„Beru­fung und Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag“

In PKH-Sachen wird anstel­le einer unmit­tel­ba­ren Beru­fung oft­mals zunächst nur ein Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Beru­fungs­in­stanz ein­ge­reicht und erst nach Bewil­li­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe dann – unter Bean­tra­gung der Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­ein­le­gungs­frist – auch tat­säch­lich Beru­fung ein­ge­legt.

„Beru­fung und Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag“

Ist der Schrift­satz jedoch mit „Beru­fung und Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag“ über­schrie­be­nen, so wird damit nach einem aktu­el­len Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs nicht nur die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt, son­dern auch die Beru­fung ein­ge­legt.

Ein sol­cher Schrift­satz erfüllt nach Ansicht des BGH die Anfor­de­run­gen, die das Gesetz in § 519 ZPO an eine Beru­fungs­schrift stellt. In die­sem Fall kommt nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Deu­tung, dass der Schrift­satz nicht als unbe­ding­te Beru­fung bestimmt war, nur dann in Betracht, wenn sich dies aus den Begleit­um­stän­den mit einer jeden ver­nünf­ti­gen Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Deut­lich­keit ergibt [1]. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind hier nicht gege­ben.

Ob eine Beru­fung ein­ge­legt ist, ist im Wege der Aus­le­gung der Beru­fungs­schrift und der sonst vor­lie­gen­den Unter­la­gen zu ent­schei­den. Dabei sind – wie auch sonst bei der Aus­le­gung von Pro­zess­er­klä­run­gen – alle Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­falls zu berück­sich­ti­gen. Die Aus­le­gung von Pro­zess­er­klä­run­gen hat den Wil­len des Erklä­ren­den zu beach­ten, wie er den äußer­lich in Erschei­nung getre­te­nen Umstän­den übli­cher­wei­se zu ent­neh­men ist [2]. Bei Beach­tung die­ser Grund­sät­ze wur­de mit einem mit „Beru­fung und Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag“ über­schrie­be­nen Schrift­satz aber wirk­sam Beru­fung ein­ge­legt.

Für die Aus­le­gung die­ses Schrift­sat­zes sind des­sen Inhalt und die Begleit­um­stän­de her­an­zu­zie­hen. Maß­ge­bend ist der objek­tiv zum Aus-druck gekom­me­ne Wil­le des Erklä­ren­den. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung, die in die­sem Fall noch das OLG Düs­sel­dorf als Beru­fungs­ge­richt ver­tre­ten hat, kommt es dabei aller­dings nicht dar­auf an, ob der Schrift­satz vom Gericht als Beru­fungs­schrift gewer­tet und behan­delt wor­den ist. Nicht zu berück­sich­ti­gen sind auch die Begleit­um­stän­de, von denen das Gericht und der Rechts­mit­tel­geg­ner erst nach Ablauf der Rechts­mit­tel­frist Kennt­nis erlangt haben [3]. Des­halb kommt es vor­lie­gend nicht dar­auf an, wel­che Erklä­rung die Klä­ge­rin spä­ter abge­ge­ben hat.

Eben­so uner­heb­lich ist, dass die Klä­ge­rin mit einem spä­te­ren Schrift­satz erneut „Beru­fung“ ein­ge­legt und Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist bean­tragt hat.

Der Inhalt des Schrift­sat­zes spricht nicht mit der erfor­der­li­chen Deut­lich­keit dafür, dass die Klä­ge­rin zunächst ledig­lich einen Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag stel­len und noch kei­ne Beru­fung ein­le­gen woll­te. Für eine unbe­ding­te Beru­fungs­ein­le­gung spre­chen hier schon die Ver­wen­dung des Be-griffs „Beru­fung“ in der Über­schrift und die Bezeich­nung der Par­tei­en als „Beru­fungs­klä­ge­rin“ und „Beru­fungs­be­klag­te“ im Rubrum.

Mit Rück­sicht auf die schwer­wie­gen­den Fol­gen einer beding­ten und damit unzu­läs­si­gen Beru­fungs­ein­le­gung ist für die Annah­me einer der­ar­ti­gen Bedin­gung eine aus­drück­li­che zwei­fels­freie Erklä­rung erfor­der­lich, die bei­spiels­wei­se dar­in gese­hen wer­den kann, dass der Schrift­satz als „Ent­wurf einer Beru­fungs­schrift“ bezeich­net wird, oder von einer „beab­sich­tig­ten Beru­fung“ die Rede ist oder ange­kün­digt wird, dass „nach Gewäh­rung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe“ Beru­fung ein­ge­legt wer­de [4]. Dar­an fehlt es hier.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. März 2009 – VI ZB 89/​08

  1. BGH, Beschlüs­se vom 2. Okto­ber 1985 – IVb ZB 62/​85VersR 1986, 40, 41; vom 16. Dezem­ber 1987 – IVb ZB 161/​87NJW 1988, 2046, 2047 f.; vom 10. Janu­ar 1990 – XII ZB 134/​89FamRZ 1990, 995; BGH, Urteil vom 31. Mai 1995 – VIII ZR 267/​94NJW 1995, 2563, 2564; Beschlüs­se vom 22. Janu­ar 2002 – VI ZB 51/​01VersR 2002, 1256, 1257 und vom 7. Novem­ber 2006 – VI ZB 70/​05VersR 2007, 662, 663[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15. Dezem­ber 1998 – VI ZR 316/​97VersR 1999, 900, 901 und BGH, Beschluss vom 22. Janu­ar 2002 – VI ZB 51/​01 – aaO, jeweils m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 27. Juni 1984 – VIII ZR 213/​83VersR 1984, 870 und vom 31. Mai 1995 – VIII ZR 267/​94 – aaO[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 31. Mai 1995 – VIII ZR 267/​94 – aaO; Beschluss vom 19. Mai 2004 – XII ZB 25/​04FamRZ 2004, 1553, 1554; BGH, Beschluss vom 7. Novem­ber 2006 – VI ZB 70/​05 – aaO[]