Ope­ra­ti­on im Kran­ken­haus – und die Chef­arzt­be­hand­lung als Wahl­leis­tung

Der Ein­wand recht­mä­ßi­gen Alter­na­tiv­ver­hal­tens, der dar­auf zielt, der Pati­ent sei mit der Vor­nah­me des Ein­griffs durch einen ande­ren Ope­ra­teur ein­ver­stan­den gewe­sen, ist nicht erheb­lich, weil dies dem Schutz­zweck des Ein­wil­li­gungs­er­for­der­nis­ses bei ärzt­li­chen Ein­grif­fen wider­spricht (§ 823 Abs. 1 BGB).

Ope­ra­ti­on im Kran­ken­haus – und die Chef­arzt­be­hand­lung als Wahl­leis­tung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall stell­te sich der Pati­ent im Jahr 2011 wegen eines Mor­bus Dupu­ytren an der lin­ken Hand zur chir­ur­gi­schen Hand­ope­ra­ti­on im beklag­ten Kli­ni­kum vor und wur­de vom Chef­arzt unter­sucht. Dar­auf­hin schloss er eine Wahl­leis­tungs­ver­ein­ba­rung mit dem Kli­ni­kum ab, in der Chef­arzt­be­hand­lung ver­ein­bart ist. Er wur­de dar­auf­hin sta­tio­när auf­ge­nom­men und von dem – nicht liqui­da­ti­ons­be­rech­tig­ten – stell­ver­tre­ten­den Ober­arzt des Kli­ni­kums ope­riert. In die Ope­ra­ti­on durch die­sen hat­te der Pati­ent nicht ein­ge­wil­ligt. Post­ope­ra­tiv stell­ten sich bei dem Pati­en­ten an der ope­rier­ten Hand erheb­li­che gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen ein.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Koblenz hat die Kla­gen des Pati­en­ten abge­wie­sen1. Das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz hat die Beru­fung des Pati­en­ten durch Beschluss gemäß § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO zurück­ge­wie­sen2. Mit der vom Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt der Pati­ent sei­ne Ansprü­che wei­ter und erhielt nun vom Bun­des­ge­richts­hof Recht: Mit der Begrün­dung des Beru­fungs­ge­richts kön­nen die von dem Pati­en­ten gel­tend gemach­ten Ansprü­che nicht ver­neint wer­den, § 280 Abs. 1, §§ 278, 823 Abs. 1, §§ 831, 253 Abs. 2 BGB.

Die vom stell­ver­tre­ten­den Ober­arzt durch­ge­führ­te Ope­ra­ti­on ist ohne die erfor­der­li­che Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten erfolgt. Für den Ein­wand des recht­mä­ßi­gen Alter­na­tiv­ver­hal­tens, der dar­auf zielt, ein ande­rer Ope­ra­teur hät­te den Ein­griff recht­mä­ßig vor­neh­men dür­fen, ist, so der Bun­des­ge­richts­hof, im vor­lie­gen­den Fall kein Raum:

Die Beru­fung des Schä­di­gers auf recht­mä­ßi­ges Alter­na­tiv­ver­hal­ten, d.h. der Ein­wand, der Scha­den wäre auch bei einer eben­falls mög­li­chen, recht­mä­ßi­gen Ver­hal­tens­wei­se ent­stan­den, kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für die Zurech­nung eines Scha­dens­er­folgs beacht­lich sein. Dabei muss der Schutz­zweck der jeweils ver­letz­ten Norm dar­über ent­schei­den, ob und inwie­weit der Ein­wand im Ein­zel­fall erheb­lich ist3.

Hier ist dem Kli­ni­kum wie auch dem Chef­arzt und dem die Ope­ra­ti­on durch­füh­ren­den stell­ver­tre­ten­den Ober­arzt der Ein­wand des recht­mä­ßi­gen Alter­na­tiv­ver­hal­tens ver­wehrt, weil dies dem Schutz­zweck des Ein­wil­li­gungs­er­for­der­nis­ses bei ärzt­li­chen Ein­grif­fen (§ 823 Abs. 1 BGB) wider­spricht.

Von jeher lei­tet die Recht­spre­chung das Erfor­der­nis der Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten in die Heil­be­hand­lung zur Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs in die kör­per­li­che Inte­gri­tät aus dem Recht auf kör­per­li­che Unver­sehrt­heit (Art. 2 Abs. 2 GG) und sei­nem Selbst­be­stim­mungs­recht als Aus­fluss des Rechts auf Men­schen­wür­de (Art. 1 GG) her. Geschützt wird damit die Ent­schei­dungs­frei­heit des Pati­en­ten über sei­ne kör­per­li­che Inte­gri­tät, über die sich der Arzt nicht selbst­herr­lich hin­weg­set­zen darf. Die Ein­wil­li­gung in den ärzt­li­chen Heil­ein­griff bedeu­tet näm­lich in dem durch sie gezo­ge­nen Rah­men einen Ver­zicht auf den abso­lu­ten Schutz des Kör­pers vor Ver­let­zun­gen, die mit dem Ein­griff ver­bun­den sind, dar­über hin­aus das Auf­sich­neh­men von Gefah­ren, die sich aus Neben­wir­kun­gen der Behand­lung und mög­li­chen Kom­pli­ka­tio­nen erge­ben. In die­sem Sinn muss die Fra­ge einer Beein­träch­ti­gung von Kör­per und Gesund­heit durch den Arzt weit­ge­hend aus der Sicht des Pati­en­ten abge­grenzt wer­den, weil es um die Selbst­be­stim­mung geht, wenn er die­se sei­ne Rechts­gü­ter im Ver­lau­fe einer ärzt­li­chen Behand­lung und in deren Rah­men zur Dis­po­si­ti­on stellt4.

Dar­aus lei­ten sich Ver­hal­tens­pflich­ten des Arz­tes ab, die ihn nicht nur zur Sorg­falt bei der Behand­lung des Pati­en­ten ver­pflich­ten, son­dern auch dazu, sich des­sen Ein­wil­li­gung in die­se Maß­nah­men zu ver­si­chern. Erklärt der Pati­ent in Aus­übung sei­nes Selbst­be­stim­mungs­rechts, er wol­le sich nur von einem bestimm­ten Arzt ope­rie­ren las­sen, darf ein ande­rer Arzt den Ein­griff nicht vor­neh­men. Ist ein Ein­griff durch einen bestimm­ten Arzt, regel­mä­ßig den Chef­arzt, ver­ein­bart oder kon­kret zuge­sagt, muss der Pati­ent recht­zei­tig auf­ge­klärt wer­den, wenn ein ande­rer Arzt an sei­ne Stel­le tre­ten soll5. Fehlt die wirk­sa­me Ein­wil­li­gung in die Vor­nah­me des Ein­griffs, ist der in der ärzt­li­chen Heil­be­hand­lung lie­gen­de Ein­griff in die kör­per­li­che Inte­gri­tät rechts­wid­rig6.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann sich der Arzt, der ohne eine auf sei­ne Per­son bezo­ge­ne Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten ope­riert hat, nicht dar­auf beru­fen, dass der Pati­ent mit der Vor­nah­me des Ein­griffs durch einen ande­ren – zumal bes­ser qua­li­fi­zier­ten – Ope­ra­teur ein­ver­stan­den gewe­sen sei. Könn­te er sich mit die­sem Ein­wand einer Haf­tung ent­zie­hen, blie­be der rechts­wid­ri­ge Ein­griff in die kör­per­li­che Inte­gri­tät des Pati­en­ten sank­ti­ons­los.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass eine Haf­tung aus der (blo­ßen) Ver­let­zung der Auf­klä­rungs­pflicht ohne einen von dem Arzt ver­ur­sach­ten Gesund­heits­scha­den nicht ange­nom­men wer­den kann7. Denn im Streit­fall hat schon der Ein­griff selbst zu einer Ver­let­zung der kör­per­li­chen Inte­gri­tät des Pati­en­ten geführt8. Zudem ist sein Ver­trau­en, das er in die oben genann­ten Ver­hal­tens­pflich­ten des Kran­ken­hau­ses und des Chef­arz­tes gesetzt hat, ent­täuscht wor­den.

Es kann Kli­nik, Chef­arzt und ope­rie­ren­den Arzt nicht ent­las­ten, dass die Ope­ra­ti­on (mög­li­cher­wei­se) bei einem durch den Chef­arzt durch­ge­führ­ten Ein­griff die (genau) glei­chen Fol­gen gehabt hät­te. Sonst wäre das Ver­trau­en nicht wirk­sam geschützt, das Pati­en­ten in die ärzt­li­che Zuver­läs­sig­keit und Inte­gri­tät set­zen müs­sen, wenn sie ihre abso­lut geschütz­ten Rechts­gü­ter im Ver­lau­fe einer ärzt­li­chen Behand­lung zur Dis­po­si­ti­on stel­len.

Die­sem Ergeb­nis ent­spricht, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine hypo­the­ti­sche Ein­wil­li­gung nur dann vor­lie­gen, wenn der Pati­ent eine wirk­sa­me Zustim­mung zu dem kon­kre­ten, gera­de durch den ope­rie­ren­den Arzt vor­ge­nom­me­nen Ein­griff erteilt hät­te9.

Im vor­lie­gen­den Fall tritt fer­ner hin­zu, dass der Pati­ent aus­weis­lich der mit dem Kran­ken­haus geschlos­se­nen Wahl­leis­tungs­ver­ein­ba­rung nur unter der Vor­aus­set­zung einer Behand­lung durch den Chef­arzt zur Ein­wil­li­gung bereit war, § 823 Abs. 1 BGB. Der Pati­ent schließt einen sol­chen Ver­trag im Ver­trau­en auf die beson­de­ren Erfah­run­gen und die her­aus­ge­ho­be­ne medi­zi­ni­sche Kom­pe­tenz des von ihm aus­ge­wähl­ten Arz­tes, die er sich in Sor­ge um sei­ne Gesund­heit gegen Ent­rich­tung eines zusätz­li­chen Hono­rars für die Heil­be­hand­lung sichern will. Dem­zu­fol­ge muss der Wahl­arzt die sei­ne Dis­zi­plin prä­gen­de Kern­leis­tung per­sön­lich und eigen­hän­dig erbrin­gen10. Ins­be­son­de­re muss der als Wahl­arzt ver­pflich­te­te Chir­urg die geschul­de­te Ope­ra­ti­on grund­sätz­lich selbst durch­füh­ren, sofern er mit dem Pati­en­ten nicht eine Aus­füh­rung sei­ner Kern­leis­tung durch einen Stell­ver­tre­ter wirk­sam ver­ein­bart hat11. Vor die­sem Hin­ter­grund ist im Streit­fall zudem das Ver­trau­en des Pati­en­ten, das die­ser in die mit dem Kran­ken­haus geschlos­se­ne Wahl­leis­tungs­ver­ein­ba­rung und damit auch in die beson­de­ren Erfah­run­gen und die her­aus­ge­ho­be­ne medi­zi­ni­sche Kom­pe­tenz des Chef­arz­tes gesetzt hat, ent­täuscht wor­den.

Es kommt daher vor­lie­gend nicht dar­auf an, ob das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz das Bestrei­ten des Pati­en­ten hin­sicht­lich des vom Ober­lan­des­ge­richt ange­nom­me­nen hypo­the­ti­schen Kau­sal­ver­laufs hät­te zurück­wei­sen dür­fen (§ 531 Abs. 2 ZPO in Ver­bin­dung mit Art. 103 Abs. 1 GG)12.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Juli 2016 – VI ZR 75/​15

  1. LG Koblenz, Urteil vom 12.08.2014 – 10 O 48/​12
  2. OLG Koblenz, Beschluss vom 26.01.2015 – 5 U 1131/​14
  3. BGH, Urtei­le vom 24.10.1985 – IX ZR 91/​84, BGHZ 96, 157, 173 – zu pflicht­wid­ri­gem Ver­hal­ten eines Notars; vom 25.11.1992 – VIII ZR 170/​91, BGHZ 120, 281, 286 – zu einer feh­ler­haf­ten Aus­schrei­bung; vom 09.03.2012 – V ZR 156/​11, NJW 2012, 2022 Rn. 17
  4. BGH, Urteil vom 14.02.1989 – VI ZR 65/​88, BGHZ 106, 391, 397 f.
  5. BGH, Urteil vom 11.05.2010 – VI ZR 252/​08, NJW 2010, 2580 Rn. 6
  6. BGH, Urteil vom 14.02.1989 – VI ZR 65/​88, BGHZ 106, 391, 398
  7. vgl. BGH, Urteil vom 27.05.2008 – VI ZR 69/​07, BGHZ 176, 342 Rn.19
  8. vgl. BGH, Urteil vom 13.01.1987 – VI ZR 82/​86 NJW 1987, 1481 unter – II 3 b
  9. BGH, Urteil vom 09.07.1996 – VI ZR 101/​95, NJW 1996, 1015 unter – II 3 c
  10. BGH, Urteil vom 11.05.2010 – VI ZR 252/​08, NJW 2010, 2580 Rn. 7
  11. vgl. zu den an eine sol­che Ver­ein­ba­rung anzu­le­gen­den Maß­stä­ben BGH, Urteil vom 20.12 2007 – III ZR 144/​07, BGHZ 175, 76 Rn. 7 ff.
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 03.03.2015 – VI ZR 490/​13, NJW-RR 2015, 1278 Rn. 10 ff.
  13. BGH, 20.12.2007 – III ZR 144/​07