Behand­lungs­feh­ler

Ein Arzt haf­tet für einen Behand­lungs­feh­ler nur dann, wenn genau die­ser Feh­ler ursäch­lich für den ein­ge­tre­te­nen Scha­den ist. Dabei wird in der Ent­schei­dung des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts in Jena deut­lich gemacht, dass die Richt­schnur und das obers­te Gebot jedes ärzt­li­chen Han­delns, jeder Heil­be­hand­lung, nur das Wohl des Pati­en­ten sein kann. Bei der Behand­lung eines Pati­en­ten schul­det der Arzt gemäß § 276 BGB die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt; die­se rich­tet sich nach dem medi­zi­ni­schen Stan­dard des jewei­li­gen Fach­ge­biets zum Zeit­punkt der Behand­lung. Es gilt grund­sätz­lich der Fach­arzt­stan­dard bezo­gen auf den Zeit­punkt der Behand­lung – aus ex ante Sicht. Eine Ver­let­zung die­ser Sorg­falts­pflicht bedeu­tet in der Ver­trags­ebe­ne einen Ver­stoß gegen die spe­zi­ell einem Arzt oblie­gen­den Berufs­pflich­ten, so dass sich der Arzt sub­jek­tiv nicht ent­las­ten kann. § 280 Abs. 1 Satz 2 BGB gilt inso­weit im Arzt­haf­tungs­recht nicht.

Behand­lungs­feh­ler

Leit­li­ni­en ärzt­li­cher Fach­gre­mi­en 1 begrün­den aber grund­sätz­lich den ärzt­li­chen Stan­dard nicht kon­sti­tu­tiv, sind also nicht unbe­se­hen mit dem anzu­wen­den­den medi­zi­ni­schen Stan­dard zum Behand­lungs­zeit­punkt gleich­zu­set­zen. Bei einer sog. S3-Leit­li­nie han­delt es sich aber um eine bereits evi­denz­ba­sier­te Kon­sen­sus­leit­li­nie mit Erfas­sung der sys­te­ma­ti­schen Ent­wick­lung (Clea­ring­ver­fah­ren), die einen Behand­lungs­kor­ri­dor eröff­net, inner­halb dem sich der Arzt in sei­nem the­ra­peu­ti­schen Ermes­sen bewe­gen soll­te; mit­hin han­delt es sich hier um eine Leit­li­nie mit star­kem Emp­feh­lungs­cha­rak­ter.

Eine Haf­tung des Arz­tes besteht aber nur, wenn und soweit dem grund­sätz­lich schuld­haf­ten Behand­lungs­feh­ler ein dar­auf beru­hen­der Scha­den des Pati­en­ten ursäch­lich zurech­nen lässt. Die­ser haf­tungs­recht­li­che Grund­satz besteht auch im Arzt­haf­tungs­recht. Eine haf­tungs­be­grün­den­de ursäch­li­che Ver­knüp­fung zwi­schen Behand­lungs­feh­ler und Pri­mär­scha­den besteht dann, wenn der pri­mä­re Scha­den auf die fest­ge­stell­te Fehl­be­hand­lung zurück­zu­füh­ren ist und wenn bei einer regel­ge­rech­ten (lege artis), also eine dem medi­zi­ni­schen Soll­stan­dard ent­spre­chen­den Behand­lung die­sen Scha­den ver­mie­den wor­den wäre. An der Ursäch­lich­keit des Pri­mär­scha­dens fehlt es, wenn fest­steht, dass hier­für eine ande­re Ver­ur­sa­chungs­ket­te bei feh­ler­frei­er, also regel­ge­rech­ter Behand­lung in ent­spre­chen­der Wei­se eben­so ent­stan­den wäre 2, was von der Behand­lungs­sei­te zu bewei­sen ist.

Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt, Urteil vom 1. Juni 2010 – 4 U 498/​07

  1. vgl. §§ 135 SGB V[]
  2. sog. hypo­the­ti­scher Behand­lungs­ver­lauf[]