Beru­fungs­be­grün­dung – und der feh­len­de Sach­an­trag

Die Beru­fungs­be­grün­dung muss die Erklä­rung ent­hal­ten, inwie­weit das Urteil ange­foch­ten wird und wel­che Abän­de­run­gen des Urteils bean­tragt wer­den (§ 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ZPO), fer­ner wenn wie hier eine Rechts­ver­let­zung im Sin­ne von § 546 ZPO gel­tend gemacht wird (§ 513 Abs. 1 ZPO) die Bezeich­nung der Umstän­de, aus denen sich die Rechts­ver­let­zung und deren Erheb­lich­keit ergibt (§ 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO).

Beru­fungs­be­grün­dung – und der feh­len­de Sach­an­trag

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ent­hal­ten § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 und 2 ZPO kei­ne beson­de­ren for­ma­len Anfor­de­run­gen 1.

Für die Erklä­rung, inwie­weit das Urteil ange­foch­ten wird und wel­che Abän­de­run­gen bean­tragt wer­den (§ 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ZPO), bedarf es kei­ner aus­drück­li­chen Stel­lung eines Sach­an­trags; es reicht aus, wenn die inner­halb der Begrün­dungs­frist ein­ge­reich­ten Schrift­sät­ze ihrem gesam­ten Inhalt nach ein­deu­tig erge­ben, in wel­chem Umfang und mit wel­chem Ziel das Urteil ange­foch­ten wer­den soll 2. Die Vor­schrift des § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1 ZPO soll den Beru­fungs­klä­ger im Inter­es­se der Beschleu­ni­gung des Beru­fungs­ver­fah­rens dazu anhal­ten, sich ein­deu­tig über Umfang und Ziel sei­nes Rechts­mit­tels zu erklä­ren und Beru­fungs­ge­richt und Pro­zess­geg­ner über Umfang und Inhalt sei­ner Angrif­fe mög­lichst schnell und zuver­läs­sig ins Bild zu set­zen. Das erfor­dert nicht unbe­dingt einen förm­li­chen Antrag.

Ent­spre­chen­des gilt für die Bezeich­nung der Umstän­de, aus denen sich nach Ansicht des Rechts­mit­tel­füh­rers die Rechts­ver­let­zung und deren Erheb­lich­keit für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung erge­ben (§ 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO; BGH, Beschluss vom 02.02.2012 aaO). Ins­be­son­de­re ist es ohne Bedeu­tung, ob die Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­klä­gers schlüs­sig, hin­rei­chend sub­stan­ti­iert oder recht­lich halt­bar sind. Viel­mehr gehört dazu eine aus sich her­aus ver­ständ­li­che Anga­be, wel­che bestimm­ten Punk­te des ange­foch­te­nen Urteils der Beru­fungs­klä­ger bekämpft und wel­che tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­de er ihnen im Ein­zel­nen ent­ge­gen­setzt. Die Beru­fungs­be­grün­dung muss nur auf den kon­kre­ten Streit­fall zuge­schnit­ten sein 3. Im Fall der unein­ge­schränk­ten Anfech­tung muss die Beru­fungs­be­grün­dung geeig­net sein, das gesam­te Urteil in Fra­ge zu stel­len 4. Decken sich die Vor­aus­set­zun­gen für ver­schie­de­ne Ansprü­che, reicht es aber aus, wenn die Beru­fungs­be­grün­dung einen ein­heit­li­chen Rechts­grund im Gan­zen angreift 5.

Unschäd­lich ist danach ins­be­son­de­re, dass die Beru­fungs­klä­ge­rin kei­nen Sach­an­trag gestellt hat, wenn der im Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­satz gehal­te­ne Sach­vor­trag im Ergeb­nis hin­rei­chend deut­lich den Schluss zulässt, dass sie ihr gesam­tes erst­in­stanz­li­ches Begeh­ren wei­ter­ver­fol­gen woll­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Juni 2019 – III ZR 83/​18

  1. zB BGH, Beschluss vom 02.02.2012 aaO Rn. 6[]
  2. vgl. zB BGH, Beschluss vom 01.06.2017 – III ZB 77/​16, NJW-RR 2017, 1341 Rn. 8; BGH, Beschlüs­se vom 01.04.2015 XII ZB 503/​14, NJW 2015, 1606 Rn. 11; vom 02.02.2012 aaO; und vom 15.12 2009 – XI ZB 36/​09, WM 2010, 434 Rn. 9; Ver­säum­nis­ur­teil vom 22.03.2006 – VIII ZR 212/​04, NJW 2006, 2705 Rn. 8; jeweils mwN[]
  3. vgl. zu allem Vor­ste­hen­den zB BGH, Beschlüs­se vom 29.11.2018 – III ZB 19/​18, NJW-RR 2019, 180 Rn. 10; und vom 26.02.2015 – III ZB 30/​14, BeckRS 2015, 4706 Rn. 11; BGH, Urteil vom 10.03.2015 – VI ZR 215/​14, NJW 2015, 1684 Rn. 7; jeweils mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 05.12 2006 – VI ZR 228/​05, NJW-RR 2007, 414 Rn. 10[]
  5. BGH, Urteil vom 14.06.2012 – IX ZR 150/​11, NJW-RR 2012, 1207 Rn. 10 mwN[]