Beschluss­män­gel­kla­ge und die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer

Bei einer Beschluss­män­gel­kla­ge muss das Gericht auf Anre­gung des Klä­gers der Ver­wal­tung auf­ge­ben, eine aktu­el­le Lis­te der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer vor­zu­le­gen, und die Anord­nung nach Frist­ab­lauf gege­be­nen­falls mit Ord­nungs­mit­teln durch­set­zen (§ 142 ZPO ana­log).

Beschluss­män­gel­kla­ge und die Woh­nungs­ei­gen­tü­mer

Wer­den die übri­gen Woh­nungs­ei­gen­tü­mer im Wege der Anfech­tungs­kla­ge ver­klagt, genügt für ihre nähe­re Bezeich­nung zunächst die bestimm­te Anga­be des gemein­schaft­li­chen Grund­stücks (§ 44 Abs. 1 Satz 1 WEG). Der Gesetz­ge­ber woll­te die Ein­hal­tung der ein­mo­na­ti­gen Anfech­tungs­frist (§ 46 Abs. 1 Satz 2 WEG) nicht über Gebühr erschwe­ren. Die Bezeich­nung der übri­gen Woh­nungs­ei­gen­tü­mer mit Namen und ladungs­fä­hi­ger Anschrift ist den­noch erfor­der­lich und hat spä­tes­tens bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung zu erfol­gen (§ 44 Abs. 1 Satz 2 WEG) 1.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann der Klä­ger auf eine Lis­te Bezug neh­men, die die Gegen­sei­te vor­ge­legt hat 2; eine sol­che Bezug­nah­me kann auch still­schwei­gend erfol­gen 3. Die feh­len­de Bezeich­nung der ein­zel­nen Woh­nungs­ei­gen­tü­mer kann im Beru­fungs­rechts­zug nach­ge­holt wer­den. Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof zunächst für das Feh­len ladungs­fä­hi­ger Anschrif­ten 4 und anschlie­ßend für die unter­blie­be­ne nament­li­che Bezeich­nung ent­schie­den; dabei hat er auf die dekla­ra­to­ri­sche Bedeu­tung der Eigen­tü­mer­lis­te hin­ge­wie­sen 5. Infol­ge­des­sen wird der Zuläs­sig­keits­man­gel geheilt. Die ver­spä­te­te Vor­la­ge der Lis­te kann sich aller­dings im Ein­zel­fall gemäß § 97 Abs. 2 ZPO auf die Kos­ten­ent­schei­dung aus­wir­ken 6.

Zudem sind die Klä­ger schon in ers­ter Instanz ihren pro­zes­sua­len Oblie­gen­hei­ten nach­ge­kom­men, indem sie bean­tragt haben, der Ver­wal­tung die Vor­la­ge der Lis­te auf­zu­ge­ben.

Zwar ist die Ein­rei­chung der Eigen­tü­mer­lis­te als Bestand­teil der ord­nungs­ge­mä­ßen Kla­ge­er­he­bung (§ 44 Abs. 1 Satz 2 WEG) Sache des Klä­gers. Gleich­wohl muss das Gericht aber – wie hier ohne Erfolg gesche­hen – auf des­sen Anre­gung hin tätig wer­den und der Ver­wal­tung die Vor­la­ge der Lis­te unter Frist­set­zung auf­ge­ben. Dies folgt aus § 142 Abs. 1 ZPO ana­log 7.

Die direk­te Anwen­dung der Vor­schrift schei­det schon des­halb aus, weil die Vor­la­ge der Eigen­tü­mer­lis­te nicht der mate­ri­el­len Sach­auf­klä­rung dient, son­dern dazu, die pro­zes­sua­len Vor­aus­set­zun­gen der Kla­ge­er­he­bung her­zu­stel­len. Zudem geht es übli­cher­wei­se nicht um die Vor­la­ge einer bestehen­den Urkun­de, son­dern um die Anfer­ti­gung der erfor­der­li­chen aktu­el­len Lis­te und damit im Kern um eine pro­zes­sua­le Aus­kunft, die von § 142 Abs. 1 ZPO an sich nicht erfasst wird 8.

Es besteht jedoch die für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Norm erfor­der­li­che plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke. Dem Gesetz­ge­ber war bewusst, dass für den Klä­ger Ver­zö­ge­run­gen durch die Erstel­lung der Lis­te ent­ste­hen kön­nen. Dies hat er zum Anlass für die Ein­füh­rung von § 44 WEG genom­men und in die­sem Zusam­men­hang betont, dass eine Abwei­sung der Kla­ge als unzu­läs­sig nur dann in Betracht kom­me, wenn der Klä­ger die not­wen­di­gen Anga­ben end­gül­tig und grund­los ver­wei­ge­re 9. Dabei hat er aber nicht in den Blick genom­men, dass der Ver­wal­ter – wie hier – nach Anfor­de­rung der Lis­te durch den Klä­ger pflicht­wid­rig untä­tig blei­ben kann. Wäh­rend der Ver­wal­tung die aktu­el­len Daten regel­mä­ßig bekannt sind, ist der Klä­ger in der Regel auf deren Aus­kunft ange­wie­sen. Denn aus dem Grund­buch und den Grund­ak­ten müs­sen die ladungs­fä­hi­gen Anschrif­ten nicht her­vor­ge­hen (vgl. § 15 Abs. 1 GBV); zudem kann sich ein Eigen­tü­mer­wech­sel auch außer­halb des Grund­buchs voll­zie­hen. Es besteht des­halb ein prak­ti­sches Bedürf­nis, die Vor­la­ge der Lis­te durch den Ver­wal­ter her­bei­zu­füh­ren, ohne den Klä­ger auf einen wei­te­ren Rechts­streit gegen die­sen bzw. auf das Ver­fah­ren der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung ver­wei­sen zu müs­sen. Dies ist mit dem in § 142 Abs. 1 ZPO gere­gel­ten Sach­ver­halt ver­gleich­bar, bei dem sich eine beweis­erheb­li­che Urkun­de im Besitz eines Drit­ten befin­det. Vor­aus­set­zung ist gemäß § 142 Abs. 1 Satz 1 ZPO, dass sich der Klä­ger auf die Vor­la­ge der Lis­te durch die Ver­wal­tung bezieht; ein förm­li­cher Antrag ist nicht erfor­der­lich.

Die Anord­nung muss in der Regel erge­hen. Ein Ermes­sens­spiel­raum des Gerichts besteht regel­mä­ßig nicht, weil der Ver­wal­ter auf­grund des Ver­wal­ter­ver­trags auch gegen­über dem ein­zel­nen Woh­nungs­ei­gen­tü­mer zu der Vor­la­ge ver­pflich­tet ist 10. Schon aus die­sem Grund ist ihm die Vor­la­ge zumut­bar im Sin­ne von § 142 Abs. 2 Satz 1 ZPO. Zudem ist er ohne­hin im Wege der Bei­la­dung an dem Ver­fah­ren zu betei­li­gen (§ 48 Abs. 1 Satz 2 WEG); in der Regel ist er auch Zustel­lungs­ver­tre­ter der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer (§ 45 Abs. 1 WEG). Aus die­sen Grün­den bedarf es kei­ner vor­an­ge­hen­den außer­ge­richt­li­chen Auf­for­de­rung. Weil es um eine Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung geht, kann die Anord­nung bereits mit Zustel­lung der Kla­ge erfol­gen; § 273 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Nr. 5 ZPO steht dem nicht ent­ge­gen. Kommt der Ver­wal­ter wie hier der Anord­nung nicht inner­halb der gesetz­ten Frist nach, ist er dazu mit Ord­nungs­mit­teln anzu­hal­ten (§ 142 Abs. 2 Satz 2 i.V.m. § 390 ZPO ana­log). Das Ver­säum­nis der Ver­wal­tung wirkt sich jeden­falls nicht zu Las­ten des Klä­gers aus und darf nicht zur Abwei­sung der Kla­ge als unzu­läs­sig füh­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Dezem­ber 2012 – V ZR 162/​11

  1. näher BGH, Urteil vom 04.03.2011 – V ZR 190/​10, NJW 2011, 1738 Rn. 11 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 04.03.2011 – V ZR 190/​10, aaO Rn. 12[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 20.05.2011 – V ZR 99/​10, NJW 2011, 3237 Rn. 9[]
  4. Urteil vom 20.05.2011 – V ZR 99/​10, aaO Rn. 9[]
  5. BGH, Urtei­le vom 08.07.2011 – V ZR 34/​11, ZMR 2011, 976 Rn. 8; und vom 28.10.2011 – V ZR 39/​11, NJW 2012, 997 Rn. 10[]
  6. BGH, Urteil vom 28.10.2011 – V ZR 39/​11, aaO Rn. 10 aE[]
  7. so zu Recht Klein in Bär­mann, WEG, 11. Aufl., § 44 Rn. 11; Münch­Komm-BGB/En­gel­hardt, 5. Aufl., § 44 WEG Rn. 5; Nie­den­führ in Niedenführ/​Kümmel/​Vandenhouten, WEG, 9. Aufl., § 44 Rn. 8; Riecke/​Schmidt/​Abramenko, WEG, 3. Aufl., § 44 Rn. 7; Timme/​Elzer, WEG, § 44 Rn. 25 a.E.; ähn­lich LG Stutt­gart, NZM 2009, 165 f.; a.A. LG Köln, ZWE 2011, 234 f.; LG Stutt­gart vom 02.04.2009 2 S 34/​08, juris; AG Ulm, ZMR 2011, 920 f.; Suil­mann in Jen­ni­ßen, WEG, 3. Aufl., § 44 Rn. 14 b[]
  8. vgl. Musielak/​Stadler, ZPO, 9. Aufl., § 142 Rn. 3; Stein/​Jonas/​Leipold, ZPO, 22. Aufl., § 142 Rn. 14[]
  9. BT-Drucks. 16/​887 S. 36[]
  10. vgl. Timme/​Elzer, WEG, § 44 Rn. 25; Dras­do, NZM 2009, 724 ff.[]