Berufs­pro­gno­se für ein jün­ge­res Kind

Trifft ein Scha­dens­er­eig­nis ein jün­ge­res Kind, über des­sen beruf­li­che Zukunft auf­grund des eige­nen Ent­wick­lungs­stands zum Scha­dens­zeit­punkt noch kei­ne zuver­läs­si­ge Aus­sa­ge mög­lich ist, so kann es gebo­ten sein, dass der Tatrich­ter bei der für die Ermitt­lung des Erwerbs­scha­dens erfor­der­li­chen Pro­gno­se auch den Beruf sowie die Vor- und Wei­ter­bil­dung der Eltern, ihre Qua­li­fi­ka­ti­on in der Berufs­tä­tig­keit, die beruf­li­chen Plä­ne für das Kind sowie schu­li­sche und beruf­li­che Ent­wick­lun­gen von Geschwis­tern berück­sich­tigt.

Berufs­pro­gno­se für ein jün­ge­res Kind

Erge­ben sich auf­grund der tat­säch­li­chen Ent­wick­lung des Kin­des zwi­schen dem Zeit­punkt der Schä­di­gung und dem Zeit­punkt der Scha­dens­er­mitt­lung (wei­te­re) Anhalts­punk­te für sei­ne Bega­bun­gen und Fähig­kei­ten und die Art der mög­li­chen Erwerbs­tä­tig­keit ohne den Scha­dens­fall, ist auch dies bei der Pro­gno­se zu berück­sich­ti­gen und von einem dem ent­spre­chen­den nor­ma­len beruf­li­chen Wer­de­gang aus­zu­ge­hen.

Der Ver­dienst­aus­fall­scha­den ist unter Her­an­zie­hung von § 252 Satz 2 BGB und § 287 ZPO zu ermit­teln. Ist die vor­aus­sicht­li­che beruf­li­che Ent­wick­lung eines Geschä­dig­ten ohne das Scha­dens­er­eig­nis zu beur­tei­len, muss der Geschä­dig­te nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zwar soweit wie mög­lich kon­kre­te Anhalts­punk­te für die erfor­der­li­che Pro­gno­se dar­tun. Doch dür­fen inso­weit kei­ne zu hohen Anfor­de­run­gen gestellt wer­den 1, ins­be­son­de­re dann, wenn das haf­tungs­aus­lö­sen­de Ereig­nis den Geschä­dig­ten zu einem Zeit­punkt getrof­fen hat, als er noch in der Aus­bil­dung oder am Anfang sei­ner beruf­li­chen Ent­wick­lung stand und des­halb noch kei­ne Erfol­ge in der von ihm ange­streb­ten Tätig­keit nach­wei­sen konn­te 2.

Trifft das Scha­dens­er­eig­nis ein jün­ge­res Kind, über des­sen beruf­li­che Zukunft auf­grund des eige­nen Ent­wick­lungs­stands zum Scha­dens­zeit­punkt noch kei­ne zuver­läs­si­ge Aus­sa­ge mög­lich ist, darf es dem Geschä­dig­ten nicht zum Nach­teil gerei­chen, dass die Beur­tei­lung des hypo­the­ti­schen Ver­laufs mit nicht zu besei­ti­gen­den erheb­li­chen Unsi­cher­hei­ten behaf­tet ist. Denn es liegt in der Ver­ant­wort­lich­keit des Schä­di­gers, dass der Geschä­dig­te in einem sehr frü-hen Zeit­punkt sei­ner Ent­wick­lung aus der Bahn gewor­fen wur­de und dass sich dar­aus die beson­de­re Schwie­rig­keit ergibt, eine Pro­gno­se über deren Ver­lauf anzu­stel­len. Daher darf sich der Tatrich­ter in der­ar­ti­gen Fäl­len sei­ner Auf­ga­be, auf der Grund­la­ge von § 252 BGB und § 287 ZPO eine Scha­dens­er­mitt­lung vor­zu­neh­men, nicht vor­schnell unter Hin­weis auf die Unsi­cher­heit mög­li­cher Pro­gno­sen ent­zie­hen 3.

Zutref­fend wer­den des­halb in sol­chen Fäl­len auch der Beruf, die Vor- und Wei­ter­bil­dung der Eltern, ihre Qua­li­fi­ka­ti­on in der Berufs­tä­tig­keit, die beruf­li­chen Plä­ne für das Kind sowie schu­li­sche und beruf­li­che Ent­wick­lun­gen von Geschwis­tern her­an­ge­zo­gen 4. Erge­ben sich auf­grund der tat­säch­li­chen Ent­wick­lung des Kin­des zwi­schen dem Zeit­punkt der Schä­di­gung und dem Zeit­punkt der Scha­dens­er­mitt­lung (wei­te­re) Anhalts­punk­te für sei­ne Bega­bun­gen und Fähig­kei­ten und die Art der mög­li­chen Erwerbs­tä­tig­keit ohne den Scha­dens­fall, ist auch dies bei der Pro­gno­se zu berück­sich­ti­gen und von einem dem ent­spre­chen­den nor­ma­len beruf­li­chen Wer­de­gang aus­zu­ge­hen 5. Besteht zwi­schen den Par­tei­en Streit dar­über, wel­che geis­ti­gen und kör­per­li­chen Fähig­kei­ten des Geschä­dig­ten der Pro­gno­se zugrun­de gelegt wer­den kön­nen, wird in der Regel nicht ohne sach­ver­stän­di­gen Rat ent­schie­den wer­den kön­nen.

Erge­ben sich kei­ne Anhalts­punk­te, die über­wie­gend für einen Erfolg oder einen Miss­erfolg spre­chen, dann liegt es nahe, nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge von einem vor­aus­sicht­lich durch­schnitt­li­chen Erfolg des Geschä­dig­ten in sei­ner Tätig­keit aus­zu­ge­hen und auf die­ser Grund­la­ge die wei­te­re Pro­gno­se der ent­gan­ge­nen Ein­nah­men anzu­stel­len und den Scha­den gemäß § 287 ZPO zu schät­zen; ver­blei­ben­den Risi­ken kann durch gewis­se Abschlä­ge Rech­nung getra­gen wer­den 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Okto­ber 2010 – VI ZR 186/​08

  1. BGH, Urtei­le vom 31.03.1992 – VI ZR 143/​91, VersR 1992, 973; vom 06.07.1993 – VI ZR 228/​92, VersR 1993, 1284, 1285; vom 17.01.1995 – VI ZR 62/​94, VersR 1995, 422, 424; vom 24.01.1995 – VI ZR 354/​93, VersR 1995, 469, 470; vom 17.02.1998 – VI ZR 342/​96, VersR 1998, 770, 772; vom 20.04.1999 – VI ZR 65/​98, VersR 2000, 233[]
  2. BGH, Urteil vom 06.06.2000 – VI ZR 172/​99, VersR 2000, 1521, 1522; vgl. fer­ner KG, VersR 2006, 794[]
  3. BGH, Urteil vom 17.02.1998 – VI ZR 342/​96, aaO[]
  4. vgl. OLG Frank­furt, VersR 1989, 48; OLG Karls­ru­he, VersR 1989, 1101, 1102; OLG Schles­wig, OLGR 2009, 305, 308[]
  5. vgl. OLG Karls­ru­he, a.a.O.[]
  6. BGH, Urtei­le vom 17.02.1998 – VI ZR 342/​96, a.a.O.; vom 20.04.1999 – VI ZR 65/​98, a.a.O.; und vom 06.06.2000 – VI ZR 172/​99, a.a.O.[]