Beru­fungs­be­grün­dung – und die feh­len­de Unter­schrift

Die auf dem Feh­len der Unter­schrift beru­hen­de Ver­säu­mung einer Rechtsmittel(begründungs)frist ist von dem Rechts­an­walt auch dann ver­schul­det, wenn er irr­tüm­lich annimmt, dass es sei­ner Unter­schrift auf einem ihm vor­ge­leg­ten Schrift­satz nicht mehr bedür­fe, weil er die für das Gericht bestimm­te Aus­fer­ti­gung bereits unter­zeich­net habe. Ein Rechts­an­walt darf einen ihm in einer Unter­schrif­ten­map­pe zur Unter­zeich­nung vor­ge­leg­ten Schrift­satz nur dann ohne Unter­schrift an das Büro zurück­ge­ben, wenn er sich zuvor durch Nach­fra­ge ver­ge­wis­sert hat, dass die (schein­bar erneu­te) Vor­la­ge auf einem Büro­ver­se­hen beruht.

Beru­fungs­be­grün­dung – und die feh­len­de Unter­schrift

Bei einer Frist­ver­säu­mung wegen Feh­lens der Unter­schrift des Rechts­an­walts kann Wie­der­ein­set­zung nur gewährt wer­den, wenn die Par­tei gemäß § 236 Abs. 2 ZPO vor­trägt und glaub­haft macht, dass dies von ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht zu ver­tre­ten ist [1]. Das Feh­len eines Ver­schul­dens des Rechts­an­walts ist schlüs­sig dar­zu­le­gen [2]. Ursäch­lich ist jedes Ver­schul­den, bei des­sen Feh­len die Frist nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge nicht ver­säumt wor­den wäre [3]. Dazu ist von der Par­tei ein Ver­fah­rens­ab­lauf vor­zu­tra­gen, der ein Ver­schul­den an der Nicht­ein­hal­tung der Frist zwei­fels­frei aus­schließt [4].

Wird die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­säumt, weil inner­halb der lau­fen­den Frist ein nicht unter­schrie­be­ner und damit zur Ein­hal­tung der Frist nicht geeig­ne­ter Schrift­satz bei dem Gericht ein­ge­gan­gen ist, ist grund­sätz­lich von einem dem Beru­fungs­klä­ger nach § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­den Anwalts­ver­schul­den aus­zu­ge­hen [5]. Es ist näm­lich die Pflicht eines Rechts­an­walts, für einen man­gel­frei­en Zustand der aus­ge­hen­den Schrift­sät­ze zu sor­gen, wozu die gemäß § 130 Nr. 6 ZPO zu leis­ten­de Unter­schrift gehört [6].

Ein Rechts­an­walt muss des­halb die von sei­nem Büro in einer Unter­schrif­ten­map­pe zur Unter­zeich­nung vor­ge­leg­ten Schrift­sät­ze auf ihre Voll­stän­dig­keit über­prü­fen und die bei dem Gericht ein­zu­rei­chen­de Aus­fer­ti­gung unter­schrei­ben [7]. Ein Rechts­an­walt muss Vor­keh­run­gen dage­gen tref­fen, dass die­se Schrift­stü­cke nicht ver­se­hent­lich in den Post­aus­gang gera­ten und ohne Unter­schrift bei Gericht ein­ge­reicht wer­den [8].

Gemes­sen dar­an ist die auf dem Feh­len der Unter­schrift beru­hen­de Ver­säu­mung einer Rechtsmittel(begründungs)frist von einem Rechts­an­walt auch dann ver­schul­det, wenn er irr­tüm­lich annimmt, dass es sei­ner Unter­schrift auf einem ihm vor­ge­leg­ten Schrift­satz nicht mehr bedür­fe, weil er die für das Gericht bestimm­te Aus­fer­ti­gung bereits unter­zeich­net habe. Ein Rechts­an­walt darf einen ihm in einer Unter­schrif­ten­map­pe zur Unter­zeich­nung vor­ge­leg­ten Schrift­satz nur dann ohne Unter­schrift an das Büro zurück­ge­ben, wenn er sich zuvor durch Nach­fra­ge ver­ge­wis­sert hat, dass die [9] Vor­la­ge auf einem Büro­ver­se­hen beruht. Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten hät­te daher die Unter­schrif­ten­map­pe nicht kom­men­tar­los und ohne Rück­fra­ge an das Büro zurück­ge­hen las­sen dür­fen. Inso­fern unter­schei­det sich die­ser Sach­ver­halt von dem­je­ni­gen in der von der Rechts­be­schwer­de zitier­ten Ent­schei­dung [10], in dem die Rechts­an­walts­an­ge­stell­te eine von ihr her­stell­te Ersatz­aus­fer­ti­gung dem Rechts­an­walt nicht mehr zur Unter­schrift vor­ge­legt, son­dern unmit­tel­bar an das Gericht ver­sandt hat­te.

Die­ses anwalt­li­che Ver­se­hen stün­de aller­dings einer Wie­der­ein­set­zung nicht ent­ge­gen, wenn im Rah­men der Büro­or­ga­ni­sa­ti­on durch eine all­ge­mei­ne Arbeits­an­wei­sung, die an das Gericht zu über­mit­teln­den Schrift­sät­ze vor ihrer Absen­dung auf das Vor­han­den­sein der Unter­schrift des Rechts­an­walts zu prü­fen, Vor­sor­ge dafür getrof­fen wäre, dass bei einem nor­ma­len Ver­lauf der Din­ge trotz des Ver­se­hens des Rechts­an­walts die Frist gewahrt wor­den wäre [11]. Dass es eine sol­che Anwei­sung zur Unter­schrif­ten­kon­trol­le vor Ver­sen­dung gege­ben hat, ist jedoch nicht vor­ge­tra­gen und glaub­haft gemacht wor­den. Das Beru­fungs­ge­richt ver­misst inso­weit zu Recht jede Dar­stel­lung zur Orga­ni­sa­ti­on der Aus­gangs­kon­trol­le in der Kanz­lei. Von dem Vor­han­den­sein einer Unter­schrif­ten­kon­trol­le kann das Gericht jedoch nicht aus­ge­hen, wenn es in die­sem Punkt an den erfor­der­li­chen Anga­ben der eine Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen fehlt (§ 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO); eines vor­he­ri­gen Hin­wei­ses bedarf es nicht [12].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. Dezem­ber 2015 – V ZB 161/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 21.02.1983 – VIII ZR 343/​81, VersR 1983, 401; Beschluss vom 21.02.2002 – IX ZA 10/​01, NJW 2002, 2180[]
  2. BGH, Beschluss vom 14.03.2005 – II ZB 31/​03, NJW-RR 2005, 793, 794[]
  3. BGH, Beschluss vom 18.04.2000 – XI ZB 1/​00, NJW 2000, 2511, 2512[]
  4. BAG, NJW 2003, 1269, 1270[]
  5. BGH, Beschluss vom 19.02.2009 – V ZB 168/​08 10; vgl. auch BGH, Beschluss vom 27.03.1980 – VII ZB 1/​80, VersR 1980, 765; Beschluss vom 26.06.1980 – VII ZB 11/​80, VersR 1990, 942; Beschluss vom 16.12 1982 – VII ZB 31/​82, VersR 1983, 271[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.02.2009 – V ZB 168/​08 10[]
  7. BGH, Beschluss vom 16.12 1982 – VII ZB 31/​82, VersR 1983, 271[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 15.07.2014 – VI ZB 15/​14, NJW 2014, 2961 Rn. 8[]
  9. schein­bar erneu­te[]
  10. BGH, Beschluss vom 20.03.2012 – VIII ZB 41/​11, NJW 2012, 1737 Rn. 10[]
  11. BGH, Beschluss vom 02.05.1962 – V ZB 10, 11/​62, NJW 1962, 1248; Beschluss vom 19.02.2009 – V ZB 168/​08 11; BGH, Beschluss vom 05.03.2003 – VIII ZB 134/​02, NJW-RR 2003, 1366; Beschluss vom 17.10.2011 – LwZB 2/​11, NJW 2012, 856 Rn. 12; Beschluss vom 15.07.2014 – VI ZB 15/​14, NJW 2014, 2961 Rn. 9[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 23.10.2003 – V ZB 28/​03, NJW 2004, 367, 369[]