Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nach PKH-Bewil­li­gung

Die Monats­frist für die Beru­fungs­be­grün­dung nach § 234 Abs. 1 Satz 2, § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO beginnt für eine mit­tel­lo­se, um Pro­zess­kos­ten­hil­fe nach­su­chen­de Par­tei bei ver­säum­ter Beru­fungs­frist erst mit der Mit­tei­lung der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist 1.

Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nach PKH-Bewil­li­gung

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, der sich der Bun­des­ge­richts­hof anschließt, beginnt die Monats­frist für die Beru­fungs­be­grün­dung nach § 234 Abs. 1 Satz 2, § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO für eine mit­tel­lo­se, um Pro­zess­kos­ten­hil­fe nach­su­chen­de Par­tei bei ver­säum­ter Beru­fungs­frist erst mit der Mit­tei­lung der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist. Die mit­tel­lo­se Par­tei soll näm­lich erst dann zur Beru­fungs­be­grün­dung gehal­ten sein, wenn sie weiß, dass ihr hin­sicht­lich der Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist Wie­der­ein­set­zung gewährt wor­den ist 2.

Auf ent­ge­gen­ste­hen­de Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann sich vor­lie­gend nicht beru­fen wer­den. Der Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 29.06.2006 3 betraf die – hier nicht vor­lie­gen­de – Fall­kon­stel­la­ti­on, dass der Beru­fungs­klä­ger erst nach erfolg­ter (unbe­ding­ter) Beru­fungs­ein­le­gung Antrag auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe gestellt hat­te 4.

Der Beschluss des IX. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 29.05.2008 5 behan­delt die Fra­ge der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Ein­le­gungs- und Begrün­dungs­frist für eine Rechts­be­schwer­de. Hier beginnt nach Mei­nung des IX. Zivil­se­nats die Frist (auch) zur Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de des­halb (schon) ab der Bekannt­ga­be der Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und nicht (erst) ab Bekannt­ga­be der Bewil­li­gung von Wie­der­ein­set­zung gegen die Ver­säu­mung der Ein­le­gungs­frist, weil bei der Rechts­be­schwer­de – im Unter­schied zur Beru­fung und zur Revi­si­on (oder Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de) – nicht zwi­schen zeit­lich von­ein­an­der abwei­chen­den Ein­le­gungs- und Begrün­dungs­fris­ten zu dif­fe­ren­zie­ren, son­dern das Rechts­mit­tel inner­halb eines Monats sowohl ein­zu­le­gen (§ 575 Abs. 1 Satz 1 ZPO) als auch zu begrün­den ist (§ 575 Abs. 2 Satz 1 und 2 ZPO; vgl. Beschluss vom 29.05.2008 aaO S. 381 f Rn. 8). Für den Fall der Frist­ver­säu­mung bei einer Beru­fung hat sich der IX. Zivil­se­nat in die­ser Ent­schei­dung aus­drück­lich der Recht­spre­chung des XI. Zivil­se­nats ange­schlos­sen 6. Auch der II. Zivil­se­nat folgt der Recht­spre­chung des XI. Zivil­se­nats 7.

Aller­dings trifft es zu, dass der XII. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs (in einem obiter dic­tum) Beden­ken gegen die Recht­spre­chung des XI. Zivil­se­nats geäu­ßert hat 8; in einer neue­ren Ent­schei­dung hat er frei­lich offen­ge­las­sen, ob trotz die­ser Beden­ken der Recht­spre­chung des XI. Zivil­se­nats zu fol­gen ist 9.

Vor­lie­gend ist über den Antrag des Klä­gers auf Gewäh­rung von Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand hin­sicht­lich der Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist bis­lang nicht ent­schie­den wor­den, so dass die Monats­frist für die Beru­fungs­be­grün­dung (§ 234 Abs. 1 Satz 2, § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO) noch nicht zu lau­fen begon­nen hat und mit­hin auch nicht abge­lau­fen ist. Hier­nach kommt es auf die auf­ge­wor­fe­nen wei­te­ren Fra­gen im vor­lie­gend Fall nicht an:

Für eine zusätz­li­che Über­le­gungs­frist von 3 bis 4 Tagen, wie sie die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für den Beginn der Frist für den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand hin­sicht­lich der Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist unter gleich­zei­ti­ger Nach­ho­lung der Beru­fungs­ein­le­gung nach Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ange­nom­men hat 10, ist in Bezug auf die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist weder Raum noch Bedarf, wenn die Monats­frist nach § 234 Abs. 1 Satz 2, § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO erst mit der Mit­tei­lung der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist zu lau­fen beginnt.

Die Fra­ge eines Ver­schul­dens des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers bedarf kei­ner Erör­te­rung, weil eine Ver­säu­mung der Monats­frist für die Beru­fungs­be­grün­dung (§ 234 Abs. 1 Satz 2, § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO), wie aus­ge­führt, nicht vor­liegt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. April 2014 – III ZB 86/​13

  1. Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 19.06.2007 – XI ZB 40/​06, BGHZ 173, 14; vom 26.05.2008 – II ZB 19/​07, NJW-RR 2008, 1306; und vom 29.05.2008 – IX ZB 197/​07, BGHZ 176, 379[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.06.2007 – XI ZB 40/​06, BGHZ 173, 14, 17 Rn. 9, S.19 ff Rn. 13 ff, ins­be­son­de­re Rn. 23[]
  3. BGH, Beschluss vom 29.06.2006 – III ZA 7/​06, NJW 2006, 2857[]
  4. vgl. auch BGH, Beschluss vom 19.06.2007 aaO S. 18 Rn. 10[]
  5. BGH, Beschluss vom 29.05.2008 – IX ZB 197/​07, BGHZ 176, 379 = NJW 2008, 3500[]
  6. BGH, aaO S. 381 Rn. 6; sie­he auch Beschluss vom 14.11.2012 – IX ZR 268/​12, BeckRS 2012, 23762 Rn. 2[]
  7. s. Beschlüs­se vom 26.05.2008 – II ZB 19/​07, NJW-RR 2008, 1306, 1307 f Rn. 16; und vom 17.05.2010 – II ZB 12/​09, NJOZ 2011, 647, 648 Rn. 13[]
  8. BGH, Beschluss vom 11.06.2008 – XII ZB 184/​05, NJW-RR 2008, 1313, 1314 f Rn. 16 ff[]
  9. BGH, Beschluss vom 19.12 2012 – XII ZB 169/​12, NJW 2013, 471, 472 Rn. 12 ff, 19[]
  10. s. etwa BGH, Beschlüs­se vom 19.07.2007 – IX ZB 86/​07, BeckRS 2007, 12692 Rn. 10 mwN; vom 20.01.2009 – VIII ZA 21/​08, NJW-RR 2009, 789 Rn. 6 f mwN; und vom 23.04.2013 – II ZB 21/​11, NJW 2013, 2822, 2823 Rn. 16[]