Betriebs­ge­heim­nis­se im Zivilprozess

Im Rah­men des durch § 174 Abs. 3 GVG eröff­ne­ten Ermes­sens obliegt es grund­sätz­lich dem Tatrich­ter, unter Berück­sich­ti­gung der Gesamt­um­stän­de über den erfor­der­li­chen Umfang der Geheim­hal­tungs­ver­pflich­tung zu entscheiden.

Betriebs­ge­heim­nis­se im Zivilprozess

Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt kann ledig­lich über­prü­fen, ob die­ser sein Ermes­sen ver­kannt, die Gren­zen sei­nes Ermes­sens über­schrit­ten oder von sei­nem Ermes­sen in einer dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch gemacht hatte.

Im hier ent­schie­de­nen Fall war daher das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass die Anord­nung einer Geheim­hal­tungs­ver­pflich­tung in Betracht kommt1:

Gemäß § 203 Abs. 2 VVG in Ver­bin­dung mit den ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Rege­lun­gen ist der Kran­ken­ver­si­che­rer bei einer nicht nur als vor­über­ge­hend anzu­se­hen­den Ver­än­de­rung einer für die Prä­mi­en­kal­ku­la­ti­on maß­geb­li­chen Rech­nungs­grund­la­ge berech­tigt, die Prä­mie ent­spre­chend den berich­tig­ten Rech­nungs­grund­la­gen auch für die bestehen­den Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­se neu fest­zu­set­zen, sofern ein unab­hän­gi­ger Treu­hän­der die tech­ni­schen Berech­nungs­grund­la­gen über­prüft und der Prä­mi­en­an­pas­sung zuge­stimmt hat. Die­se Prä­mi­en­an­pas­sung unter­liegt der umfas­sen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Prü­fung durch die Zivil­ge­rich­te2. Hier­bei ist das Inter­es­se des Ver­si­che­rungs­neh­mers an einer Über­prü­fung der Berech­nung der Prä­mi­en­er­hö­hun­gen mit einem schutz­wür­di­gen Inter­es­se des Kran­ken­ver­si­che­rers an der Geheim­hal­tung der Berech­nungs­grund­la­gen zum Aus­gleich zu brin­gen. Die Zivil­ge­rich­te haben inso­weit zu prü­fen, ob einem Inter­es­se des Kran­ken­ver­si­che­rers an Geheim­hal­tung durch die Anwen­dung der §§ 172 Nr. 2, 173 Abs. 2, 174 Abs. 3 Satz 1 GVG Rech­nung getra­gen wer­den kann3.

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Feststellungsinteresse für die (Zwischen-)Feststellungsklage

Ins­be­son­de­re ist eine Ver­let­zung schüt­zens­wer­ter Inter­es­sen der Klä­ge­rin durch die gewähl­te For­mu­lie­rung in Ver­bin­dung mit deren Kon­kre­ti­sie­rung im Tenor des ange­foch­te­nen Beschlus­ses nicht erkenn­bar. Soweit die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin das Ziel ver­fol­gen, etwai­ge güns­ti­ge Infor­ma­tio­nen aus dem vor­lie­gen­den Rechts­streit auch in Pro­zes­sen ande­rer Klä­ger gegen die Beklag­te ver­wen­den zu kön­nen, ist das nicht der Sinn und Zweck der Erör­te­rung von Berech­nungs­grund­la­gen der Beklag­ten und einer gege­be­nen­falls hier­über statt­fin­den­den Beweis­auf­nah­me im Rechts­streit mit der Klä­ge­rin. Ohne­hin kommt es in Par­al­lel­rechts­strei­ten ande­rer Klä­ger über von der Beklag­ten vor­ge­nom­me­ne Prä­mi­en­er­hö­hun­gen ent­schei­dend nur dar­auf an, ob die dort von ihr zur Recht­fer­ti­gung des Erhö­hungs­ver­lan­gens vor­ge­leg­ten Unter­la­gen iden­tisch mit jenen sind, die dem Treu­hän­der vor sei­ner Zustim­mung zur Prü­fung vor­ge­legt wor­den sind4. Das muss die Beklag­te im Bestrei­ten­s­fal­le bewei­sen. Ein sol­ches Bestrei­ten steht den jeweil igen Klä­gern frei; es kann auch erfol­gen, ohne auf Unter­la­gen aus dem vor­lie­gen­den Rechts­streit zu ver­wei­sen. Ob die dort vor­ge­leg­ten Unter­la­gen mit den hier vor­ge­leg­ten über­ein­stim­men, ist dage­gen nicht entscheidungserheblich.

Kei­nen Beden­ken begeg­net fer­ner die Annah­me des Beschwer­de­ge­richts, dass das Ver­fah­ren den Anfor­de­run­gen des § 174 Abs. 3 in Ver­bin­dung mit Abs. 1 GVG genügt habe. Ins­be­son­de­re wur­de nach den nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten vor dem Aus­schluss der Öffent­lich­keit und der Anord­nung der Geheim­hal­tungs­ver­pflich­tung recht­li­ches Gehör gewährt5.

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Verkehrsunfallregulierung und die fehlende Einsicht in die Ermittlungsakte

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2020 – IV ZB 4/​20

  1. OLG Koblenz, Beschluss vom 09.10.2019 – 10 W 325/​19[]
  2. BGH, Urtei­le vom 09.12.2015 – IV ZR 272/​15, VersR 2016, 177 Rn. 9; vom 16.06.2004 – IV ZR 117/​02, BGHZ 159, 323 unter – II 7][]
  3. BGH, Urteil vom 09.12.2015 aaO; BVerfG VersR 2000, 214 unter – II 1 c 15][]
  4. BGH, Urteil vom 19.12.2018 – IV ZR 255/​17, BGHZ 220, 297 Rn. 54[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 09.12.2015 – IV ZR 272/​15, VersR 2016, 177 Rn. 13[]