Das beim fal­schen Gericht ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel

Mit der Fra­ge der recht­zei­ti­gen Wei­ter­lei­tung einer Rechts­mit­tel­schrift durch das unzu­stän­di­ge Gericht muss­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof beschäf­ti­gen. Anlass hier­für bot ein fami­li­en­recht­li­ches Ver­fah­ren aus der Über­gangs­zeit vom alten, bis Ende August 2009 gel­ten­den, auf das neue, aktu­el­le Ver­fah­rens­recht:

Das beim fal­schen Gericht ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel

Der Beklag­te ist durch am 10. Okto­ber 2011 zuge­stell­tes Schlus­sur­teil des Amts­ge­richts zur Zah­lung von Tren­nungs­un­ter­halt ver­ur­teilt wor­den. Mit einem am 5. Novem­ber 2011 (Sams­tag) beim Amts­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz hat der Beklag­te "Beschwer­de" gegen das Schlus­sur­teil ein­ge­legt. Die zustän­di­ge Rich­te­rin hat am 8. Novem­ber 2011 den Ver­fah­rens­wert fest­ge­setzt und gleich­zei­tig ver­fügt, die Akten dem Ober­lan­des­ge­richt zur Ent­schei­dung über die Beschwer­de zu über­sen­den, was von der Geschäfts­stel­le am sel­ben Tag ver­an­lasst wor­den ist. Die Rechts­mit­tel­schrift ist mit der Ver­fah­rens­ak­te am 11. Novem­ber 2011 beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­gan­gen. Nach einem Hin­weis auf die Frist­ver­säu­mung hat der Beklag­te Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bean­tragt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm 1 hat das von ihm als Beru­fung behan­del­te Rechts­mit­tel ver­wor­fen und den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung zurück­ge­wie­sen. Die dage­gen gerich­te­te die Rechts­be­schwer­de des Beklag­ten blieb auch vor dem Bun­des­ge­richts­hof ohne Erfolg:

Da imn hier ent­schie­de­nen Fall noch das bis Ende August 2009 gel­ten­de Ver­fah­rens­recht Anwen­dung fin­det, war gegen das Urteil nach § 511 ZPO (nur) die Beru­fung statt­haft, wel­che gemäß § 519 Abs. 1 ZPO beim Ober­lan­des­ge­richt als Beru­fungs­ge­richt ein­zu­le­gen war. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten hat dem­nach das Rechts­mit­tel beim unzu­stän­di­gen Gericht ein­ge­legt.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs darf eine Par­tei zwar dar­auf ver­trau­en, dass der beim unzu­stän­di­gen Gericht ein­ge­reich­te Schrift­satz noch recht­zei­tig an das Rechts­mit­tel­ge­richt wei­ter­ge­lei­tet wird, wenn die­ser Schrift­satz so früh­zei­tig ein­ge­gan­gen ist, dass die frist­ge­rech­te Wei­ter­lei­tung an das Rechts­mit­tel­ge­richt im ordent­li­chen Geschäfts­gang ohne wei­te­res erwar­tet wer­den kann. Kommt das ange­ru­fe­ne Gericht dem nicht nach, wirkt sich das Ver­schul­den der Par­tei oder ihrer Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten nicht mehr aus, so dass ihr Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist 2.

Hier konn­te der Beklag­te aber nicht davon aus­ge­hen, dass die beim unzu­stän­di­gen Amts­ge­richt ein­ge­reich­te Rechts­mit­tel­schrift noch ohne wei­te­res recht­zei­tig an das Ober­lan­des­ge­richt gelan­gen wür­de. Denn die Vor­ge­hens­wei­se des Amts­ge­richts bewegt sich im Rah­men des ordent­li­chen Geschäfts­gangs.

Zunächst stellt es kein Ver­säum­nis dar, dass der am Sams­tag ein­ge­gan­ge­ne Schrift­satz nicht schon am Mon­tag, son­dern erst am Diens­tag bear­bei­tet wur­de 3. Die im vor­lie­gen­den Fall am Diens­tag erfolg­te abschlie­ßen­de Bear­bei­tung durch das Amts­ge­richt bewegt sich viel­mehr ohne wei­te­res im Rah­men des ordent­li­chen Geschäfts­gangs und ver­letzt den Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren nicht 4.

Das gilt auch für die Aus­füh­rung der Ver­sen­dung. Ob die Ver­sen­dung am 8. oder 9.11.2011 aus­ge­führt wor­den ist, ist nicht ent­schei­dend. Denn auch durch eine Ver­sen­dung erst am 9.11.2011 wäre das Fair­ness­ge­bot nicht ver­letzt wor­den.

Nichts ande­res gilt für die Art und Wei­se der Ver­sen­dung. Denn auch bei Ver­sen­dung per Kurier im Rah­men des regel­mä­ßi­gen Akten­trans­ports zum Rechts­mit­tel­ge­richt hät­te sich die Wei­ter­lei­tung ohne wei­te­res inner­halb des ordent­li­chen Geschäfts­gangs gehal­ten 5. Wenn der Kurier­dienst die Rechts­mit­tel­schrift mit den Akten nicht so zei­tig zum Rechts­mit­tel­ge­richt beför­dert, dass dadurch die Frist gewahrt wer­den konn­te, ist die­ses Risi­ko von dem Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten zu tra­gen, des­sen Rechts­an­walt den Schrift­satz an das fal­sche Gericht adres­siert hat. Dass die Rechts­mit­tel­schrift bei einer Ver­sen­dung mit der Akte per Paket­post, wel­che das Ober­lan­des­ge­richt hier offen­ge­las­sen hat, noch recht­zei­tig bei dem Ober­lan­des­ge­richt ange­kom­men wäre, ist bereits nicht glaub­haft gemacht. Eine Tren­nung der Rechts­mit­tel­schrift von der Akte und Ver­sen­dung per Brief­post konn­te der Beklag­te nicht erwar­ten 5.

Auch eine Hin­weis­pflicht traf das Amts­ge­richt schließ­lich nicht 6. Die maß­geb­li­che Ursa­che für die Frist­ver­säu­mung ist somit allein der dem Beklag­ten zuzu­rech­nen­de Anwalts­feh­ler gewe­sen, der dar­in besteht, dass die Rechts­mit­tel­schrift nicht an das zustän­di­ge Gericht adres­siert wor­den ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Dezem­ber 2012 – XII ZB 61/​12

  1. OLG Hamm, Beschluss vom 04.01.2012 – II-13 UF 256/​11[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.02.2012 – XII ZB 165/​11 Fam­RZ 2012, 623 Rn. 22; vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10 Fam­RZ 2011, 1389 Rn. 12 und vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11 Fam­RZ 2011, 1649 Rn.20 ff. jeweils mwN[]
  3. vgl. etwa BGH, Beschluss vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10 Fam­RZ 2011, 1389 Rn. 13[]
  4. vgl. BGH Beschluss vom 12.10.2011 – IV ZB 17/​10 NJW 2012, 78 Rn. 11 Vor­la­ge der Rechts­mit­tel­schrift erst nach Ein­gang der Rechts­mit­tel­be­grün­dung[]
  5. BGH, Beschluss vom 19.09.2012 – XII ZB 221/​12[][]
  6. BGH, Beschluss vom 19.09.2012 – XII ZB 221/​12, mwN[]