Berich­ti­gung der Urteils­grün­de – und die erfolg­te Beweis­auf­nah­me

Ein offen­kun­di­ges Fas­sungs­ver­se­hen, das die Berich­ti­gung der Urteils­grün­de recht­fer­tigt, liegt nicht vor, wenn sich die Unrich­tig­keit einer Fest­stel­lung erst aus einer Rekon­struk­ti­on der Beweis­auf­nah­me ergä­be.

Berich­ti­gung der Urteils­grün­de – und die erfolg­te Beweis­auf­nah­me

Nach stän­di­ger ober­ge­richt­li­cher Recht­spre­chung sind Berich­ti­gun­gen in den Urteils­grün­den ab dem Zeit­punkt, in dem das schrift­li­che Urteil aus dem inne­ren Dienst­be­reich des Gerichts hin­aus­ge­ge­ben wird, unzu­läs­sig, wenn dadurch auch nur der Ver­dacht einer nach­träg­li­chen sach­li­chen Ände­rung und somit einer Ver­fäl­schung des Urteils ent­ste­hen kann [1]. Die Vor­nah­me sach­li­cher Ände­run­gen wür­de im Ergeb­nis auf einen unzu­läs­si­gen Wider­ruf des bereits erlas­se­nen, wirk­sa­men Urteils hin­aus­lau­fen [2].

Eine Berich­ti­gung kommt des­halb nur in sehr engen Gren­zen in Betracht. Sie wird in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 319 ZPO ledig­lich inso­weit als zuläs­sig ange­se­hen, als es sich um eine offen­sicht­li­che, ver­se­hent­li­che Unrich­tig­keit des Urteils [3] und damit um ein Ver­se­hen han­delt, das sich zwang­los aus klar zu Tage tre­ten­den Umstän­den ergibt [4]. Dies ist ins­be­son­de­re bei Schreib- und Rechen­feh­lern sowie sons­ti­gen äußer­li­chen Unstim­mig­kei­ten, die unmit­tel­bar aus der Urteils­ur­kun­de ersicht­lich sind, der Fall. Ein offen­kun­di­ges und damit berich­ti­gungs­fä­hi­ges Fas­sungs­ver­se­hen wird aber auch dann ange­nom­men, wenn die Diver­genz zwi­schen erkenn­bar Gewoll­tem und münd­lich oder schrift­lich For­mu­lier­tem für die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten aus ande­ren Ver­fah­rens­vor­gän­gen – bei­spiels­wei­se der münd­li­chen Urteils­be­grün­dung – unzwei­fel­haft auf der Hand liegt [5].

ier­bei muss jedoch aus­ge­schlos­sen sein, dass sich hin­ter der „Berich­ti­gung“ in Wahr­heit eine sach­li­che Abän­de­rung der beschlos­se­nen Ent­schei­dung ver­birgt. Die nach­träg­li­che sach­li­che Berich­ti­gung von Tat­sa­chen, die der Tatrich­ter in den Urteils­grün­den als erwie­sen fest­stellt, wird grund­sätz­lich für unzu­läs­sig erach­tet [6].

Die bean­stan­de­te Urteil­spas­sa­ge stellt – sowohl inhalt­lich also auch nach ihrer Ver­or­tung in den Urteils­grün­den – eine vom Gericht getrof­fe­ne Fest­stel­lung zu den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen des Bf. dar. Sie ist damit den­knot­wen­dig Ergeb­nis eines Über­zeu­gungs­bil­dungs­pro­zes­ses des Gerichts, so dass die dies­be­züg­li­che Urteils­abän­de­rung auch eine – wie aus­ge­führt unzu­läs­si­ge – sach­li­che Ver­än­de­rung des Urteils zur Fol­ge hät­te. Dies wäre selbst dann der Fall, wenn die Kam­mer einer Ver­wechs­lung erle­gen wäre, in deren Ergeb­nis sie irr­tüm­lich die getrof­fe­ne Fest­stel­lung der Ver­lob­ten des Ver­ur­teil­ten zuge­schrie­ben hät­te. Eine Abwei­chung vom Gewoll­ten läge hin­sicht­lich der bean­trag­ten Berich­ti­gung nur dann nicht vor, wenn die getrof­fe­ne Fest­stel­lung ledig­lich ver­se­hent­lich in einen Kon­text mit dem Bf. gera­ten wäre, obwohl sie auf eine ande­re Per­son abziel­te. Dies erscheint jedoch schon ange­sichts der gram­ma­ti­ka­li­schen Kon­struk­ti­on in Form eines Rela­tiv­sat­zes zu einer auf den Ver­ur­teil­ten bezo­ge­nen Fest­stel­lung fern­lie­gend. Im Übri­gen waren Fest­stel­lun­gen zu den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen der­je­ni­gen Ange­klag­ten, bzgl. derer es nach dem Vor­brin­gen in der Beschwer­de­be­grün­dung zu einer Ver­wechs­lung gekom­men sein könn­te, ange­sichts der inso­weit ergan­ge­nen Frei­sprü­che gar nicht ver­an­lasst und wur­den im Urteil auch nicht aus­ge­führt, so dass ein rei­nes „Loka­li­sie­rungs­ver­se­hen“ inner­halb der schrift­li­chen Urteils­grün­de nahe­zu aus­ge­schlos­sen erscheint.

In jedem Fall fehlt es – ein Fas­sungs­ver­se­hen unter­stellt – an der erfor­der­li­chen Offen­kun­dig­keit des Ver­se­hens und des vom Gericht tat­säch­lich Gewoll­ten. Auch wenn hier­für die Sicht eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten maß­geb­lich ist, lässt sich das erfor­der­li­che offen und zwang­lo­se Zuta­ge­tre­ten des Ver­se­hens ent­ge­gen dem Beschwer­de­vor­brin­gen nicht dar­auf stüt­zen, dass sich weder aus den Ermitt­lungs­ak­ten noch aus dem Inhalt der Haupt­ver­hand­lung etwas erge­ben habe, womit sich die vom Gericht getrof­fe­ne Fest­stel­lung stüt­zen lie­ße. Eine Offen­kun­dig­keit kann nicht vor­lie­gen, wenn sich das behaup­te­te Ver­se­hen nur im Wege einer inhalt­li­chen Rekon­struk­ti­on der Beweis­auf­nah­me – für die schon das zur Über­prü­fung eines Urteils vor­ge­se­he­ne Revi­si­ons­ver­fah­ren kei­nen Raum bie­tet [7] – fest­stel­len lie­ße. Im Übri­gen wäre auf die­se Wei­se auch nicht aus­zu­schlie­ßen, dass eine Fest­stel­lung zwar unter Ver­stoß gegen den Münd­lich­keits­grund­satz, aber den­noch wil­lent­lich getrof­fen wor­den ist, so dass kein blo­ßes Fas­sungs­ver­se­hen vor­lä­ge.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 1. April 2014 – 4 Ws 79/​14

  1. BGH, Beschluss vom 24.04.2007 – 4 StR 558/​06 –, juris; Baye­ri­sches Obers­tes Lan­des­ge­richt, Beschluss vom 19.06.1998 – 2St RR 91/​98 –, juris; OLG Olden­burg, Beschluss vom 27.02.1990 – 1 Ws 35/​90[]
  2. Vel­ten in SK-StPO V, 4. Aufl., § 268 Rn. 17[]
  3. BGHSt 12, 374, 376 f.[]
  4. BGH NJW 1991, 1900 f.; Mey­er-Goß­ner, StPO, 56. Aufl., § 267 Rn. 39 m.w.N. zur Rspr.[]
  5. BGH, MDR 1991, 362 ff. m.w.N. zur Rspr.[]
  6. BGHSt 2, 248 ff.[]
  7. BGH NStZ-RR 1998, 17[]