Beru­fungs­an­trä­ge – und der Umfang der Beru­fungs­be­grün­dung

Gemäß § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ZPO muss die Beru­fungs­be­grün­dung die Erklä­rung ent­hal­ten, inwie­weit das Urteil ange­foch­ten wird und wel­che Abän­de­run­gen des Urteils bean­tragt wer­den (Beru­fungs­an­trä­ge).

Beru­fungs­an­trä­ge – und der Umfang der Beru­fungs­be­grün­dung

Durch die­se Bestim­mung soll der Beru­fungs­klä­ger im Inter­es­se der Beschleu­ni­gung des Beru­fungs­ver­fah­rens dazu ange­hal­ten wer­den, sich ein­deu­tig über Umfang und Ziel sei­nes Rechts­mit­tels zu erklä­ren und Beru­fungs­ge­richt sowie Pro­zess­geg­ner über Umfang und Inhalt sei­ner Angrif­fe mög­lichst schnell und zuver­läs­sig ins Bild zu set­zen 1.

Las­sen sich Umfang und Ziel des Rechts­mit­tels durch Aus­le­gung der inner­halb der Begrün­dungs­frist ein­ge­reich­ten Schrift­sät­ze des Beru­fungs­klä­gers ihrem gesam­ten Inhalt nach ein­deu­tig bestim­men, kann selbst das völ­li­ge Feh­len eines förm­li­chen Beru­fungs­an­trags unschäd­lich sein 2.

Fer­ner ist zu berück­sich­ti­gen, dass die in der Beru­fungs­be­grün­dung ange­kün­dig­ten Anträ­ge nur vor­läu­fi­gen Cha­rak­ter haben und bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung im Rah­men der frist­ge­recht vor­ge­tra­ge­nen Anfech­tungs­grün­de noch geän­dert wer­den kön­nen 3.

Der Beru­fungs­klä­ger kann das Rechts­mit­tel sogar nach Ablauf der Begrün­dungs­frist bis zum Schluss der Beru­fungs­ver­hand­lung erwei­tern, soweit die frist­ge­recht vor­ge­tra­ge­nen Beru­fungs­grün­de die Antrags­er­wei­te­rung decken 4.

Wird unbe­schränkt Beru­fung ein­ge­legt, so erstreckt sich die dadurch ein­tre­ten­de Hem­mung der Rechts­kraft (§ 705 Satz 2 ZPO) grund­sätz­lich auch dann auf das gesam­te Urteil, wenn die Beru­fungs­be­grün­dung einen beschränk­ten Antrag ent­hält. Allein aus dem Umstand, dass der Beru­fungs­an­trag hin­ter der Beschwer zurück­bleibt, lässt sich kein teil­wei­ser Rechts­mit­tel­ver­zicht oder eine Rechts­mit­tel­be­gren­zung ent­neh­men 5. Im Gegen­teil unter­liegt die Annah­me eines Rechts­mit­tel­ver­zichts stren­gen Anfor­de­run­gen; dar­auf kann nur geschlos­sen wer­den, wenn in der Erklä­rung klar und ein­deu­tig der Wil­le zum Aus­druck gebracht wird, das Urteil inso­weit end­gül­tig hin­zu­neh­men und nicht anfech­ten zu wol­len 6.

Der Umstand, dass die Klä­ge­rin in der Beru­fungs­be­grün­dung einen Beru­fungs­an­trag ange­kün­digt hat, der hin­ter ihrer Beschwer zurück­blieb, ändert nichts dar­an, dass sie zunächst unbe­schränkt Beru­fung ein­ge­legt und das Urteil inso­weit umfas­send ange­grif­fen hat­te. Für die Annah­me eines teil­wei­sen Rechts­mit­tel­ver­zichts oder einer Rechts­mit­tel­be­gren­zung fehlt es an jeg­li­chem Anhalts­punkt; im Gegen­teil, die Klä­ge­rin hat­te sich aus­drück­lich vor­be­hal­ten, ihren ange­kün­dig­ten Antrag noch bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt zu ändern. Vor die­sem Hin­ter­grund durf­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus dem in der Beru­fungs­be­grün­dung ent­hal­te­nen Beru­fungs­an­trag nicht schlie­ßen, die Klä­ge­rin fech­te das arbeits­ge­richt­li­che Urteil, mit dem ihre auf Zah­lung von 5.360.450, 21 Euro gerich­te­te Kla­ge abge­wie­sen wor­den war, von vorn­her­ein nur ein­ge­schränkt, näm­lich im Umfang von 500.000, 00 Euro an.

Da die Klä­ge­rin ihren in der Beru­fungs­be­grün­dung ange­kün­dig­ten Beru­fungs­an­trag noch bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt hät­te ändern kön­nen, war es ihr auch unbe­nom­men, im Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt klar­zu­stel­len, dass es bei dem in der Beru­fungs­be­grün­dung ange­kün­dig­ten Antrag ver­bleibt und dass sie ihr Begeh­ren inso­weit aus­schließ­lich auf die in der Beru­fungs­be­grün­dung aus­drück­lich ange­führ­ten 42 Geschäfts­vor­gän­ge stützt.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. Febru­ar 2016 – 8 AZR 426/​14

  1. vgl. etwa BGH 10.06.2015 – XII ZB 611/​14, Rn. 10 mwN; 19.11.2014 – XII ZB 522/​14, Rn. 10; 22.03.2006 – VIII ZR 212/​04, Rn. 8 mwN[]
  2. vgl. ua. BAG 20.06.1989 – 3 AZR 504/​87, zu I 3 der Grün­de; BGH 10.06.2015 – XII ZB 611/​14, Rn. 10 mwN[]
  3. vgl. ua. BGH 6.07.2005 – XII ZR 293/​02, zu I 2 a der Grün­de mwN, BGHZ 163, 324; 27.03.1985 – IVb ZB 20/​85, zu II der Grün­de[]
  4. vgl. BAG 20.07.2004 – 9 AZR 570/​03, zu A I 1 der Grün­de; vgl. auch BGH 28.09.2000 – IX ZR 6/​99, zu I 1 der Grün­de mwN, BGHZ 145, 256; 30.04.1996 – VI ZR 55/​95, zu II 1 der Grün­de, BGHZ 132, 341; 6.11.1986 – IX ZR 8/​86, zu 4 a bb der Grün­de; 16.09.1985 – II ZR 47/​85, zu 2 der Grün­de; 24.10.1984 – VIII ZR 140/​83, zu I der Grün­de; 8.10.1982 – V ZB 9/​82, zu II 2 der Grün­de[]
  5. vgl. ua. BAG 20.07.2004 – 9 AZR 570/​03, zu A I 1 der Grün­de; BGH 28.09.2000 – IX ZR 6/​99, zu I 1 der Grün­de mwN, BGHZ 145, 256; 27.03.1985 – IVb ZB 20/​85, zu II der Grün­de; 24.10.1984 – VIII ZR 140/​83, zu I der Grün­de; 27.10.1983 – VII ZR 41/​83, zu 2 a der Grün­de, BGHZ 88, 360[]
  6. vgl. ua. BAG 27.07.2010 – 3 AZR 317/​08, Rn. 16, BAGE 135, 187; 16.03.2004 – 9 AZR 323/​03, zu A I 1 der Grün­de mwN, BAGE 110, 45; BGH 5.09.2006 – VI ZB 65/​05, Rn. 8 mwN; 6.03.1985 – VIII ZR 123/​84, zu 2 b der Grün­de; 27.10.1983 – VII ZR 41/​83 – aaO[]