Berück­sich­ti­gung pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge bei der Gehalts­pfän­dung

Der gem. § 850e Nr. 1 Satz 2 lit. b) ZPO zu berück­sich­ti­gen­de Betrag für die Bei­trä­ge zu einer pri­va­ten Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung ist nach der Ein­füh­rung des sog. Basis­ta­rifs in der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung auf den Höchts­bei­trags­satz der gesetz­li­chen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung begrenzt. Die Berück­sich­ti­gung höhe­rer als die­ser Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge wür­de den Rah­men des Übli­chen im Sin­ne von § 850e Nr. 1 Satz 2 lit. b) ZPO über­stei­gen.

Berück­sich­ti­gung pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge bei der Gehalts­pfän­dung

§ 850e Nr. 1 Satz 1 ZPO zufol­ge sind bei der Berech­nung des pfänd­ba­ren Arbeits­ein­kom­mens neben den nach § 850a ZPO der Pfän­dung ent­zo­ge­nen Bezü­gen Beträ­ge, die unmit­tel­bar auf­grund steu­er­recht­li­cher oder sozi­al­recht­li­cher Vor­schrif­ten zur Erfül­lung gesetz­li­cher Ver­pflich­tun­gen des jewei­li­gen Schuld­ners abzu­füh­ren sind, nicht mit­zu­rech­nen. Hier­un­ter fal­len Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Kran­ken­pflicht­ver­si­che­rung i.S.v. § 5 SGB V. Für den Fall der Ver­si­che­rungs­frei­heit in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung gem. § 6 SGB V – Glei­ches gilt jeweils für die gesetz­li­che Pfle­ge­ver­si­che­rung – stellt § 850e Nr. 1 Satz 2 lit. b) ZPO die an eine Ersatz­kas­se oder an ein Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung geleis­te­ten Beträ­ge den in § 850d Nr. 1 Satz 1 ZPO auf­ge­führ­ten, vor­ste­hend genann­ten Beträ­gen inso­weit gleich, als sie den „Rah­men des Übli­chen“ nicht über­stei­gen.

Den Begriff des „Rah­mens des Übli­chen“ hat die Recht­spre­chung in den zurück­lie­gen­den Jahr­zehn­ten – teil­wei­se durch­aus unter­schied­lich – kon­kre­ti­siert 1. Einig­keit besteht jedoch dar­über, dass die unter glei­chen Ver­hält­nis­sen erwach­sen­den Bei­trags­sät­ze der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung einen Anhalt dafür bie­ten, wann Bei­trä­ge zu einer pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung – bzw. der jewei­li­ge indi­vi­du­el­le Tarif – den Rah­men des Übli­chen über­stei­gen 2. Fer­ner ist offen­sicht­lich, dass die o.g. Recht­spre­chung zu berück­sich­ti­gen hat­te, dass pri­vat kran­ken­ver­si­cher­ten Schuld­nern in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig kein mit dem Ver­si­che­rungs­schutz der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung gleich­lau­fen­der Tarif bzw. – aus Bei­trags­grün­den – kein die Ver­si­che­rungs­kos­ten redu­zie­ren­der Wech­sel in einen sol­chen mög­lich war. Dar­über hin­aus war – und ist – sol­chen Per­so­nen wegen ihrer Ver­si­che­rungs­frei­heit gem. § 6 SGB V auch ein Wech­sel in die gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung regel­mä­ßig ver­wehrt.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te die Recht­spre­chung bei der Kon­kre­ti­sie­rung der Begriff­lich­keit „Rah­men des Übli­chen“ zu erwä­gen, ob dem jewei­li­gen Ver­si­cher­ten ein Über­maß an Ver­si­che­rungs­schutz zu attes­tie­ren war und ihm des­halb der Wech­sel in einen ande­ren Tarif der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung – im Zwei­fel: sei­nes Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens – mit einem gerin­ge­ren Leis­tungs­um­fang zuge­mu­tet wer­den konn­te. Zugleich hat die Recht­spre­chung in die­sem Zusam­men­hang mehr­heit­lich dar­auf erkannt, dass eine Begren­zung der im Rah­men von § 850e Nr. 1 Satz 2 lit. b) ZPO abzu­zie­hen­den Beträ­ge auf die an sei­nem rea­len Ein­kom­men bemes­se­nen Bei­trä­ge zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung allen­falls dann sach­lich gerecht­fer­tigt wäre, wenn ein Schuld­ner hier­für einen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung gleich­wer­ti­gen Ver­si­che­rungs­schutz erlan­gen wür­de 3.

Mit der Ein­füh­rung des bran­chen­weit ein­heit­li­chen Basis­ta­rifs für die pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rung durch § 12 Abs. 1a und 1b VAG zum 01.01.2009 haben die für die vor­ste­hend skiz­zier­te Abwä­gung maß­geb­li­chen Gesamt­um­stän­de indes eine aus Sicht der Beschwer­de­kam­mer erheb­li­che Ände­rung erfah­ren.

Mit die­sem Tarif steht allen Kran­ken­ver­si­cher­ten, die nicht der Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung gem. § 5 SGB V unter­fal­len, ein Tarif zur Ver­fü­gung, des­sen Leis­tungs­um­fang auf­grund gesetz­li­cher Vor­ga­be (§ 12 Abs. 1a Satz 1 VAG) dem Schutz­ni­veau der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nicht nach­steht. Inso­fern ent­spricht der Leis­tungs­um­fang die­ses Tarifs dem­je­ni­gen aller gesetz­lich Ver­si­cher­ter – ca. 85% der deut­schen Bevöl­ke­rung – und mit­hin genau dem­je­ni­gen Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rungs­schutz, den der Sozi­al­ge­setz­ge­ber sowohl als not­wen­dig als auch als ange­mes­sen erach­tet. Jeder bei einem Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung i.S.v. § 850e Nr. 1 Satz 2 lit. b) ZPO Ver­si­cher­te besitzt die Mög­lich­keit, den ver­si­che­rungs­sei­tig seit dem 1. Janu­ar 2009 von Geset­zes wegen anzu­bie­ten­den Basis­ta­rif auf der Grund­la­ge einer auto­no­men Ent­schei­dung in Anspruch zu neh­men und sei­nen Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz hier­durch dem­je­ni­gen aller gesetz­lich Ver­si­cher­ten gleich­zu­stel­len.

Wenn dem­nach jedoch – anders als frü­her – jeder pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­te die Dis­po­si­ti­ons­frei­heit über einen Wech­sel in den Basis­ta­rif besitzt und mit einem sol­chen Wech­sel – wegen des Gleich­laufs des Basis­ta­rifs mit dem gesetz­li­chen Pflicht­ver­si­che­rungs­schutz: von Ver­fas­sungs wegen – kein sozi­al inad­äqua­ter Leis­tungs­ver­lust ver­bun­den sein kann, ver­mag die mit dem Rechts­mit­tel der Gläu­bi­ge­rin befass­te Kam­mer nicht zu erken­nen, wes­halb Ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ober­halb der für den vor­ste­hend erläu­ter­ten Tarif anfal­len­den – der Bei­trags­satz des Basis­ta­rifs ist gem. § 12 Abs. 1c VAG auf den Höchst­bei­trag der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung begrenzt – "üblich" und im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung – zum Nach­teil der Gläu­bi­ger – zu berück­sich­ti­gen sein soll­ten. Viel­mehr ist die Kam­mer in Bezug auf die hie­si­ge Beschwer­de­sa­che der Auf­fas­sung, dass dem Schuld­ner die Nicht­be­rück­sich­ti­gung von Ver­si­che­rungs­bei­trä­gen ober­halb der gesetz­li­chen Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze im Rah­men von § 850e Ziff. 1 Satz 2 lit. b) ZPO und ggf. auch – mit­tel­bar – ein Tarif­wech­sel zuzu­mu­ten ist; Gegen­tei­li­ges ist weder vor­ge­tra­gen noch ander­wei­tig ersicht­lich.

Wünscht der Schuld­ner dem gegen­über den Ver­bleib in sei­nem bis­he­ri­gen Ver­si­che­rungs­ta­rif, bleibt es ihm frei­ge­stellt, den hier­mit ver­bun­de­nen finan­zi­el­len Mehr­auf­wand selbst zu erbrin­gen, ohne dass dies der Gläu­bi­ge­rin im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung zum Nach­teil gerei­chen darf.

Land­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 10. Mai 2012 – 19 T 353/​11

  1. LG Han­no­ver, Beschluss vom 25.04.1983 – 11 T 76/​83; KG, Beschluss vom 21.12.1984 – 1 W 5496/​83; LG Han­no­ver, Beschluss vom 07.10.1986 – 11 T 168/​86; LG Ber­lin, Beschluss vom 30.03.1994 – 81 T 483/​93; Lüke in: Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl. 1999, § 850e Rn. 11 m. wei­te­ren Recht­spre­chungs­nach­wei­sen in Fußn. 16 f.[]
  2. Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl. 2004, § 850e Rn. 8 m. Hin­weis zur Norm­ge­schich­te in Fußn. 10; Smid in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur ZPO, 3. Aufl. 2007, § 850e Rn. 4; Musielak, ZPO, 9. Aufl. 2012, § 850d Rn. 4[]
  3. KG a.a.O. – RPfle­ger 1985, 154[]