Ber­li­ner Kap­pungs­gren­zen-Ver­ord­nung vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Ber­li­ner Kap­pungs­gren­zen-Ver­ord­nung ohne Erfolg, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

Ber­li­ner Kap­pungs­gren­zen-Ver­ord­nung vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de war nach Auf­fas­sung der Ver­fas­sungs­rich­ter bereits unzu­läs­sig, weil ihre Begrün­dung nicht den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen ent­spricht (§§ 92, 23 Abs. 1 Satz 2, 1. Halb­satz BVerfGG).

Bei einer gegen eine gericht­li­che Ent­schei­dung gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat der Ver­mie­ter sich mit die­ser inhalt­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen [1]. Es muss deut­lich wer­den, inwie­weit durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me das bezeich­ne­te Grund­recht ver­letzt sein soll [2]. Liegt zu den mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf­ge­wor­fe­nen Ver­fas­sungs­fra­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bereits vor, der die ange­grif­fe­nen Gerichts­ent­schei­dun­gen fol­gen, so ist der behaup­te­te Grund­rechts­ver­stoß in Aus­ein­an­der­set­zung mit den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­wi­ckel­ten Maß­stä­ben zu begrün­den [3].

a)) Die­sen Anfor­de­run­gen wird die Beschwer­de­be­grün­dung nicht gerecht, soweit der Ver­mie­ter die Ver­let­zung sei­nes Anspruchs auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz aus Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG rügt, weil der Bun­des­ge­richts­hof dem Ver­ord­nungs­ge­ber einen zu weit­ge­hen­den Spiel­raum bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der Tat­be­stands­merk­ma­le des § 558 Abs. 3 Satz 2 BGB zuge­stan­den habe. Der Ver­mie­ter gibt inso­weit schon nicht die ein­schlä­gi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wie­der und geht von einem unzu­tref­fen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fungs­maß­stab aus.

Die Not­wen­dig­keit der Aner­ken­nung einer fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz­mög­lich­keit gegen unter­ge­setz­li­che Rechts­sät­ze folgt zwar aus Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG. Auch die Rechts­set­zung durch die Exe­ku­ti­ve in Form von Rechts­ver­ord­nun­gen und Sat­zun­gen ist Aus­übung öffent­li­cher Gewalt und daher in die Rechts­schutz­ga­ran­tie ein­be­zo­gen [4]. Dies schließt jedoch nicht aus, dass durch den Gesetz­ge­ber eröff­ne­te Gestal­tungs, Ermes­sens- und Beur­tei­lungs­spiel­räu­me die Rechts­kon­trol­le durch die Fach­ge­rich­te ein­schrän­ken [5]. Die Exe­ku­ti­ve kann auf­grund so genann­ter nor­ma­ti­ver Ermäch­ti­gung Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se haben [6]. Wann und in wel­chem Umfang dies der Fall ist, haben die Fach­ge­rich­te durch Aus­le­gung der betref­fen­den gesetz­li­chen Rege­lung zu ermit­teln [7]. Für die Kon­trol­le die­ser Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gel­ten dann die­je­ni­gen Maß­stä­be ent­spre­chend, die bei der Über­prü­fung von Pro­gno­se­ent­schei­dun­gen des Gesetz­ge­bers zugrun­de zu legen sind [8].

Die­sen Prü­fungs­maß­stab voll­zieht die Beschwer­de­be­grün­dung nicht nach, indem sie die all­ge­mei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an das Bestimmt­heits­ge­bot für die gesetz­li­che Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für den Erlass von Rechts­ver­ord­nun­gen gemäß Art. 80 Abs. 1 Satz 2 GG her­an­zieht. Dies greift schon des­halb zu kurz, weil mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de die Ver­ord­nungs­er­mäch­ti­gung in § 558 Abs. 3 Satz 3 BGB als sol­che nicht ange­grif­fen wird. Auch die wei­te­ren Aus­füh­run­gen las­sen nicht erken­nen, dass der Ver­mie­ter vom rich­ti­gen Prü­fungs­maß­stab aus­geht, indem er die Grund­sät­ze zur Ermitt­lung von Beur­tei­lungs­spiel­räu­men der Ver­wal­tung bei der Aus­le­gung unbe­stimm­ter Rechts­be­grif­fe her­an­zieht. Auch dabei geht es zwar um eine ein­ge­schränk­te gericht­li­che Kon­troll­dich­te; aller­dings ist der ver­fas­sungs­recht­li­che Prü­fungs­maß­stab bei der Norm­set­zung ein ande­rer, weil es hier nicht um Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen, son­dern den Erlass abs­trakt-gene­rel­ler Rege­lun­gen geht.

Auch dass der Bun­des­ge­richts­hof durch die Anwen­dung der von ihm ange­nom­me­nen Beur­tei­lungs­spiel­räu­me des Ver­ord­nungs­ge­bers auf den kon­kret zu ent­schei­den­den Fall, also die Sub­sum­ti­on der Ber­li­ner Kap­pungs­gren­zen-Ver­ord­nung unter § 558 Abs. 3 Satz 2 BGB, gegen Grund­rech­te des Ver­mie­ters ver­sto­ßen haben könn­te, wird von ihm nicht schlüs­sig dar­ge­legt. Inso­weit fehlt es an Vor­trag dazu, dass die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung auf der behaup­te­ten Grund­rechts­ver­let­zung beru­hen könn­te.

Selbst wenn der Ver­ord­nungs­ge­ber unter dem Gesichts­punkt der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit oder wegen der in § 558 Abs. 3 Satz 2 BGB ange­leg­ten Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen der Gemein­de ins­ge­samt und Tei­len von ihr ver­pflich­tet gewe­sen sein soll­te, nach ein­zel­nen Stadt­be­zir­ken zu dif­fe­ren­zie­ren und eine „Glo­bal­aus­wei­sung“ des gesam­ten Stadt­ge­biets nicht vor­neh­men durf­te, kann der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kein Erfolg beschie­den sein. Denn der Ver­mie­ter hat nicht dar­ge­legt, dass die in sei­nem Eigen­tum befind­li­che, im Stadt­teil Wed­ding gele­ge­ne Woh­nung von einer dif­fe­ren­zier­ten Gebiets­aus­wei­sung pro­fi­tiert hät­te. Aus der Beschwer­de­be­grün­dung ist nicht zu erse­hen, dass nicht auch in Wed­ding die aus­rei­chen­de Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Miet­woh­nun­gen zu ange­mes­se­nen Bedin­gun­gen im Sin­ne von § 558 Abs. 3 Satz 2 BGB beson­ders gefähr­det ist. Dass die Kap­pungs­gren­zen-Ver­ord­nung mit Blick auf einen ande­ren Stadt­teil mit den Vor­ga­ben von § 558 Abs. 3 Satz 2 BGB nicht in Ein­klang ste­hen mag, kann der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zum Erfolg ver­hel­fen. Denn selbst eine statt­ge­ben­de Ent­schei­dung wür­de nicht ohne wei­te­res dazu füh­ren, dass der Ver­mie­ter in den Genuss der gesetz­li­chen Regel­kap­pungs­gren­ze von 20 % gemäß § 558 Abs. 3 Satz 1 BGB käme. Viel­mehr hät­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dann zu prü­fen, ob nicht ledig­lich eine Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung der Kap­pungs­gren­zen-Ver­ord­nung und deren vor­läu­fi­ge Wei­ter­gel­tung bis zu einer Neu­re­ge­lung in Betracht kommt, um das Ent­ste­hen einer uner­träg­li­chen Rege­lungs­lü­cke zu ver­mei­den [9]

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. April 2016 – 1 BvR 243/​16

  1. vgl. BVerfGE 82, 43, 49; 86, 122, 127; 88, 40, 45; 105, 252, 264; 130, 1, 21[]
  2. vgl. BVerfGE 78, 320, 329; 99, 84, 87; 115, 166, 179 f.; 130, 1, 21[]
  3. vgl. BVerfGE 77, 170, 214 ff.; 99, 84, 87; 101, 331, 345 f.; 123, 186, 234; 130, 1, 21; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 31, 364, 367 f.; 115, 81, 92[]
  5. vgl. BVerfGE 15, 275, 282; 61, 82, 111; 84, 34, 53 ff.; 88, 40, 56; 103, 142, 157; 113, 273, 310; 129, 1, 21 f.; stRspr[]
  6. vgl. BVerfGE 49, 89, 139 f.; 61, 82, 114 f.; BVerfGK 16, 418, 433[]
  7. vgl. BVerfGE 49, 89, 139 f.; 84, 34, 49 f.; BVerfGK 16, 418, 434 m.w.N.[]
  8. vgl. BVerfGE 53, 135, 145; 106, 1, 17; stRspr[]
  9. vgl. BVerfGE 125, 175, 256 m.w.N.; zur Anwend­bar­keit auf Rechts­ver­ord­nun­gen vgl. Hömig, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 95 Rn. 36, August 2015 m.w.N.[]