Bin­dung des Beru­fungs­ge­richt an die erst­in­stanz­lich fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen

Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO ist das Beru­fungs­ge­richt an die vom Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen nur gebun­den, soweit nicht kon­kre­te Anhalts­punk­te Zwei­fel an der Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie­ten.

Bin­dung des Beru­fungs­ge­richt an die erst­in­stanz­lich fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen

Kon­kre­te Anhalts­punk­te, wel­che die Bin­dung des Beru­fungs­ge­richts an die vor­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen ent­fal­len las­sen, kön­nen sich aus Feh­lern erge­ben, die dem Ein­gangs­ge­richt bei der Fest­stel­lung des Sach­ver­halts unter­lau­fen sind [1].

Zwei­fel im Sin­ne die­ser Vor­schrift lie­gen schon dann vor, wenn aus der für das Beru­fungs­ge­richt gebo­te­nen Sicht eine gewis­se – nicht not­wen­dig über­wie­gen­de – Wahr­schein­lich­keit dafür besteht, dass im Fall der Beweis­erhe­bung die erst­in­stanz­li­che Fest­stel­lung kei­nen Bestand haben wird, sich also deren Unrich­tig­keit her­aus­stellt [2].

Dies gilt grund­sätz­lich auch für Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen, die auf der Grund­la­ge eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens getrof­fen wor­den sind. In die­sem Fall kön­nen unter ande­rem die – hier von der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gerüg­ten – die Geeig­net­heit in Fra­ge stel­len­den Wider­sprü­che des Gut­ach­tens Zwei­fel an der Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit der Fest­stel­lun­gen wecken [3]. Ver­säumt das Gericht, Unklar­hei­ten oder Wider­sprü­che im Gut­ach­ten des gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen auf­zu­klä­ren, ist das ein Ver­fah­rens­feh­ler (Ver­stoß gegen § 286 ZPO). Erkenn­bar wider­sprüch­li­che Gut­ach­ten sind kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge für die Über­zeu­gungs­bil­dung des Gerichts. In der Beru­fung ist des­halb eine Bin­dung des Beru­fungs­ge­richts an die Fest­stel­lun­gen der ers­ten Instanz nicht gege­ben (§ 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO). Das Urteil unter­liegt viel­mehr auf Rüge der Auf­he­bung [4].

  1. vgl. BGH, Urteil vom 08.06.2004 – VI ZR 230/​03, BGHZ 159, 254, 258 und BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 272; Begrün­dung zum Regie­rungs­ent­wurf eines Geset­zes zur Reform des Zivil­pro­zes­ses, BTDrs. 14/​4722, S. 100; Rim­mels­pa­cher, NJW 2002, 1897, 1901; Stack­mann, NJW 2003, 169, 171[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.07.2003 – VI ZR 361/​02, NJW 2003, 3480, 3481; Begrün­dung des Rechts­aus­schus­ses, BTDrs. 14/​6036 S. 124[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 15.07.2003 – VI ZR 361/​02, aaO; Zöller/​Gummer/​Heßler, ZPO, 29. Aufl., § 529 Rn. 9[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.06.2004 – VI ZR 199/​03, BGHZ 159, 245, 249[]