Ber­li­ner Neu­bau­ten – und die grenz­über­schrei­ten­de Wär­me­däm­mung

Ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer in Ber­lin muss nicht nach § 16a Abs. 1 Nach­bG Bln eine die Grund­stücks­gren­ze über­schrei­ten­de Wär­me­däm­mung einer Grenz­wand dul­den, mit der der benach­bar­te Grund­stücks­ei­gen­tü­mer erst­mals die Anfor­de­run­gen der bei der Errich­tung des Gebäu­des bereits gel­ten­den Ener­gie­ein­spar­ver­ord­nung (EnEV) erfüllt.

Ber­li­ner Neu­bau­ten – und die grenz­über­schrei­ten­de Wär­me­däm­mung

Die Fra­ge, ob die Vor­schrift des § 16a Nach­bG Bln über­haupt ver­fas­sungs­ge­mäß ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof dabei aus­drück­lich offen gelas­sen.

In dem hier ent­schie­de­nen Fall sind die Mit­glie­der der kla­gen­den Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft und der Beklag­te Eigen­tü­mer benach­bar­ter Grund­stü­cke in Ber­lin. Das Grund­stück des Beklag­ten ist mit einem Rei­hen­end­haus bebaut, das an der Gren­ze zum Grund­stück der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer steht. An die­ses Gebäu­de hat­te ein Bau­trä­ger 2004/​2005 das heu­te den Woh­nungs­ei­gen­tü­mern gehö­ren­de Mehr­fa­mi­li­en­haus ange­baut. Die Gie­bel­wän­de der Gebäu­de decken sich nicht voll­stän­dig, viel­mehr steht die­je­ni­ge des Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses ent­lang der Grund­stücks­gren­ze 1,61 m vor. In die­sem Bereich der Gie­bel­wand brach­te der Bau­trä­ger im August 2005 Dämm­ma­te­ri­al an, das 7 cm in das Grund­stück des Beklag­ten hin­ein­ragt und unver­putzt und nicht gestri­chen ist. Nun wol­len die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer Putz und Anstrich mit einer Stär­ke von maxi­mal 0,5 cm anbrin­gen. Die Klä­ge­rin nimmt, u.a. gestützt auf § 16a Abs. 1 und 3 Ber­li­ner Nach­bar­rechts­ge­setz (Nach­bG Bln), den Beklag­ten auf Dul­dung die­ser Maß­nah­men in Anspruch.

Das zunächst hier­mit befass­te Amts­ge­richt Köpe­nick hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Auf die Beru­fung des Nach­barn hat das Land­ge­richt Ber­lin die Kla­ge abge­wie­sen 2. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auch die Revi­si­on der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft zurück­ge­wie­sen:

Die Dul­dungs­pflicht nach § 16a Abs. 1 Nach­bG Bln gilt nicht für eine die Grund­stücks­gren­ze über­schrei­ten­de Wär­me­däm­mung einer Grenz­wand, mit der der benach­bar­te Grund­stücks­ei­gen­tü­mer erst­mals die Anfor­de­run­gen der bei der Errich­tung des Gebäu­des bereits gel­ten­den Ener­gie­ein­spar­ver­ord­nung (EnEV) erfüllt. Die­se Ein­schrän­kung ergibt sich aus der gebo­te­nen Aus­le­gung der Vor­schrift nach deren Sinn und Zweck. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber woll­te Grund­stücks­ei­gen­tü­mern nicht gene­rell gestat­ten, eine Wär­me­däm­mung grenz­über­schrei­tend, also im Wege des Über­baus, anzu­brin­gen. Er ver­folg­te viel­mehr das Ziel, ener­ge­ti­sche Sanie­run­gen von Alt­bau­ten zu erleich­tern. Die­se wur­den bei Gebäu­den, die auf der Grund­stücks­gren­ze ste­hen, häu­fig dadurch erschwert, dass der Nach­bar die not­wen­di­ge Zustim­mung zu dem durch die Ver­klei­dung der Grenz­wand mit einem Wär­me­ver­bund­sys­tem ent­ste­hen­den Über­bau ver­wei­ger­te oder von unver­hält­nis­mä­ßi­gen finan­zi­el­len For­de­run­gen abhän­gig mach­te. Dem soll­te durch die Ein­füh­rung einer Dul­dungs­pflicht begeg­net wer­den. Anders als für den Alt­bau­be­stand hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber für die Wär­me­däm­mung von Neu­bau­ten kein Rege­lungs­be­dürf­nis in § 16a Nach­bG Bln gese­hen. Er hat im Gegen­teil aus­ge­führt, dass die Dul­dungs­ver­pflich­tung nur bei Bestands­bau­ten und nicht bei Neu­bau­ten gel­te, weil den Wär­me­schutz­an­for­de­run­gen durch eine ent­spre­chen­de Pla­nung Rech­nung getra­gen wer­den kön­ne. Für Neu­bau­ten bleibt es somit bei dem Grund­satz, dass sie so zu pla­nen sind, dass sich die Wär­me­däm­mung in den Gren­zen des eige­nen Grund­stücks befin­det.

Das hat der Bau­trä­ger bei Errich­tung des Gebäu­des 2004/​2005 nicht beach­tet. Er hat trotz der in der Ener­gie­ein­spar­ver­ord­nung (EnEV) 2001 vom 16. Novem­ber 2001 (BGBl. I. 3085) gel­ten­den Wär­me­schutz­an­for­de­run­gen das unge­dämm­te Mehr­fa­mi­li­en­haus unmit­tel­bar an die Gren­ze zum Grund­stück des Beklag­ten gebaut. In die­ser Situa­ti­on gilt die Dul­dungs­pflicht des Nach­barn nach § 16a Abs. 1 Nach­bG Bln nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Juni 2017 – V ZR 196/​16

  1. AG Köpe­nick, Urteil vom 17.01.2014 – 12 C 94/​13[]
  2. LG Ber­lin, Urteil vom 06.07.2016 – 85 S 68/​14[]