Bie­ter­voll­macht in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

Ob die Ver­tre­tungs­macht eines Bie­ters durch eine öffent­li­che oder öffent­lich beglau­big­te Urkun­de nach­ge­wie­sen ist, hat das Voll­stre­ckungs­ge­richt anhand der for­mel­len Beweis­kraft der vor­ge­leg­ten Urkun­de zu prü­fen.

Bie­ter­voll­macht in der Zwangs­ver­stei­ge­rung

§ 71 Abs. 2 ZVG ver­langt, dass ein als Ver­tre­ter auf­tre­ten­der Bie­ter sie­ne Ver­tre­tungs­macht vor dem Zuschlag durch eine öffent­li­che [1] oder öffent­lich beglau­big­te Urkun­de nach­wei­sen muss. Bei feh­len­dem Nach­weis der Ver­tre­tungs­macht muss das Gebot nach § 71 Abs. 2 ZVG zurück­ge­wie­sen wer­den [2].

Im Rah­men von § 71 Abs. 2 ZVG kommt es allein auf die for­mel­le Beweis­kraft der vor­ge­leg­ten Urkun­den an, die sich nach den Vor­schrif­ten der §§ 415 ff. ZPO bestimmt. Danach erstreckt sich die Beweis­kraft einer nota­ri­el­len Urkun­de nur dar­auf, dass die beur­kun­de­te Erklä­rung von der in der Nie­der­schrift benann­ten Per­son abge­ge­ben wor­den ist, nicht aber auf die inhalt­li­che Rich­tig­keit der Erklä­rung [3]. Die­se Beweis­wir­kung erfährt kei­ne Erwei­te­rung durch die sich aus § 17 BeurkG erge­ben­de Ver­pflich­tung des Notars, die Ver­tre­tungs­macht eines Betei­lig­ten zu prü­fen, der eine zu beur­kun­den­de Erklä­rung als Ver­tre­ter für einen ande­ren abge­ben will [4]. Ver­stö­ße gegen die Vor­schrif­ten des Beur­kun­dungs­ge­set­zes berüh­ren die Beweis­kraft der Urkun­de gemäß §§ 415 ff. ZPO nicht, es sei denn, die Urkun­de wahrt nicht ein­mal die Min­dest­an­for­de­run­gen an eine Beur­kun­dung [5]. Etwas ande­res gilt auch nicht hin­sicht­lich der Vor­schrift des § 12 BeurkG; sie regelt ledig­lich, in wel­cher Wei­se der Notar vor­ge­leg­te Voll­mach­ten und sons­ti­ge Ver­tre­tungs­nach­wei­se zu doku­men­tie­ren hat [6]. Sol­che Nach­wei­se wer­den dadurch, dass sie der Nie­der­schrift bei­gefügt wer­den, nicht ihrer­seits zu öffent­li­chen oder öffent­lich beglau­big­ten Urkun­den; ihnen kommt daher auch kei­ne ent­spre­chen­de Beweis­kraft zu [7].

Das Voll­stre­ckungs­ge­richt ist nicht berech­tigt, die Ver­tre­tungs­be­fug­nis im Wege frei­er Beweis­wür­di­gung zu prü­fen. Für eine sol­che Wür­di­gung ist grund­sätz­lich nur Raum, wenn die mate­ri­el­le Beweis­kraft einer Urkun­de und damit in Fra­ge steht, ob die in der Urkun­de abge­ge­be­nen Erklä­run­gen inhalt­lich rich­tig und damit mate­ri­ell wirk­sam sind [8]. Zu einer sol­chen Prü­fung ist das Voll­stre­ckungs­ge­richt in dem for­ma­li­sier­ten Ver­fah­ren der Zwangs­ver­stei­ge­rung indes nicht beru­fen. Es hat die ihm vor­ge­leg­ten öffent­li­chen oder öffent­lich beglau­big­ten Urkun­den ledig­lich auf deren for­mel­le Beweis­kraft zu prü­fen [9]. Ob die von dem Ver­tre­ter in Anspruch genom­me­ne Ver­tre­tungs­be­fug­nis mate­ri­ell­recht­lich besteht, ist für die Ent­schei­dung nach § 71 Abs. 2 ZVG eben­so­we­nig von Bedeu­tung wie die Nach­rei­chung dies bestä­ti­gen­der öffent­li­cher oder öffent­lich beglau­big­ter Urkun­den vor einem Ver­kün­dungs­ter­min oder im Beschwer­de­ver­fah­ren [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Febru­ar 2012 – V ZB 48/​11

  1. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 07.04.2011 V ZB 207/​10, aaO, Rn. 13[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 07.04.2011 V ZB 207/​10, NJW-RR 2011, 953[]
  3. BGH, Urteil vom 24.06.1993 – IX ZR 96/​92, WM 1993, 1801, 1803 zu III; Beschluss vom 14.08.1986 – 4 StR 400/​86, JZ 1987, 522[]
  4. vgl. zu die­ser Ver­pflich­tung: BGH, Urteil vom 27.05.1993 IX ZR 66/​92, NJW 1993, 2744, 2745[]
  5. vgl. Wink­ler, BeurkG, 16. Aufl., Einl. 12[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 21.01.1988 IX ZR 252/​86, WM 1988, 545, 547[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 17.04.2008 – V ZB 146/​07, WM 2008, 1278, 1279 Rn. 11[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 03.04.2001 XI ZR 120/​00, BGHZ 147, 203, 211; Urteil vom 24.06.1993 IX ZR 96/​92, WM 1993, 1801, 1803[]
  9. vgl. zu § 726 Abs. 1 ZPO: BGH, Beschluss vom 17.04.2008 V ZB 146/​07, WM 2008, 1278, 1280 Rn. 14[]
  10. vgl. OLG Koblenz, NJW-RR 1988, 690, 691[]