men ergreift 4. Ein Dia­gno­se­feh­ler wird aber nicht dadurch zu einem Befund­er­he­bungs­feh­ler, dass bei objek­tiv zutref­fen­der Dia­gno­se­stel­lung noch wei­te­re Befun­de zu erhe­ben gewe­sen wären.

Ein Befund­er­he­bungs­feh­ler kann auch nicht mit der Begrün­dung bejaht wer­den, die Rönt­gen­auf­nah­me habe zusätz­lich durch wei­te­re Fach­ärz­te aus­ge­wer­tet wer­den müs­sen. Die Fra­ge, in wel­chen ärzt­li­chen Fach­be­reich die Aus­wer­tung einer zur Abklä­rung der Nar­ko­se­fä­hig­keit eines Pati­en­ten ange­fer­tig­ten Rönt­gen­auf­nah­me der Lun­ge fällt (Anäs­the­sie oder Radio­lo­gie), rich­tet sich in ers­ter Linie nach medi­zi­ni­schen Maß­stä­ben, die der Tatrich­ter mit Hil­fe eines medi­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen zu ermit­teln hat 5. Glei­ches gilt für die Fra­ge, ob eine dem medi­zi­ni­schen Stan­dard ent­spre­chend von einem Anäs­the­sis­ten aus­ge­wer­te­te Rönt­gen­auf­nah­me zusätz­lich von dem Radio­lo­gen zu befun­den ist, dem der Auf­trag zur Anfer­ti­gung der Auf­nah­me erteilt wor­den ist.

Fehlt es an einem Befund­er­he­bungs­feh­ler, ist kein Raum für die Annah­me, der Behand­lungs­feh­ler des Arz­tes sei ursäch­lich für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den gewe­sen. Grund­sätz­lich muss der Pati­ent die Vor­aus­set­zun­gen eines Behand­lungs­feh­lers und des­sen Ursäch­lich­keit für den gel­tend gemach­ten Gesund­heits­scha­den dar­le­gen und bewei­sen 6. Hel­fen kann dem Pati­en­ten hier­bei eine Umkehr der Beweis­last hin­sicht­lich des ursäch­li­chen Zusam­men­hangs zwi­schen Behand­lungs­feh­ler und gel­tend gemach­tem Gesund­heits­scha­den. Bei einem Dia­gno­se­feh­ler kommt eine Beweis­last­um­kehr nur dann in Betracht, wenn der Feh­ler als grob zu bewer­ten ist 7. Ein Feh­ler bei der Inter­pre­ta­ti­on der erho­be­nen Befun­de stellt aller­dings nur dann einen schwe­ren Ver­stoß gegen die Regeln der ärzt­li­chen Kunst und damit einen "gro­ben" Dia­gno­se­feh­ler dar, wenn es sich um einen fun­da­men­ta­len Irr­tum han­delt. Wegen der bei Stel­lung einer Dia­gno­se nicht sel­te­nen Unsi­cher­hei­ten muss die Schwel­le, von der ab ein Dia­gno­se­irr­tum als schwe­rer Ver­stoß gegen die Regeln der ärzt­li­chen Kunst zu beur­tei­len ist, der dann zu einer Belas­tung der Behand­lungs­sei­te mit dem Risi­ko der Unauf­klär­bar­keit des wei­te­ren Ursa­chen­ver­laufs füh­ren kann, hoch ange­setzt wer­den 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Dezem­ber 2010 – VI ZR 284/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 26.01.1999 – VI ZR 376/​97, BGHZ 140, 309, 316[]
  2. vgl. OLG Düs­sel­dorf, VersR 1992, 494, 495; Steffen/​Pauge, Arzt­haf­tungs­recht, 11. Aufl. Rn. 176[]
  3. vgl. zum medi­zi­ni­schen Stan­dard: BGH, Urtei­le vom 16.05.2000 – VI ZR 321/​98, BGHZ 144, 296, 305 f.; vom 29.11.1994 – VI ZR 189/​93, VersR 1995, 659, 660 m.w.N.; und vom 16.03.1999 – VI ZR 34/​98, VersR 1999, 716, 718[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.11.1987 – VI ZR 39/​87, VersR 1988, 293, 294; vom 23.03.1993 – VI ZR 26/​92, VersR 1993, 836, 838; vom 04.10.1994 – VI ZR 205/​93, VersR 1995, 46; vom 08.07.2003 – VI ZR 304/​02; und vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, VersR 2008, 644 Rn. 7[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 29.11.1994 – VI ZR 189/​93, VersR 1995, 659, 660; vom 16.03.1999 – VI ZR 34/​98, VersR 1999, 716, 717[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2003 – VI ZR 304/​02, VersR 2003, 1256[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.02.1996 – VI ZR 402/​94, BGHZ 132, 47 ff.; vom 14.07.1981 – VI ZR 35/​79, VersR 1981, 1033, 1034; ud vom 08.07.2003 – VI ZR 304/​02[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.01.2007 – VI ZR 59/​06, VersR 2007, 541 Rn. 10; vom 12.02.2008 – VI ZR 221/​06, aaO, Rn. 15, jeweils m.w.N.[]