Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – und die Vor­frist

Ein Rechts­an­walt muss durch geeig­ne­te orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men dafür Sor­ge tra­gen, dass Frist­ver­säum­nis­se mög­lichst ver­mie­den wer­den.

Beru­fungs­be­grün­dungs­frist – und die Vor­frist

Dazu gehört nach fest­ste­hen­der Recht­spre­chung die all­ge­mei­ne Anord­nung, dass jeden­falls bei Pro­zess­hand­lun­gen wie einer Beru­fungs­be­grün­dung, deren Vor­nah­me nach ihrer Art mehr als nur einen gering­fü­gi­gen Auf­wand an Zeit und Mühe erfor­dert, außer dem Datum des Frist­ab­laufs auch noch eine Vor­frist zu ver­mer­ken ist.

Sie soll bewir­ken, dass dem Rechts­an­walt durch recht­zei­ti­ge Vor­la­ge der Akten auch für den Fall von Unre­gel­mä­ßig­kei­ten und Zwi­schen­fäl­len noch eine aus­rei­chen­de Über­prü­fungs­und Bear­bei­tungs­zeit ver­bleibt 1.

Wenn ihm die Akten auf Vor­frist vor­ge­legt wer­den, hat der Rechts­an­walt Anlass zur eigen­ver­ant­wort­li­chen Prü­fung, ob das Fris­ten­de rich­tig ermit­telt und fest­ge­hal­ten ist 2.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ist aus­weis­lich der Hand­ak­te pflicht­ge­mäß eine Vor­frist für die Beru­fungs­be­grün­dung auf den 14.01.2019 notiert wor­den. Es fehlt jedoch an jeder Dar­le­gung, ob die Akten dem Klä­ger­ver­tre­ter an die­sem Tag vor­ge­legt wur­den 3 und er die gebo­te­ne Prü­fung 4 vor­ge­nom­men hat. Ist die Mög­lich­keit einer ver­schul­de­ten Frist­ver­säu­mung gege­ben, kann Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht gewährt wer­den 5. Feh­len­de Anga­ben deu­ten ange­sichts der den Anwäl­ten bekann­ten Pflich­ten­la­ge nicht auf Unklar­hei­ten oder Lücken des Vor­trags hin, die auf­zu­klä­ren oder zu fül­len wären, son­dern erlau­ben den Schluss dar­auf, dass ent­spre­chen­de orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men gefehlt haben 6.

Eine Fris­t­prü­fung bei Vor­la­ge der Akte auf die Vor­frist hät­te die Frist­ver­säu­mung ver­hin­dert. Die Ein­tra­gung der Vor­frist bie­tet eine zusätz­li­che Fris­ten­si­che­rung. Sie kann die Frist­wah­rung in der Regel selbst dann gewähr­leis­ten, wenn die Ein­tra­gung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­se­hent­lich unter­blie­ben ist 7.

Wären die Akten an dem für die Vor­frist ein­ge­tra­ge­nen Tag dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers vor­ge­legt wor­den, so hät­te die­ser bei Erfül­lung sei­ner mit der Akten­vor­la­ge an ihn ent­ste­hen­den Ver­pflich­tung zur eigen­ver­ant­wort­li­chen Fris­ten­prü­fung anhand des feh­len­den Erle­di­gungs­ver­merks fest­ge­stellt, dass die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist vom Büro­per­so­nal falsch ein­ge­tra­gen war. Dann hät­te er bis zum Frist­ab­lauf ent­we­der die Beru­fung begrün­den oder recht­zei­tig eine Frist­ver­län­ge­rung bean­tra­gen kön­nen 8. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hät­te die Sache, wenn er sie nicht sofort bear­bei­tet, für den letz­ten Tag wie­der auf Frist legen kön­nen. Dann wäre eben­falls auf­ge­fal­len, dass infol­ge der Ver­wechs­lung mit dem Par­al­lel­ver­fah­ren eine feh­ler­haf­te Frist notiert wor­den war 2.

Lie­gen wie im Streit­fall meh­re­re Pflicht­ver­let­zun­gen vor, kann Wie­der­ein­set­zung nur dann gewährt wer­den, wenn glaub­haft gemacht wird, dass sie sich nicht auf die Frist­ver­säu­mung aus­ge­wirkt haben kön­nen 9. Besteht hin­ge­gen die Mög­lich­keit, dass die Ver­säu­mung der Frist auf dem fest­ge­stell­ten Ver­schul­den beruht, schei­det eine Wie­der­ein­set­zung aus 10. Im Streit­fall liegt es nahe, dass die Frist­ver­säu­mung auf dem fest­ge­stell­ten Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers beruht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Sep­tem­ber 2019 – IX ZB 13/​19

  1. BGH, Beschluss vom 27.05.1997 – VI ZB 10/​97, NJW 1997, 2825, 2826[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.06.1999 – IX ZB 32/​99, NJW 1999, 2680[][]
  3. BGH, Beschluss vom 27.05.1997, aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 17.06.1999, aaO[]
  5. BGH, Beschluss vom 18.10.1995 – I ZB 15/​95, NJW 1996, 319[]
  6. BGH, Beschluss vom 26.11.2013 – II ZB 13/​12, WM 2014, 424 Rn. 12[]
  7. BGH, Beschluss vom 24.01.2012 – II ZB 3/​11, NJW-RR 2012, 747 Rn. 13[]
  8. BGH, Beschluss vom 06.07.1994 – VIII ZB 26/​94, NJW 1994, 2551, 2552[]
  9. BGH, Beschluss vom 21.09.2000 – IX ZB 67/​00, NJW 2000, 3649, 3650[]
  10. BGH, Beschluss vom 09.05.2019 – IX ZB 6/​18, NJW 2019, 2028 Rn. 16[]
  11. AG Ful­da, Beschluss vom 04.07.2019 – 88 XIV 312/​19 L, 88 XIV 313/​19 L[]