Das besetz­te Gerichts­fax – Beru­fungs­be­grün­dung per eMail

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann in einem Fall, in dem als Anhang zu einer elek­tro­ni­schen Nach­richt eine Bild­da­tei über­mit­telt wird, die die voll­stän­di­ge Beru­fungs­be­grün­dung ein­schließ­lich der eigen­hän­di­gen Unter­schrift des beim Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­an­walts ent­hält, die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gewahrt wer­den, wenn die ange­häng­te Bild­da­tei noch vor Frist­ab­lauf aus­ge­druckt wird 1.

Das besetz­te Gerichts­fax – Beru­fungs­be­grün­dung per eMail

Im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall ist dDie E‑Mail des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers mit dem ange­häng­ten Schrift­satz erst nach Ende der Dienst­zeit auf der Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts ein­ge­gan­gen und an die­sem Tag nicht mehr aus­ge­druckt wor­den. Der als PDF-Anhang unter­schrie­be­ne Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­satz hat die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist damit nicht gewahrt.

Der Bun­des­ge­richts­hof bil­lig­te auch, dass das Beru­fungs­ge­richt dem Klä­ger hier kei­ne Wie­der­ein­set­zung gewähr­te: Der Klä­ger hat, so der Bun­des­ge­richts­hof, die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nicht unver­schul­det ver­säumt. Das Ver­säum­nis beruht auf einem Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, das er sich nach § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen muss. Sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter hat die Ver­su­che, die Beru­fungs­be­grün­dung an das Beru­fungs­ge­richt zu faxen, nach den im Ergeb­nis rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts vor­schnell auf­ge­ge­ben.

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung sowohl des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts als auch des Bun­des­ge­richts­hofs dür­fen die aus den tech­ni­schen Gege­ben­hei­ten des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tels Tele­fax her­rüh­ren­den beson­de­ren Risi­ken nicht auf den Nut­zer die­ses Medi­ums abge­wälzt wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re für Stö­run­gen des Emp­fangs­ge­räts des Gerichts. In die­sem Fall liegt die ent­schei­den­de Ursa­che für die Frist­ver­säum­nis in der Sphä­re des Gerichts 2. Aber auch Stö­run­gen der Über­mitt­lungs­lei­tun­gen sind dem gewähl­ten Über­mitt­lungs­me­di­um imma­nent, weil ein Tele­fax nur über sie zum Emp­fangs­ge­rät gelangt. Auch bei einer Lei­tungs­stö­rung ver­sagt die von der Jus­tiz ange­bo­te­ne Zugangs­ein­rich­tung. Der Nut­zer hat mit der Wahl eines aner­kann­ten Über­mitt­lungs­me­di­ums, der ord­nungs­ge­mä­ßen Nut­zung eines funk­ti­ons­fä­hi­gen Sen­de­ge­räts und der kor­rek­ten Ein­ga­be der Emp­fän­ger­num­mer das sei­ner­seits zur Frist­wah­rung Erfor­der­li­che getan, wenn er so recht­zei­tig mit der Über­mitt­lung beginnt, dass unter nor­ma­len Umstän­den mit ihrem Abschluss bis zum Ablauf der Frist zu rech­nen ist 3. Die Gerich­te dür­fen die Anfor­de­run­gen an die den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten oblie­gen­de Sorg­falt nicht über­span­nen. Von einem Rechts­an­walt, der sich und sei­ne orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­keh­run­gen dar­auf ein­ge­rich­tet hat, einen Schrift­satz weder selbst noch durch Boten oder durch Post, son­dern durch Fax zu über­mit­teln, kann daher beim Schei­tern der gewähl­ten Über­mitt­lung infol­ge eines Defekts des Emp­fangs­ge­räts oder wegen Lei­tungs­stö­run­gen nicht ver­langt wer­den, dass er – unter Auf­bie­tung aller nur denk­ba­ren Anstren­gun­gen – inner­halb kür­zes­ter Zeit eine ande­re als die gewähl­te Zugangs­art sicher­stellt 4.

Dem­ge­gen­über stellt die Bele­gung des Tele­fax­ge­rä­tes durch ande­re ein­ge­hen­de Sen­dun­gen kei­ne tech­ni­sche Stö­rung dar und ist daher grund­sätz­lich nicht als Wie­der­ein­set­zungs­grund zu qua­li­fi­zie­ren 5. Hier­bei han­delt es sich viel­mehr um einen Umstand, dem der Absen­der zur Ver­mei­dung eines Ver­schul­dens­vor­wurfs durch geeig­ne­te Vor­keh­run­gen, ins­be­son­de­re durch Ein­pla­nung einer gewis­sen Zeit­re­ser­ve, Rech­nung tra­gen muss, um gege­be­nen­falls durch Wie­der­ho­lung der Über­mitt­lungs­vor­gän­ge einen Zugang des zu über­mit­teln­den Schrift­sat­zes bis zum Frist­ab­lauf zu gewähr­leis­ten. Es gereicht ihm des­halb zum Ver­schul­den, wenn er sei­ne Über­mitt­lungs­ver­su­che vor­schnell auf­gibt und die für ihn nicht auf­klär­ba­re Ursa­che der Über­mitt­lungs­schwie­rig­kei­ten dem Emp­fangs­ge­richt zuschreibt 6.

Gemes­sen hier­an hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te den Ver­such, die Beru­fungs­be­grün­dung an das Beru­fungs­ge­richt zu faxen, schuld­haft vor­schnell auf­ge­ge­ben. Das Beru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass bei dem Fax­an­schluss des Gerichts kei­ne tech­ni­sche Stö­rung vor­lag. Der Anschluss war ledig­lich in den Nach­mit­tags­stun­den, als der Bevoll­mäch­tig­te des Klä­gers sei­ne Über­mitt­lungs­ver­su­che unter­nom­men hat, nicht hin­ge­gen in der Zeit ab 20.00 Uhr häu­fig belegt. In der Zeit von 20.00 Uhr bis 24.00 Uhr sind nur noch zwei Fax­sen­dun­gen ein­ge­gan­gen. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hät­te in Rech­nung stel­len müs­sen, dass das Schei­tern der Über­mitt­lungs­ver­su­che in der Zeit bis 19.00 Uhr auf einer erhöh­ten Bean­spru­chung des Fax­an­schlus­ses wäh­rend der übli­chen Büro­zei­ten beruh­te und hät­te nach die­ser Zeit einen erneu­ten Ver­such unter­neh­men müs­sen 7. Dass er dies nicht getan hat, ist ihm als schuld­haf­ter Ver­stoß gegen die ihn tref­fen­de erhöh­te Sorg­falts­pflicht bei Über­sen­dung eines Schrift­sat­zes am letz­ten Tag der Frist vor­zu­wer­fen.

Den Vor­trag, der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te habe auch um 21.10 Uhr noch­mals ver­geb­lich ver­sucht, die Beru­fungs­be­grün­dung zu faxen, hat das Beru­fungs­ge­richt zu Recht nicht berück­sich­tigt, da die­ser Vor­trag erst mit Schrift­satz vom 14.11.2013 und damit nicht inner­halb der Wie­der­ein­set­zungs­frist des § 234 ZPO gehal­ten wor­den ist 8. Ange­sichts des­sen kann der Bun­des­ge­richts­hof auch unent­schie­den las­sen, ob ein Anwalt gehal­ten ist, die Über­mitt­lungs­ver­su­che gege­be­nen­falls bis 24.00 Uhr fort­zu­set­zen 9. Jeden­falls die Been­di­gung der Ver­su­che um 19.02 Uhr ist dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers als vor­schnel­les Auf­ge­ben im Sin­ne der Recht­spre­chung anzu­las­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Novem­ber 2014 – II ZB 25/​13

  1. BGH, Beschluss vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08, NJW 2008, 2649 Rn. 8 ff.; Beschluss vom 04.12 2008 – IX ZB 41/​08, WM 2009, 331 Rn. 10; vgl. auch BAG, NZA 2013, 983 Rn. 12[]
  2. BVerfG, NJW 1996, 2857 f.; NJW 2001, 3473 f.; BGH, Beschluss vom 06.03.1995 – II ZB 1/​95, NJW 1995, 1431, 1432 f.; Beschluss vom 30.09.2003 – X ZB 48/​02, NJW-RR 2004, 283, 284; Beschluss vom 21.07.2011 – IX ZB 218/​10 2 mwN[]
  3. BVerfG, NJW 1996, 2857 f.; NJW 2001, 3473, 3474; BGH, Beschluss vom 01.02.2001 – V ZB 33/​00, NJW-RR 2001, 916; Beschluss vom 20.12 2007 – III ZB 73/​07 4; Beschluss vom 06.04.2011 – XII ZB 701/​10, NJW 2011, 1972 Rn. 9[]
  4. BVerfG, NJW 1996, 2857 f.; NJW 2000, 1636; BGH, Beschluss vom 30.10.1996 – XII ZB 140/​96, NJW-RR 1997, 250; Beschluss vom 20.02.2003 – V ZB 60/​02, NJW-RR 2003, 861 f.[]
  5. vgl. BVerfG, NJW 2007, 2838 Rn. 3; BVerfG, Beschluss vom 28.11.2007 – 1 BvR 2755/​07 3; BGH, Beschluss vom 11.01.2011 – VIII ZB 44/​10 9; Beschluss vom 06.04.2011 – XII ZB 701/​10, NJW 2011, 1972 Rn. 10[]
  6. BVerfG, NJW 2006, 829 Rn. 4; NJW 2006, 1505 Rn. 5 ff.; NJW 2007, 2838 Rn. 3; BGH, Beschluss vom 11.01.2011 – VIII ZB 44/​10 9; Beschluss vom 06.04.2011 – XII ZB 701/​10, NJW 2011, 1972 Rn. 10[]
  7. vgl. BVerfG, NJW 2007, 2838 Rn. 3; NJW 2006, 829 Rn. 4[]
  8. vgl. hier­zu Münch­Komm-ZPO/Gehr­lein, 4. Aufl., § 236 Rn. 11[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 06.04.2011 – XII ZB 701/​10, NJW 2011, 1972 Rn. 14[]