Beweis­an­trä­ge, die angeb­li­che man­geln­de Sub­stan­ti­ie­rung – und das recht­li­che Gehör

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ver­pflich­tet das Gericht unter ande­rem, das tat­säch­li­che und recht­li­che Vor­brin­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und bei sei­ner Ent­schei­dung in Erwä­gung zu zie­hen [1]. Erheb­li­che Beweis­an­trä­ge muss das Gericht berück­sich­ti­gen.

Beweis­an­trä­ge, die angeb­li­che man­geln­de Sub­stan­ti­ie­rung – und das recht­li­che Gehör

Die Nicht­er­he­bung eines Bewei­ses wegen man­geln­der Sub­stan­ti­ie­rung der unter Beweis gestell­ten Tat­sa­che ver­letzt Art. 103 Abs. 1 GG, wenn die Anfor­de­run­gen an eine aus­rei­chen­de Sub­stan­ti­ie­rung der unter Beweis gestell­ten Tat­sa­che in offen­kun­dig unrich­ti­ger Wei­se gehand­habt wer­den [2].

Von einer Beweis­erhe­bung darf grund­sätz­lich nicht bereits des­we­gen abge­se­hen wer­den, weil die beweis­be­las­te­te Par­tei kei­ne schlüs­si­ge Erklä­rung dafür lie­fert, wes­halb eine von ihr behaup­te­te Abspra­che zu einer schrift­lich getrof­fe­nen Abre­de kei­nen Ein­gang in den schrift­li­chen Ver­trag gefun­den hat. Denn der Grad der Wahr­schein­lich­keit der Sach­ver­halts­schil­de­rung ist für den Umfang der Dar­le­gungs­last regel­mä­ßig ohne Bedeu­tung.

Das Feh­len einer schlüs­si­gen Erklä­rung spielt daher in aller Regel erst im Rah­men der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung des Pro­zess­stoffs eine Rol­le [3].

Mög­li­che Wider­sprü­che zu den vor­ge­leg­ten Urkun­den und zu den wei­te­ren fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen sowie dem Vor­trag der Par­tei­en wären im Rah­men der Beweis­auf­nah­me mit den Zeu­gen zu erör­tern gewe­sen. Eine vor­weg­ge­nom­me­ne Wür­di­gung des Ergeb­nis­ses einer sol­chen Beweis­auf­nah­me, wie sie mit der aus­schließ­li­chen Berück­sich­ti­gung der schrift­li­chen Ver­trags­un­ter­la­gen im prak­ti­schen Ergeb­nis erfolgt ist, durf­te das Gericht hin­ge­gen nicht vor­neh­men [4].

Die gericht­li­che Ent­schei­dung beruht auf die­ser Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs, wenn nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass das Gericht bei ver­fah­rens­feh­ler­frei­em Vor­ge­hen anders ent­schie­den hät­te [5].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Janu­ar 2015 – IX ZR 208/​13

  1. st. Rspr., vgl. BVerfGE 86, 133, 146; BVerfG ZIP 2004, 1762, 1763; BGH, Beschluss vom 27.03.2003 – V ZR 291/​02, BGHZ 154, 288, 300[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.12 2009 – II ZR 229/​08, NJW-RR 2010, 246 Rn. 3; vom 11.05.2010 – VIII ZR 212/​07, NJW-RR 2010, 1217 Rn. 10; vom 28.02.2012 – VIII ZR 124/​11, WuM 2012, 311 Rn. 5 f; vom 05.12 2013 – IX ZR 6/​13, nv Rn. 8, jeweils mwN; vom 20.11.2014 – IX ZR 314/​12, nv Rn. 5[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.10.2011 – VIII ZR 125/​11, NJW 2012, 382; vom 21.10.2014 – VIII ZR 34/​14, WuM 2014, 741 Rn. 25; vom 11.11.2014 – VIII ZR 302/​13, nv Rn. 13[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 12.09.2012 – IV ZR 177/​11, NJW-RR 2013, 9 Rn. 12 ff mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 03.07.2014 – IX ZR 285/​13, ZIn­sO 2014, 1679 Rn. 15; vom 20.11.2011 – IX ZR 31/​13, nv Rn. 12[]