Beru­fung und Anhö­rungs­rü­ge – gleich­zei­tig!

Bestehen Zwei­fel, ob der Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des 600 € über­steigt, hat der Rechts­an­walt den für sei­nen Man­dan­ten sichers­ten Weg zu beschrei­ten, selbst wenn dies zu der Not­wen­dig­keit führt, zwei Rechts­be­hel­fe (hier: Beru­fung und Anhö­rungs­rü­ge) par­al­lel anhän­gig zu machen.

Beru­fung und Anhö­rungs­rü­ge – gleich­zei­tig!

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers zunächst nur Anhö­rungs­rü­ge gemäß § 321a ZPO erho­ben­er­ho­ben, um eine Fort­füh­rung des Ver­fah­rens und Ent­schei­dung auch über den abge­wie­se­nen Teil der Kla­ge­for­de­rung in sei­nem Sin­ne zu errei­chen. Dabei hat er die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass das Rechts­mit­tel der Beru­fung nicht gege­ben sei, weil die Beru­fungs­sum­me von 600 € unter­schrit­ten sei. Das Amts­ge­richt Del­men­horst [1] hat die Rüge unter Hin­weis dar­auf zurück­ge­wie­sen, dass die Beschwer­de­sum­me 767,98 € betra­ge. Dar­auf­hin hat der Klä­ger durch sei­ne Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten Beru­fung beim Land­ge­richt Olden­burg ein­ge­legt und Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist bean­tragt. Das Land­ge­richt Olden­burg hat den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zurück­ge­wie­sen und die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wor­fen [2]. Zu Recht, wie nun der Bun­des­ge­richts­hof befand:

Das Beru­fungs­ge­richt hat dem Klä­ger die begehr­te Wie­der­ein­set­zung im Ergeb­nis mit Recht ver­sagt und dem­entspre­chend die Beru­fung mit Recht ver­wor­fen. Es ist dabei zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass der Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des im Streit­fall 600 € über­stieg, des­halb die Beru­fung nach § 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO das zuläs­si­ge Rechts­mit­tel war und der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers die Ein­hal­tung der Beru­fungs­frist des § 517 ZPO nicht ohne Ver­schul­den im Sin­ne des § 233 ZPO ver­säumt hat.

Die soge­nann­te Erwach­sen­heits­sum­me (§ 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO) war erreicht. Die vom Klä­ger wei­ter­ver­folg­te rest­li­che Haupt­for­de­rung betrug ent­spre­chend der Höhe des in ers­ter Instanz abge­wie­se­nen Teils sei­ner Kla­ge 575,91 €. Dar­über hin­aus ist dem – eben­falls abge­wie­se­nen – Frei­stel­lungs­an­trag hin­sicht­lich der Rechts­an­walts­ge­büh­ren, die durch die Ein­ho­lung einer Deckungs­zu­sa­ge gegen­über der Rechts­schutz­ver­si­che­rung ent­stan­den, ein selb­stän­di­ger Wert bei­zu­mes­sen.

Das hängt nicht davon ab, ob die­ser Frei­stel­lungs­an­spruch als selb­stän­di­ge For­de­rung [3] oder als – grund­sätz­lich nicht streit­wert­er­hö­hen­de – Neben­for­de­rung im Sin­ne des § 4 Abs. 1 Halbs. 1 ZPO [4] anzu­se­hen ist. Denn eine Neben­for­de­rung wird zur Haupt­for­de­rung, sobald und soweit die Haupt­for­de­rung nicht mehr Pro­zess­ge­gen­stand ist, weil die Neben­for­de­rung sich in der sie bedin­gen­den For­de­rung „eman­zi­piert“ hat und es ohne Haupt­for­de­rung kei­ne Neben­for­de­rung gibt [5]. So liegt es auch im Streit­fall. Das Amts­ge­richt hat dem Klä­ger 1.353,38 € zuge­spro­chen. Die­ser Teil der Haupt­for­de­rung ist nicht mehr Pro­zess­ge­gen­stand. Das hat dazu geführt, dass der hier­auf bezo­ge­ne Teil des vor­ge­nann­ten Frei­stel­lungs­an­spruchs – wenn er denn als Neben­for­de­rung anzu­se­hen gewe­sen wäre – zur Haupt­for­de­rung wur­de. Wie die Rechts­be­schwer­den selbst gel­tend machen, erhöh­te sich der Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des dadurch, dass zu dem abge­wie­se­nen Teil des Zah­lungs­an­spruchs (575,91 €) noch der Wert des ver­selb­stän­dig­ten Teils des Frei­stel­lungs­an­spruchs hin­zu­zu­rech­nen war, auf mehr als 600 €. Für den Klä­ger war mit­hin die Beru­fung eröff­net.

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hat­te Anlass, gegen das amts­ge­richt­li­che Urteil – jeden­falls auch – Beru­fung ein­zu­le­gen.

Die Zuläs­sig­keit der Beru­fung konn­te hier nur des­halb in Fra­ge ste­hen, weil die Erwach­sen­heits­sum­me (§ 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO) nicht hät­te erreicht sein kön­nen. Aus der in dem Urteil des Amts­ge­richts erfolg­ten Fest­set­zung des Streit­wer­tes ergab sich aber für den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers, dass der Klä­ger in Höhe von mehr als 600 € beschwert war. Denn das Amts­ge­richt hat­te neben dem Wert für den Zah­lungs­an­spruch (und dem für den Fest­stel­lungs­an­trag) einen eige­nen Wert für den Anspruch auf Frei­stel­lung von den durch die Deckungs­an­fra­ge ver­ur­sach­ten Anwalts­ge­büh­ren fest­ge­setzt (148,75 €). Bereits aus die­sem Grund muss­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers in Betracht zie­hen, dass nicht die Anhö­rungs­rü­ge son­dern die Beru­fung das zuläs­si­ge Rechts­mit­tel sein könn­te und dass er, wenn er allein die Anhö­rungs­rü­ge erhe­ben wür­de, Gefahr lau­fen wür­de, die Beru­fungs­frist zu ver­säu­men.

Zwar hat das Beru­fungs­ge­richt – was hier auch gesche­hen ist – den Wert des Beschwer­de­ge­gen­stan­des nach eige­nem frei­em Ermes­sen ohne Bin­dung an einen für die ers­te Instanz fest­ge­setz­ten Streit­wert zu bestim­men [6]. Des­halb darf sich der Rechts­an­walt bei der Prü­fung der Zuläs­sig­keit eines Rechts­mit­tels nicht allein an der Streit­wert­fest­set­zung durch das erst­in­stanz­li­che Gericht ori­en­tie­ren. Ergibt sich dar­aus aber, dass die Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zun­gen eines ande­ren Rechts­be­helfs als des von dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ins Auge gefass­ten – im Streit­fall die Beru­fung statt der Anhö­rungs­rü­ge – erfüllt sein könn­ten, hat er jeden­falls auch die­sen ande­ren Rechts­be­helf zu ergrei­fen. Denn der Rechts­an­walt hat im Inter­es­se sei­nes Man­dan­ten den sichers­ten Weg zu gehen [7]. Besteht Unsi­cher­heit, wel­cher Rechts­be­helf zuläs­sig ist, hat der Rechts­an­walt jeden ernst­haft in Betracht zu zie­hen­den Rechts­be­helf zu ergrei­fen [8]. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers han­del­te mit­hin fahr­läs­sig (§§ 233, 85 Abs. 2 ZPO), indem er nicht – wie nach der Streit­wert­fest­set­zung durch das Amts­ge­richt nahe­lie­gend – Beru­fung ein­leg­te; die Beru­fung hät­te er zumin­dest par­al­lel zu der von ihm erho­be­nen Anhö­rungs­rü­ge ein­le­gen müs­sen.

Im Übri­gen hät­te – ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­den – dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers die Rechts­la­ge bezüg­lich der (teil­wei­sen) Ver­selb­stän­di­gung eines ursprüng­lich als Neben­for­de­rung gel­tend gemach­ten Anspruchs auch bereits im hier maß­geb­li­chen Zeit­raum September/​Oktober 2010 bekannt sein müs­sen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sind Zin­sen aus einem nicht oder nicht mehr im Streit ste­hen­den Haupt­an­spruch nicht Neben­for­de­run­gen im Sin­ne des § 4 Abs. 1 Halbs. 2 ZPO ohne Rück­sicht dar­auf, ob ein ande­rer Teil des Haupt­an­spruchs noch anhän­gig ist [9]. Der Bun­des­ge­richts­hof hat – wie schon dar­ge­legt – bereits vor Erhe­bung der Kla­ge in die­sem Rechts­streit ent­schie­den, dass die Neben­for­de­rung zur Haupt­for­de­rung wird, sobald und soweit die Haupt­for­de­rung nicht mehr Pro­zess­ge­gen­stand ist, weil die Neben­for­de­rung sich von der sie bedin­gen­den For­de­rung „eman­zi­piert“ hat und es ohne Haupt­for­de­rung kei­ne Neben­for­de­rung gibt [10]. Da die genann­ten höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen sämt­lich bis 2009 ver­öf­fent­licht und über­dies in den im Jah­re 2010 aktu­el­len Auf­la­gen der gän­gi­gen Kom­men­ta­re zur Zivil­pro­zess­ord­nung zitiert waren [11], gereicht es dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers zum Ver­schul­den, die­sen Punkt bei der Prü­fung der Zuläs­sig­keit der Beru­fung nicht hin­rei­chend beach­tet und die Rechts­la­ge im Hin­blick auf die Höhe der Beschwer des­halb falsch ein­ge­schätzt zu haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Mai 2012 – VI ZB 1/​11 und VI ZB 2/​11

  1. AG Del­men­horst, Beschluss vom 07.09.2010 – 46 C 6047/​10 (XI) []
  2. LG Olden­burg, Beschlüs­se vom 06.12.2010 und 20.12.201 – 13 S 569/​10[]
  3. vgl. AG Lebach, Urteil vom 04.08.2010 – 3 B C 144/​10 – inso­weit in SP 2011, 29 und 123 nicht abge­druckt[]
  4. vgl. LG Nürn­berg-Fürth, NZV 2012, 140, 142; LG Ber­lin, Urteil vom 18.07.2011 – 43 S 41/​11, juris Rn. 97; AG Karls­ru­he, AGS 2009, 355, 356; Len­sing, AnwBl 2010, 688, 689; Tom­son, VersR 2010, 1428, 1429[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 04.12.2007 – VI ZB 73/​06 VersR 2008, 557 Rn. 8; und vom 17.02.2009 – VI ZB 60/​07 VersR 2009, 806 Rn. 6[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 16.12.1987 – IVb ZB 124/​87, NJW-RR 1988, 836, 837; vom 25.09.1991 – XII ZB 61/​91, FamRZ 1992, 169 f.; Urtei­le vom 20.10.1997 – II ZR 334/​96, NJW-RR 1998, 573; vom 24.04.1998 – V ZR 225/​97, NJW 1998, 2368; Beschluss vom 09.07.2004 – V ZB 6/​04, NJW-RR 2005, 219[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 19.11.1992 – V ZB 37/​92, WM 1993, 77 = juris Rn. 4 und Beschluss vom 03.11.2010 – XII ZB 197/​10, NJW 2011, 386 Rn.19, jeweils mwN[]
  8. vgl. BVerfG NJW 2003, 575 und NJW 2008, 2167; BGH, Beschluss vom 03.11.2010 aaO Rn.20; Musielak/​Grandel, ZPO 9. Aufl.2012 § 233 Rn. 44[]
  9. BGH, Beschluss vom 04.12.2007 – VI ZB 73/​06, VersR 2008, 557 Rn. 7; BGH, Beschluss vom 12.12.1957 – VII ZR 135/​57, BGHZ 26, 174, 176 ff.; Urteil vom 24.03.1994 – VII ZR 146/​93, NJW 1994, 1869, 1870[]
  10. BGH, Beschlüs­se vom 04.12.2007 – VI ZB 73/​06, aaO Rn. 8; vom 17.02.2009 – VI ZB 60/​07, aaO Rn. 6[]
  11. vgl. Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 68. Aufl., § 4 Rn. 11; Münch­Komm-ZPO/­Wöst­mann, 3. Aufl., § 4 Rn. 30; Musielak/​Heinrich, ZPO, 7. Aufl., § 4 Rn. 17; Geh­le in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 2. Aufl., § 4 Rn. 16; Hüß­te­ge in Thomas/​Putzo, ZPO, 31. Aufl., § 4 Rn. 9; Zöller/​Herget, ZPO, 28. Aufl., § 4 Rn. 13[]