Bit­te kei­ne Demenz im Senio­ren­heim!

Bewegt sich das Ver­hal­ten einer demenz­kran­ken alten Dame in dem Rah­men, der von dem Betrei­ber eines Pfle­ge­heims von Bewoh­nern einer Demenz­ab­tei­lung noch hin­ge­nom­men wer­den muss, liegt kein wich­ti­ger Grund für eine Kün­di­gung des Heim­ver­tra­ges durch den Heim­be­trei­ber vor.

Bit­te kei­ne Demenz im Senio­ren­heim!

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall die Kün­di­gung einer Heim­be­woh­ne­rin als unwirk­sam ange­se­hen und gleich­zei­tig die Kla­ge­ab­wei­sung der Räu­mungs­kla­ge durch das Land­ge­richt Osna­brück bestä­tigt. Im Jahr 2015 ist die betrof­fe­ne alte Dame in die Demenz­ab­tei­lung des Heims in Osna­brück ein­ge­zo­gen. Nach­dem die Senio­rin nach einem Kran­ken­haus­auf­ent­halt medi­ka­men­tös neu ein­ge­stellt wur­de, zeig­te sie sich viel unru­hi­ger als zuvor. Das Heim erklär­te die Kün­di­gung und for­der­te den Aus­zug der Senio­rin. Die Heim­lei­tung behaup­te­te, die alte Dame stö­re den Heim­frie­den erheb­lich, lau­fe stän­dig umher, gehe in die Zim­mer ande­rer Bewoh­ner, öff­ne dort Türen und Fens­ter und schaue bei der Intim­pfle­ge zu. Sie sei aggres­siv und boxe die Pfle­ge­kräf­te, stel­le ihnen und ande­ren Bewoh­nern das Bein und fah­re sie mit dem Rol­la­tor an. Außer­dem esse und trin­ke sie nicht mehr rich­tig. Sie stel­le eine Gefahr für sich und ande­re dar.

Das Land­ge­richt Osna­brück wies die Räu­mungs­kla­ge des Heims ab. Die Kün­di­gung sei unwirk­sam. Dage­gen hat sich das Senio­ren­heim vor dem Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg gewehrt.

In sei­ner Ent­schei­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg aus­ge­führt, dass ein Heim­ver­trag von Sei­ten des Heims nur aus wich­ti­gem Grund gekün­digt wer­den kön­ne (§ 12 Wohn- und Betreu­ungs­ver­trags­ge­setz – WBVG), wenn dem Heim ein Fest­hal­ten am Ver­trag nicht zumut­bar sei. Dies sei hier nicht der Fall. Abzu­wä­gen sei­en die Inter­es­sen des alten Men­schen, einen Umzug und die damit ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten zu ver­mei­den und die Inter­es­sen des Heims, sich von dem Ver­trag zu lösen. Vor­lie­gend sei zu berück­sich­ti­gen, dass dem Heim die Demen­z­er­kran­kung der alten Dame bereits bei deren Ein­zug bekannt gewe­sen sei. Gewis­se Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten sei­en daher hin­zu­neh­men. Es sei auch nicht erkenn­bar, dass es tat­säch­lich schon zu Sach- oder gar Kör­per­schä­den gekom­men sei. Das Heim habe auch nicht dar­ge­stellt, dass es bereits Maß­nah­men ergrif­fen habe, um die Senio­rin von dem geschil­der­ten Ver­hal­ten abzu­hal­ten. Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Olden­burg erge­be die Abwä­gung, dass sich das behaup­te­te Ver­hal­ten der alten Dame in dem Rah­men bewe­ge, der von dem Betrei­ber eines Pfle­ge­heims von Bewoh­nern einer Demenz­ab­tei­lung noch hin­ge­nom­men wer­den müs­se.

Die Senio­rin darf im Heim woh­nen blei­ben. Die Kün­di­gung ist unwirk­sam.

Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 28. Mai 2020 – 1 U 156/​19