Beru­fung gegen ein im Urkund­s­ver­fah­ren ergan­ge­nes Pro­zes­s­ur­teil

Bei einer im ers­ten Rechts­zug erfolg­ten Abwei­sung der Kla­ge als im Urkund­s­ver­fah­ren unstatt­haft nach § 597 Abs. 2 ZPO kann im vom Klä­ger betrie­be­nen Beru­fungs­ver­fah­ren – wie nach einem klag­ab­wei­sen­den erst­in­stanz­li­chen Pro­zes­s­ur­teil – bei Vor­lie­gen ent­spre­chen­der Vor­aus­set­zun­gen die Kla­ge ins­ge­samt durch Sachur­teil abge­wie­sen wer­den. Das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot des § 528 ZPO steht dem nicht im Wege [1].

Beru­fung gegen ein im Urkund­s­ver­fah­ren ergan­ge­nes Pro­zes­s­ur­teil

Auch wenn das Land­ge­richt die Kla­ge ledig­lich nach § 597 Abs. 2 ZPO als im Urkund­s­pro­zess unstatt­haft abge­wie­sen hat, hin­dert dies das Beru­fungs­ge­richt nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Cel­le nicht dar­an, wegen des unstrei­ti­gen und mate­ri­ell­recht­lich durch­grei­fen­den Erfül­lungs­ein­wan­des die Kla­ge ins­ge­samt durch Sachur­teil abzu­wei­sen.

Zwar hat das Reichs­ge­richt in einer Ent­schei­dung vom 25.01.1904 [2] die Auf­fas­sung ver­tre­ten, bei einer Klag­ab­wei­sung als in der gewähl­ten Pro­zess­art unstatt­haft kom­me ein end­gül­tig klag­ab­wei­sen­des Sachur­teil wegen des Ver­schlech­te­rungs­ver­bots des § 528 ZPO nur in Betracht, wenn auch der Beklag­te Rechts­mit­tel ein­ge­legt habe [3]. Die­se Ansicht ent­spricht jedoch nicht der mitt­ler­wei­le ganz herr­schen­den Mei­nung zur Ent­schei­dungs­be­fug­nis des Beru­fungs­ge­richts bei erst­in­stanz­li­cher Klag­ab­wei­sung durch Pro­zes­s­ur­teil und dage­gen gerich­te­ter Beru­fung (allein) der Klag­par­tei mit dem Ziel, eine Sach­ent­schei­dung zu errei­chen. Inso­weit ist es nach nahe­zu ein­hel­li­ger Auf­fas­sung in Schrift­tum und Recht­spre­chung zuläs­sig, das abwei­sen­de Pro­zes­s­ur­teil im zwei­ten Rechts­zug bei Vor­lie­gen ent­spre­chen­der Vor­aus­set­zun­gen durch ein eben­falls klag­ab­wei­sen­des Sachur­teil zu erset­zen, obwohl der Beru­fungs­klä­ger dadurch schlech­ter gestellt wird, weil ihm eine neue Kla­ge unmög­lich gemacht wird [4]. Die­se Schlech­ter­stel­lung hat der Klä­ger als Rechts­mit­tel­füh­rer hin­zu­neh­men, weil er durch die Stel­lung des Beru­fungs­an­tra­ges, mit dem er ein Sachur­teil gera­de errei­chen will, sein Begehr in der Sache unein­ge­schränkt der Prü­fung durch das Beru­fungs­ge­richt unter­stellt. Sähe man das Beru­fungs­ge­richt durch das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot dar­an gehin­dert, die Kla­ge ins­ge­samt abzu­wei­sen, obwohl die­se zwar zuläs­sig (bzw. im Urkund­s­ver­fah­ren statt­haft), aber unbe­grün­det ist, müss­te das Beru­fungs­ge­richt man­gels eige­ner (nega­ti­ver) Sach­ent­schei­dungs­kom­pe­tenz den Rechts­streit an die ers­te Instanz zurück­ver­wei­sen, damit die Abwei­sung dort aus­ge­spro­chen wird [5] Dass ein sol­cher Umweg weder inter­es­sen­ge­recht ist noch dem Kom­pe­tenz­ver­hält­nis im Instan­zen­zug ent­spricht, liegt auf der Hand. Die das Ver­hält­nis zwi­schen Pro­zess- und Sachur­teil betref­fen­den Erwä­gun­gen gel­ten in glei­cher Wei­se bzw. erst recht bei einem die Kla­ge als im Urkund­s­ver­fah­ren unstatt­haft abwei­sen­den erst­in­stanz­li­chen Urteil.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Urteil vom 19. Febru­ar 2014 – 9 U 166/​13

  1. ent­ge­gen RGZ 57, 42, 44[]
  2. RGZ 57, 42, 44[]
  3. vgl. auch die die­se Ent­schei­dung zitie­ren­den Kom­men­ta­re von Musielak, ZPO, 10. Aufl., Rn. 9 zu § 597, sowie Stein/​Jonas/​Berger, ZPO, 23. Aufl., Rn. 21 zu § 579[]
  4. Wieczorek/​Schütze/​Gerken, ZPO, 4. Aufl., Rn. 51 zu § 528, Zöller/​Heßler, ZPO, 30. Aufl., Rn. 32 zu § 528 je m. w. N.[]
  5. vgl. für den Fall eines Pro­zes­s­ur­teils Wieczorek/​Schütze/​Gerken, a. a. O.[]