Das Akten­ein­sichts­recht der Pro­zess­par­tei­en – und das noch nicht geschrie­be­ne Protokolldiktat

Das Akten­ein­sichts­recht der Pro­zess­par­tei­en gemäß § 299 Abs. 1 ZPO umfasst auch das Recht auf Abhö­ren der vor­läu­fi­gen Pro­to­koll­auf­zeich­nung (§ 160a Abs. 1, Abs. 3 Satz 1 ZPO) bis zu deren Löschung (§ 160a Abs. 3 Satz 2 ZPO).

Das Akten­ein­sichts­recht der Pro­zess­par­tei­en – und das noch nicht geschrie­be­ne Protokolldiktat

Die vor­läu­fi­ge Auf­zeich­nung des Pro­to­kolls (§ 160a Abs. 1 ZPO) unter­liegt nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he1 und – soweit ersicht­lich – ein­hel­li­ger Auf­fas­sung in der Lite­ra­tur der Akten­ein­sicht gemäß § 299 Abs. 1 ZPO2, ggf. als „Abhör­recht“ auf der Geschäfts­stel­le3.

Davon abwei­chend wird in einer Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt4 ver­tre­ten, das Akten­ein­sichts­recht gemäß § 299 Abs. 1 ZPO kön­ne unmit­tel­bar zur Begrün­dung eines Rechts auf Abhö­ren der vor­läu­fi­gen Pro­to­koll­auf­zeich­nung nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, da bei § 299 Abs. 1 ZPO ein berech­tig­tes Inter­es­se regel­mä­ßig (des­halb) anzu­neh­men sei, weil die Par­tei den gesam­ten Akten­in­halt nicht ken­nen und sie nur durch das Ein­se­hen der Pro­zess­ak­ten erse­hen kön­ne, wie sich die Sach- und Rechts­la­ge zu der gege­be­nen Zeit dar­stel­le und ein berech­tig­tes Inter­es­se am Abhö­ren der vor­läu­fi­gen Ton­trä­ger­auf­zeich­nung allen­falls dann gege­ben sei, wenn die eige­ne Wahr­neh­mung der Par­tei von dem Sit­zungs­ver­lauf nicht aus­rei­che, um die Rich­tig­keit des Pro­to­kolls im Hin­blick auf § 164 ZPO prü­fen zu können.

Zutref­fend ist für dasOber­lan­des­ge­richt Stutt­gart die zuerst genann­te Auffassung:

Das von der abwei­chen­den Mei­nung für das Abhör­recht ver­lang­te berech­tig­te Inter­es­se der Par­tei ist dem Wort­laut und der Sys­te­ma­tik der gesetz­li­chen Rege­lun­gen betref­fend die Anfer­ti­gung (§§ 160f. ZPO) und ggf. Kor­rek­tur des Pro­to­kolls (§ 164 ZPO) nicht zu entnehmen.

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Schon aus­ge­hend vom Wort­laut des § 160a Abs. 3 Satz 1 ZPO ist die vor­läu­fi­ge Auf­zeich­nung – sofern sie sich dazu eig­net, also in Papier­form exis­tiert oder etwa Ton­bän­der in Hül­le5 – zu den Pro­zess­ak­ten zu neh­men, mit­hin zunächst – bis zur Löschung (§ 160a Abs. 3 Satz 2 ZPO) – unein­ge­schränkt Bestand­teil der Prozessakten.

Die Pro­zess­ak­ten kön­nen jedoch von den Par­tei­en – wäh­rend des lau­fen­den Ver­fah­rens – ohne wei­te­re Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­se­hen wer­den, § 299 Abs. 1 ZPO6. Das Akten­ein­sichts­recht nach § 299 Abs. 1 ZPO dient der Pro­zess­füh­rung und besteht fort, bis das betref­fen­de Ver­fah­ren end­gül­tig abge­schlos­sen ist7.

Nur den­je­ni­gen Per­so­nen, die nicht Par­tei sind, darf gem. § 299 Abs. 2 ZPO Akten­ein­sicht nur gewährt wer­den, wenn alle Par­tei­en zustim­men oder wenn sie ein recht­li­ches Inter­es­se glaub­haft machen. Ent­spre­chen­des gilt, wenn eine Par­tei nach Abschluss des Ver­fah­rens Akten­ein­sicht begehrt8.

Die Berich­ti­gung des end­gül­tig her­ge­stell­ten Pro­to­kolls (vgl. §§ 160a Abs. 2, 160 ZPO) ist in § 164 ZPO gere­gelt. Bei Abwei­chun­gen zwi­schen Sit­zungs­nie­der­schrift und vor­läu­fi­ger Auf­zeich­nung, auf deren Grund­la­ge das Pro­to­koll erstellt wur­de, gilt die Beweis­kraft (§ 165 ZPO) für das Pro­to­koll, wel­ches aber ggf. zu berich­ti­gen ist, § 164 ZPO9. Mit der vor­läu­fi­gen Auf­zeich­nung kann der Beweis geführt wer­den, dass unrich­tig pro­to­kol­liert wor­den ist, § 415 Abs. 2 ZPO10.

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Das Akten­ein­sichts­recht der Par­tei gemäß § 299 Abs. 1 ZPO ermög­licht der Par­tei mit­hin auch den Zugriff auf das in den Pro­zess­ak­ten befind­li­che Beweis­mit­tel der vor­läu­fi­gen Auf­zeich­nung des Pro­to­kolls, um ggf. eine Pro­to­koll­be­rich­ti­gung her­bei­füh­ren zu können.

Dies ist auch im hier ent­schie­de­nen Streit­fall das Begeh­ren der Klägerin.

Es ist nicht gerecht­fer­tigt, der Par­tei das Abhö­ren der vor­läu­fi­gen Pro­to­koll­auf­zeich­nung – als Bestand­teil des Akten­ein­sichts­rechts – durch die Vor­aus­set­zung, sie müs­se zunächst ein berech­tig­tes Inter­es­se für die Akten­ein­sicht dar­tun, zu erschweren.

Die Tat­sa­che, dass die Par­tei regel­mä­ßig den Inhalt und Ver­lauf der münd­li­chen Ver­hand­lung selbst wahr­neh­men kann, ist kein über­zeu­gen­des Argu­ment für die Not­wen­dig­keit eines beson­de­ren Inter­es­ses am Abhö­ren der vor­läu­fi­gen Pro­to­koll­auf­zeich­nung. Auch den Inhalt der Pro­zess­ak­ten im Übri­gen kennt eine Par­tei in der Regel zumin­dest ganz über­wie­gend, da die Schrift­sät­ze der Par­tei­en und Ver­fü­gun­gen des Gerichts beid­seits bekannt gemacht wer­den. Zudem mag die Par­tei die vor­läu­fi­ge Pro­to­kol­lie­rung ein­zel­ner Vor­gän­ge des Sit­zungs­ver­laufs nicht selbst wahr­ge­nom­men haben, ohne dass ihr dies in jedem Fall vor­ge­wor­fen wer­den kann.

Im Ergeb­nis ist mit der im Gesetz ange­leg­ten Erstre­ckung des Akten­ein­sichts­rechts gemäß § 299 Abs. 1 ZPO auf die vor­läu­fi­ge Pro­to­koll­auf­zeich­nung sicher gestellt, dass die Par­tei­en sich über des­sen Inhalt unschwer Gewiss­heit ver­schaf­fen kön­nen und ggf. Zwei­fel am Inhalt des end­gül­ti­gen Pro­to­kolls zeit­nah und ver­läss­lich geklärt wer­den können.

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Vorprozessuale Anwaltskosten und die Berufungssumme

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 8. April 2021 – 19 W 11/​21

  1. vgl. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 30.03.1994 – 11 W 2/​94, Beck­RS 1994, 13889 Rn. 27, beck-online[]
  2. vgl. Beck­OK ZPO/​Wendtland, 40. Ed.01.03.2021, ZPO § 160a Rn. 12[]
  3. vgl. Musielak/​Voit/​Stadler, 18. Aufl.2021, ZPO § 160a Rn. 6; Schultz­ky in: Zöl­ler, Zivil­pro­zess­ord­nung, 33. Aufl.2020, § 160a ZPO, Rn. 10[]
  4. vgl. OLG Frank­furt, Urteil vom 14.10.2016 – 10 U 64/​16, Rn. 43 für den Fall einer vor­läu­fi­gen Auf­zeich­nung des Pro­to­kolls der Ver­hand­lung über die Beru­fung[]
  5. Münch­Komm-ZPO/­Frit­sche, 6. Aufl.2020, ZPO § 160a Rn. 7[]
  6. Beck­OK ZPO/​Bacher, 39. Ed.01.12.2020, ZPO § 299 Rn. 17[]
  7. BGH, Beschluss vom 29.04.2015 – XII ZB 214/​14, NJW 2015, 1827ff. Rn. 11, beck-online[]
  8. vgl. Beck­OK ZPO/​Bacher, 40. Ed.01.03.2021, ZPO § 299 Rn. 26[]
  9. Münch­Komm-ZPO/­Frit­sche, 6. Aufl.2020, ZPO § 160a Rn. 3[]
  10. vgl. Schultz­ky in: Zöl­ler, Zivil­pro­zess­ord­nung, 33. Aufl.2020, § 160a ZPO, Rn. 7; Münch­Komm-ZPO/­Frit­sche, 6. Aufl.2020, ZPO § 160a Rn. 3[]