Beweis­wir­kung eines anwalt­li­chen Emp­fangs­be­kennt­nis­ses

Die Beweis­wir­kung eines anwalt­li­chen Emp­fangs­be­kennt­nis­ses ent­fällt, wenn sein Inhalt voll­stän­dig ent­kräf­tet und jede Mög­lich­keit aus­ge­schlos­sen ist, dass die Anga­ben rich­tig sein kön­nen. Der Gegen­be­weis ist nicht schon geführt, wenn ledig­lich die Mög­lich­keit der Unrich­tig­keit besteht, die Rich­tig­keit der Anga­ben also nur erschüt­tert ist. Dies gilt auch dann, wenn der Rechts­an­walt das Emp­fangs­be­kennt­nis erst auf eine Nach­fra­ge des Gerichts kom­men­tar­los an das Gericht zurück­sen­det.

Beweis­wir­kung eines anwalt­li­chen Emp­fangs­be­kennt­nis­ses

Die Zustel­lung gegen Emp­fangs­be­kennt­nis ist dann als bewirkt anzu­se­hen, wenn der Rechts­an­walt das ihm zuge­stell­te Schrift­stück mit dem Wil­len ent­ge­gen­ge­nom­men hat, es als zuge­stellt gegen sich gel­ten zu las­sen, und dies auch durch Unter­zeich­nung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses beur­kun­det. Zustel­lungs­da­tum ist also der Tag, an dem der Rechts­an­walt als Zustel­lungs­adres­sat vom Zugang des über­mit­tel­ten Schrift­stücks Kennt­nis erlangt und es emp­fangs­be­reit ent­ge­gen­ge­nom­men hat. Ein der­ar­ti­ges Emp­fangs­be­kennt­nis erbringt als Pri­vat­ur­kun­de im Sin­ne von § 416 ZPO 1 grund­sätz­lich Beweis nicht nur für die Ent­ge­gen­nah­me des dar­in bezeich­ne­ten Schrift­stücks als zuge­stellt, son­dern auch für den Zeit­punkt der Ent­ge­gen­nah­me durch den Unter­zeich­ner und damit der Zustel­lung 2. Der Gegen­be­weis der Unrich­tig­keit der im Emp­fangs­be­kennt­nis ent­hal­te­nen Anga­ben ist zuläs­sig. Er setzt vor­aus, dass die Beweis­wir­kung des § 174 ZPO voll­stän­dig ent­kräf­tet und jede Mög­lich­keit aus­ge­schlos­sen ist, dass die Anga­ben des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses rich­tig sein kön­nen; hin­ge­gen ist die­ser Gegen­be­weis nicht schon dann geführt, wenn ledig­lich die Mög­lich­keit der Unrich­tig­keit besteht, die Rich­tig­keit der Anga­ben also nur erschüt­tert ist 3.

Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall war damit für den Bun­des­ge­richts­hof die Beweis­wir­kung des anwalt­li­chen Emp­fangs­be­kennt­nis­ses allen­falls erschüt­tert, aber nicht voll­stän­dig ent­kräf­tet, so dass für den Beginn des Laufs der Beru­fungs­frist das in dem Emp­fangs­be­kennt­nis ange­ge­be­ne Zustell­da­tum maß­geb­lich ist 4:

Es kann bereits nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das ange­foch­te­ne Urteil dem Bevoll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin – im Unter­schied zu dem Bevoll­mäch­tig­ten des Beklag­ten – über das Gerichts­fach ver­zö­gert zuge­lei­tet wur­de. Außer­dem kann dem Bevoll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin das Urteil aus ver­schie­dens­ten Grün­den infol­ge eines kanz­lei­in­ter­nen Ver­se­hens nicht im unmit­tel­ba­ren zeit­li­chen Zusam­men­hang mit dem Ein­gang vor­ge­legt wor­den sein. Kei­ne aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung im Sin­ne einer Ent­kräf­tung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses kann dage­gen dem Umstand bei­gemes­sen wer­den, dass der Bevoll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin im Anschluss an eine Nach­fra­ge der Geschäfts­stel­le, ohne um eine erneu­te Über­sen­dung des Urteils zu bit­ten, das Emp­fangs­be­kennt­nis zu den Akten gereicht hat. Ein­mal besteht die Mög­lich­keit, dass das Urteil unmit­tel­bar vor oder nach der Anfra­ge der Geschäfts­stel­le die Kanz­lei des Bevoll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin erreicht hat. Fer­ner kann das Urteil auf­grund von Nach­for­schun­gen inner­halb der Kanz­lei des Bevoll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin auf­ge­fun­den wor­den sein. Auch im Fal­le einer erheb­li­chen zeit­li­chen Dis­kre­panz zwi­schen dem ver­meint­li­chen Zeit­punkt der Über­sen­dung eines Schrift­stücks und dem in dem Emp­fangs­be­kennt­nis ent­hal­te­nen Datum ist nicht schon wegen einer mög­li­chen Miss­brauchs­ge­fahr der Gegen­be­weis der Unrich­tig­keit geführt. Bei die­ser Sach­la­ge ist jeden­falls nicht die Annah­me gerecht­fer­tigt, dass die Beweis­kraft des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses voll­stän­dig besei­tigt ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. April 2012 – IX ZB 303/​11

  1. BGH, Urteil vom 07.06.1990 – III ZR 216/​89, NJW 1990, 2125[]
  2. BGH, Urteil vom 18.01.2006 – VIII ZR 114/​05, NJW 2006, 1206 Rn. 8[]
  3. BVerfG, NJW 2001, 1563, 1564; BGH, Beschluss vom 13.06.1996 – VII ZB 12/​96, NJW 1996, 2514, 2515; Urteil vom 18.01.2006, aaO, Rn. 9; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 174 Rn.20 mwN[]
  4. vgl. auch den ähn­lich gela­ger­ten Sach­ver­halt bei BVerfG, aaO[]