Das Fax im Jus­tiz­zen­trum

Gehört ein Tele­fax­ge­rät zu einer gemein­sa­men Post- und Fax­an­nah­me­stel­le, die als Geschäfts­stel­le sämt­li­cher ange­schlos­se­ner Gerich­te und Behör­den gilt, ist ein per Tele­fax über­mit­tel­ter Schrift­satz auch dann in die Ver­fü­gungs­ge­walt des Gerichts gelangt, an das er adres­siert war, wenn für die Über­mitt­lung ver­se­hent­lich die Fax­num­mer einer ande­ren in den Behör­den- und Gerichts­ver­bund ein­be­zo­ge­nen Stel­le gewählt wor­den ist.

Das Fax im Jus­tiz­zen­trum

Damit voll­zieht der Bun­des­ge­richts­hof einen Wech­sel in sei­ner Recht­spre­chung zur Ter­mins­wah­rung per Tele­fax und folgt nun­mehr einer fünf Jah­re alten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 1.

In der Vor­in­stanz noch hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main die Beru­fungs­be­grün­dung, die am Abend des Frist­ab­laufs ver­se­hent­lich statt an das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt an den in der glei­chen Post­stel­le auf­lau­fen­den Fax­an­schluss des Land­ge­richts Frank­furt am Main gefaxt wor­den war, als ver­fris­tet ange­se­hen 2.

Vom Aus­gangs­punkt des Beru­fungs­ge­richts her, dass die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­säumt wor­den sei, ent­spricht der Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt aller­dings der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. Danach muss der Rechts­an­walt bei Ver­sen­dung von Schrift­sät­zen per Tele­fax durch orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen sicher­stel­len, dass die Tele­fax­num­mer des ange­schrie­be­nen Gerichts ver­wen­det wird. Hier­zu gehört, dass bei der erfor­der­li­chen Aus­gangs­kon­trol­le in der Regel ein Sen­de­be­richt aus­ge­druckt und die­ser auf die Rich­tig­keit der ver­wen­de­ten Emp­fän­ger­num­mer über­prüft wird, um nicht nur Feh­ler bei der Ein­ga­be, son­dern auch bereits bei der Ermitt­lung der Fax­num­mer oder ihrer Über­tra­gung in den Schrift­satz auf­de­cken zu kön­nen. Die Über­prü­fung der Rich­tig­keit der im Sen­de­be­richt aus­ge­wie­se­nen Emp­fän­ger­num­mer ist anhand eines aktu­el­len Ver­zeich­nis­ses oder einer ande­ren geeig­ne­ten Quel­le vor­zu­neh­men, aus dem bzw. der die Fax­num­mer des Gerichts her­vor­geht, für das die Sen­dung bestimmt ist 3.

Es ist aber nicht aus­zu­schlie­ßen, dass die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren und in sei­nem Anspruch auf effek­ti­ven Rechts­schutz ver­letzt.

Bei­de Rech­te wer­den den Par­tei­en eines Zivil­rechts­streits durch Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG garan­tiert. Danach dür­fen die Gerich­te den Zugang zu den den Recht­su­chen­den ein­ge­räum­ten Instan­zen nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwe­ren 4.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts, die Beru­fung als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen, mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen eines fai­ren Ver­fah­rens und der Gewähr­leis­tung eines wirk­sa­men Rechts­schut­zes nicht ver­ein­bar ist. Unter Umstän­den hat das Ober­lan­des­ge­richt den Anspruch des Beschwer­de­füh­rers aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip schon des­halb ver­letzt, weil es die Beru­fungs­be­grün­dung des Beschwer­de­füh­rers als ver­spä­tet ein­ge­reicht ange­se­hen und des­halb ver­wor­fen hat.

Gemäß der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 9. Okto­ber 2007 5 gehört das Tele­fax­ge­rät des Land­ge­richts eben­so wie das des Ober­lan­des­ge­richts auf­grund Gemein­sa­mer Ver­fü­gung der Lei­ter der Jus­tiz­be­hör­den in Frank­furt zu einer gemein­sa­men Post- und Fax­an­nah­me­stel­le, die als Geschäfts­stel­le sämt­li­cher ange­schlos­se­ner Gerich­te und Behör­den in Frank­furt gilt. Dabei ist die Annah­me von Tele­fax­schrei­ben so gere­gelt, dass die beson­ders bestimm­ten Tele­fax­an­schlüs­se der betei­lig­ten Behör­den und Gerich­te zugleich als Anschlüs­se der ande­ren Behör­den und Gerich­te gel­ten und die bei einem die­ser Anschlüs­se ein­ge­hen­den Tele­fax­schrei­ben als bei der Geschäfts­stel­le der jeweils ange­schrie­be­nen Behör­den- oder Gerichts­stel­le ein­ge­gan­gen anzu­se­hen sind. Die­se vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung wie­der­ge­ge­be­ne Rege­lung hat zur Fol­ge, dass ein per Tele­fax über­mit­tel­ter und – wie hier – zutref­fend an das Ober­lan­des­ge­richt adres­sier­ter Schrift­satz auch dann in die Ver­fü­gungs­ge­walt die­ses Gerichts gelangt ist, wenn für die Über­mitt­lung ver­se­hent­lich die Fax­num­mer einer ande­ren in den Behör­den- und Gerichts­ver­bund ein­be­zo­ge­nen Stel­le gewählt wor­den ist. Für die Recht­zei­tig­keit des Ein­gangs eines frist­wah­ren­den Schrift­stücks ist allein ent­schei­dend, dass es inner­halb der Frist tat­säch­lich in den Ver­fü­gungs­be­reich des zustän­di­gen Gerichts gebracht wor­den und damit dem Zugriff des Absen­ders nicht mehr zugäng­lich ist 6. Danach wäre die Beru­fungs­be­grün­dung beim Ober­lan­des­ge­richt recht­zei­tig ein­ge­gan­gen, als der Tele­fax­schrift­satz des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten am 4. Mai 2011 zwi­schen 23.20 Uhr und 23.30 Uhr per Tele­fax bei der Tele­fax­stel­le des Land­ge­richts Frank­furt am Main ein­ge­gan­gen ist.

Das Ober­lan­des­ge­richt hat in dem ange­foch­te­nen Beschluss nicht fest­ge­stellt, dass zum Zeit­punkt der Über­sen­dung des Schrift­sat­zes eine von dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts abwei­chen­de Rege­lung für die Jus­tiz­be­hör­den in Frank­furt galt, und auch nicht dar­ge­legt, dass es eine ent­spre­chen­de Prü­fung vor­ge­nom­men hat. Dazu hät­te aber auf­grund des Beschlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und auch des Umstan­des, dass man­gels eines ent­spre­chen­den Ein­gangs­stem­pels nicht fest­stell­bar ist, wann die an das Land­ge­richt Frank­furt am Main über­sand­te Beru­fungs­be­grün­dung beim Ober­lan­des­ge­richt als zustän­di­gem Beru­fungs­ge­richt ein­ge­gan­gen ist, Anlass bestan­den. Die Rechts­be­schwer­de weist zu Recht dar­auf hin, dass das Feh­len eines Ein­gangs­stem­pels des Ober­lan­des­ge­richts dadurch erklärt wer­den kann, dass nach der oben dar­ge­leg­ten Geschäfts­ord­nungs­re­ge­lung der an das Ober­lan­des­ge­richt gerich­te­te Schrift­satz mit Ein­gang bei der Tele­fax­stel­le des Land­ge­richts als beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­gan­gen anzu­se­hen war. Des­halb hät­te das Ober­lan­des­ge­richt jeden­falls im Hin­blick auf den Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts der Fra­ge nach­ge­hen müs­sen, wie in Frank­furt am Main für die dor­ti­gen Jus­tiz­be­hör­den die Tele­fax­an­nah­me zum hier maß­geb­li­chen Zeit­punkt orga­ni­siert war.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. April 2013 – VI ZB 27/​12

  1. BVerfG, Beschluss vom 09.10.2007 – 1 BvR 1784/​05, NJW-RR 2008, 446[]
  2. OLG Frankfurt/​Main, Beschluss vom 30.04.2012 – 8 U 42/​11[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.2012 – VI ZB 54/​11, VersR 2012, 1411 Rn. 7 mwN[]
  4. vgl. BVerfG, NJW-RR 2008, 446 f. mwN[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 09.10.2007 – 1 BvR 1784/​05, aus­zugs­wei­se abge­druckt in NJW-RR 2008, 446[]
  6. vgl. BVerfG, aaO[]