Beweis­ver­ei­te­lung

Von einer Beweis­ver­ei­te­lung kann nur aus­ge­gan­gen wer­den, wenn eine Par­tei dem beweis­be­las­te­ten Geg­ner die Beweis­füh­rung schuld­haft unmög­lich macht oder erschwert, indem sie vor­han­de­ne Beweis­mit­tel ver­nich­tet, vor­ent­hält oder ihre Benut­zung erschwert. Des­halb ist eine Beweis­ver­ei­te­lung nicht anzu­neh­men, wenn es der beweis­be­las­te­ten Par­tei mög­lich gewe­sen wäre, den Beweis – etwa im Wege eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens – zu sichern.

Beweis­ver­ei­te­lung

Kann einer Par­tei der Vor­wurf gemacht wer­den, sie habe den vom Pro­zess­geg­ner zu füh­ren­den Beweis ver­ei­telt, führt dies nicht dazu, dass eine Beweis­erhe­bung gänz­lich unter­blei­ben kann und der Vor­trag der beweis­pflich­ti­gen Par­tei als bewie­sen anzu­se­hen ist. Viel­mehr sind zunächst die von der beweis­pflich­ti­gen Par­tei ange­bo­te­nen Bewei­se zu erhe­ben. Ste­hen sol­che Bewei­se nicht zur Ver­fü­gung oder bleibt die beweis­be­las­te­te Par­tei nach dem Ergeb­nis der Beweis­auf­nah­me beweis­fäl­lig, ist eine Beweis­last­um­kehr in Betracht zu zie­hen und den Beweis­an­ge­bo­ten des Pro­zess­geg­ners nach­zu­ge­hen.

Der Tatrich­ter hat gemäß § 286 ZPO nicht nur das Ergeb­nis einer Beweis­auf­nah­me, son­dern den gesam­ten Inhalt der Ver­hand­lung zu wür­di­gen. Dazu gehö­ren die Hand­lun­gen, Erklä­run­gen und Unter­las­sun­gen einer Par­tei und damit auch ein Ver­hal­ten einer Par­tei, das dazu füh­ren kann, einen Beweis zu ver­hin­dern oder zu erschwe­ren und dadurch die Beweis­füh­rung des beweis­pflich­ti­gen Pro­zess­geg­ners schei­tern zu las­sen. Ist von einer Beweis­ver­ei­te­lung aus­zu­ge­hen, ist dies im Rah­men der Beweis­wür­di­gung zum Nach­teil des Pro­zess­geg­ners der beweis­pflich­ti­gen Par­tei zu berück­sich­ti­gen. Nur ein vor­werf­ba­res, miss­bil­li­gens­wer­tes Ver­hal­ten kann den mit beweis­recht­li­chen Nach­tei­len ver­bun­de­nen Vor­wurf der Beweis­ver­ei­te­lung tra­gen 1. Der sub­jek­ti­ve Tat­be­stand der Beweis­ver­ei­te­lung ver­langt einen dop­pel­ten Schuld­vor­wurf. Das Ver­schul­den muss sich sowohl auf die Zer­stö­rung oder Ent­zie­hung des Beweis­ob­jekts als auch auf die Besei­ti­gung sei­ner Beweis­funk­ti­on bezie­hen, also dar­auf gerich­tet sein, die Beweis­la­ge des Geg­ners in einem gegen­wär­ti­gen oder künf­ti­gen Pro­zess nach­tei­lig zu beein­flus­sen 2.

Von einer Beweis­ver­ei­te­lung kann nur gespro­chen wer­den, wenn eine Par­tei dem beweis­be­las­te­ten Geg­ner die Beweis­füh­rung schuld­haft unmög­lich macht oder erschwert, indem sie vor­han­de­ne Beweis­mit­tel ver­nich­tet, vor­ent­hält oder ihre Benut­zung erschwert 3. Des­halb ist eine Beweis­ver­ei­te­lung nicht anzu­neh­men, wenn es der beweis­be­las­te­ten Par­tei mög­lich gewe­sen wäre, den Beweis – etwa im Wege eines selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens – zu sichern 4. Das Gericht wird dabei in Erwä­gung zie­hen müs­sen, dass für die anwalt­lich ver­tre­te­ne Beklag­te die nahe­lie­gen­de Mög­lich­keit bestan­den hat, ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren (§§ 485 ff. ZPO) ein­zu­lei­ten, um einen Beweis­ver­lust zu ver­hin­dern.

Lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen einer Beweis­ver­ei­te­lung vor, kön­nen zuguns­ten der beweis­be­las­te­ten Par­tei Beweis­erleich­te­run­gen in Betracht kom­men, die unter Umstän­den bis zur Umkehr der Beweis­last gehen kön­nen 5. Die Beweis­ver­ei­te­lung durch den Geg­ner der beweis­be­las­te­ten Par­tei führt nicht bereits als sol­che zum Ver­lust des Pro­zes­ses, son­dern allen­falls dazu, dass ihr Ver­hal­ten im Rah­men der Beweis­wür­di­gung (§ 286 ZPO) zu ihren Las­ten gewür­digt wer­den kann 6. Die Annah­me einer Beweis­ver­ei­te­lung durch eine Par­tei recht­fer­tigt nicht die Annah­me, dass vom Vor­trag der beweis­be­las­te­ten Par­tei aus­zu­ge­hen ist 7.

Kann einer Par­tei der Vor­wurf gemacht wer­den, sie habe in zu miss­bil­li­gen­der Wei­se den vom Pro­zess­geg­ner zu füh­ren­den Beweis ver­ei­telt, führt dies nicht dazu, dass eine Beweis­erhe­bung gänz­lich unter­blei­ben kann und der Vor­trag der beweis­pflich­ti­gen Par­tei als bewie­sen anzu­se­hen ist. Viel­mehr sind zunächst die von der beweis­pflich­ti­gen Par­tei ange­bo­te­nen Bewei­se zu erhe­ben. Ste­hen sol­che Bewei­se nicht zur Ver­fü­gung oder bleibt die beweis­be­las­te­te Par­tei nach dem Ergeb­nis der Beweis­auf­nah­me beweis­fäl­lig, ist eine Beweis­last­um­kehr in Betracht zu zie­hen und den Beweis­an­ge­bo­ten des Pro­zess­geg­ners nach­zu­ge­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Juni 2015 – I ZR 226/​13

  1. BGH, Urteil vom 26.09.1996 – III ZR 56/​96, NJW-RR 1996, 1534[]
  2. BGH, Urteil vom 23.09.2003 – XI ZR 380/​00, NJW 2004, 222[]
  3. BGH, Urteil vom 25.06.1997 – VIII ZR 300/​96, NJW 1997, 3311[]
  4. vgl. BSG, Urteil vom 10.08.1993 – 9/​9a RV 10/​92, NJW 1993, 1303[]
  5. BGH, Urteil vom 23.09.2003 – XI ZR 380/​00, NJW 2004, 222; Urteil vom 23.11.2005 – VIII ZR 43/​05, NJW 2006, 434 Rn. 22 ff.; Urteil vom 23.10.2008 – VII ZR 64/​07, NJW 2009, 360 Rn. 23 mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 18.12 2008 – I ZB 118/​07, NJW-RR 2009, 995 Rn. 14 – Hohl­fa­ser­mem­bran­spinn­an­la­ge; NJW 2009, 360 Rn. 23; Urteil vom 17.01.2008 – III ZR 239/​06, NJW 2008, 982 Rn. 18[]
  7. BGH, NJW 2008, 982 Rn.19[]