Das Kind im Stras­sen­ver­kehr

Der Geschä­dig­te, der sich dar­auf beruft, hat nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs dar­zu­le­gen und erfor­der­li­chen­falls zu bewei­sen, dass sich nach den Umstän­den des Fal­les die typi­sche Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on des Kin­des durch die spe­zi­fi­schen Gefah­ren des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs bei einem Unfall nicht rea­li­siert hat.

Das Kind im Stras­sen­ver­kehr

Nach den maß­geb­li­chen Grund­sät­zen des BGH zum Anwen­dungs­be­reich des § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB ist eine teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on der Vor­schrift vor­zu­neh­men, wenn sich kei­ne typi­sche Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on des Kin­des durch die spe­zi­fi­schen Gefah­ren des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs rea­li­siert hat.

Hier­nach hat der BGH die Haf­tungs­frei­stel­lung ver­neint in Fäl­len, in denen Kin­der der pri­vi­le­gier­ten Alters­grup­pe mit einem Kick­board oder Fahr­rad gegen ein ord­nungs­ge­mäß gepark­tes Fahr­zeug gesto­ßen sind und die­ses beschä­digt haben [1].
Dem­ge­gen­über hat der BGH eine typi­sche Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on für einen Min­der­jäh­ri­gen unter zehn Jah­ren in meh­re­ren Fäl­len bejaht:

  • So für einen acht­jäh­ri­gen Jun­gen, der mit dem Fahr­rad gegen einen in einer Stra­ßen­ein­mün­dung anhal­ten­den PKW stieß, wobei die Sicht für ihn durch eine Hecke beein­träch­tigt war [2];
  • bei einem Zusam­men­stoß zwi­schen dem füh­rungs­los rol­len­den Fahr­rad eines acht­jäh­ri­gen Jun­gen und dem Fahr­zeug des Geschä­dig­ten, das in die­sem Augen­blick vor­bei­fuhr [3];
  • zuletzt für das Fah­ren mit dem Fahr­rad gegen die geöff­ne­ten hin­te­ren Türen eines am Stra­ßen­rand ste­hen­den PKW [4].

Aus die­sen Ent­schei­dun­gen des BGH ergibt sich, dass für das Ein­grei­fen des Haf­tungs­pri­vi­legs nicht grund­sätz­lich zwi­schen dem flie­ßen­den und dem ruhen­den Ver­kehr zu unter­schei­den ist, wenn es auch im flie­ßen­den Ver­kehr häu­fi­ger als im soge­nann­ten ruhen­den Ver­kehr ein­grei­fen mag. In beson­ders gela­ger­ten Fäl­len kann sich auch im ruhen­den Ver­kehr eine spe­zi­fi­sche Gefahr des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs ver­wirk­li­chen [5]. Für die Fra­ge, ob der Haf­tungs­aus­schluss nach § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB über­haupt in Betracht kommt, ist maß­ge­bend dar­auf abzu­stel­len, ob eine typi­sche Fall­kon­stel­la­ti­on der Über­for­de­rung des Kin­des durch die Schnel­lig­keit, die Kom­ple­xi­tät und die Unüber­sicht­lich­keit der Abläu­fe im moto­ri­sier­ten Stra­ßen­ver­kehr gege­ben war. Aller­dings kommt es nicht dar­auf an, ob sich die Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on kon­kret aus­ge­wirkt hat oder ob das Kind aus ande­ren Grün­den nicht in der Lage war, sich ver­kehrs­ge­recht zu ver­hal­ten.

Um eine kla­re Grenz­li­nie für die Haf­tung von Kin­dern zu zie­hen, hat der Gesetz­ge­ber die Fall­ge­stal­tun­gen viel­mehr ein­heit­lich in der Wei­se gere­gelt, dass er die Alters­gren­ze der Delikts­fä­hig­keit von Kin­dern für den Bereich des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs gene­rell auf die Voll­endung des 10. Lebens­jah­res her­auf­ge­setzt hat [6].

Im Rah­men des § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB geht das Gesetz im Regel­fall von der feh­len­den Ver­ant­wort­lich­keit des Min­der­jäh­ri­gen unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen aus. § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB ent­hält somit eine Ver­mu­tung für die Delikts­un­fä­hig­keit des Min­der­jäh­ri­gen im Alter zwi­schen sie­ben und zehn Jah­ren im moto­ri­sier­ten Stra­ßen­ver­kehr [7]. Dem­zu­fol­ge haf­ten Min­der­jäh­ri­ge in der Regel vor Voll­endung des 10. Lebens­jah­res nicht bei einem Unfall mit den in § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB genann­ten Fahr­zeu­gen, es sei denn, dass sie vor­sätz­lich gehan­delt haben (§ 828 Abs. 2 Satz 2 BGB). Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die nach dem Geset­zes­wort­laut erfor­der­li­chen tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Ein­grei­fen von § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB liegt nach den all­ge­mei­nen beweis­recht­li­chen Grund­sät­zen beim Schä­di­ger und somit beim Kind [8]. Des­halb trägt der Min­der­jäh­ri­ge die Beweis­last für die Vor­aus­set­zun­gen der gesetz­li­chen Ver­mu­tung sei­ner feh­len­den Delikts­fä­hig­keit nach § 828 Abs. 2 Satz 1 BGB. Er muss dar­le­gen und gege­be­nen­falls bewei­sen, dass er im Zeit­punkt des Unfalls im moto­ri­sier­ten Ver­kehr noch nicht das 10. Lebens­jahr voll­endet hat­te.

Hin­ge­gen han­delt es sich um die Aus­nah­me vom Regel­fall, wenn die nach dem Norm­zweck erfor­der­li­che beson­de­re Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on fehlt und des­halb die Haf­tungs­frei­stel­lung nicht zur Anwen­dung kommt. Der Geschä­dig­te, der sich dar­auf beruft, hat des­halb dar­zu­le­gen und erfor­der­li­chen­falls zu bewei­sen, dass sich nach den Umstän­den des Fal­les die typi­sche Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on des Kin­des durch die spe­zi­fi­schen Gefah­ren des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs bei einem Unfall nicht rea­li­siert hat.

Die­se Beweis­last­ver­tei­lung ist grund­sätz­lich auch inter­es­sen­ge­recht. Ob eine Fall­kon­stel­la­ti­on vor­liegt, in der sich die typi­sche Über­for­de­rungs­si­tua­ti­on des Kin­des durch die spe­zi­fi­schen Gefah­ren des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs nicht rea­li­siert hat, kann nur für den jewei­li­gen Ein­zel­fall bestimmt wer­den. Es wäre aber nicht mit der gesetz­ge­be­ri­schen Inten­ti­on zu ver­ein­ba­ren, die Alters­gren­ze für die Delikts­fä­hig­keit eines Min­der­jäh­ri­gen im moto­ri­sier­ten Ver­kehr gene­rell auf die Voll­endung des zehn­ten Lebens­jah­res her­auf­zu­set­zen, wenn der Min­der­jäh­ri­ge sei­ne eige­ne Über­for­de­rung im Ein­zel­fall bewei­sen müss­te. § 828 Abs. 2 BGB wür­de im Hin­blick auf die Beweis­schwie­rig­kei­ten des Kin­des häu­fig nicht grei­fen, obwohl die Über­for­de­rung des Min­der­jäh­ri­gen nach dem Gesetz bei einem Unfall mit einem Kraft­fahr­zeug grund­sätz­lich ver­mu­tet wird. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ent­fällt die Haf­tungs­frei­stel­lung nicht schon bei einem Unfall im ruhen­den Ver­kehr. In beson­ders gela­ger­ten Fäl­len kann sich auch im ruhen­den Ver­kehr eine spe­zi­fi­sche Gefahr des moto­ri­sier­ten Ver­kehrs ver­wirk­li­chen [9]. Sie kann von einem Kraft­fahr­zeug aus­ge­hen, das im flie­ßen­den Ver­kehr anhält und auf der Fahr­bahn für das Kind ein plötz­li­ches Hin­der­nis bil­det, mit dem es mög­li­cher­wei­se nicht gerech­net hat. Auch in einer sol­chen Fall­kon­stel­la­ti­on kön­nen alters­be­ding­te Defi­zi­te eines Kin­des im moto­ri­sier­ten Stra­ßen­ver­kehr, von denen die Fähig­keit zur rich­ti­gen Ein­schät­zung von Ent­fer­nun­gen und Geschwin­dig­kei­ten nur bei­spiel­haft genannt sind, zum Tra­gen kom­men [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juni 2009 – VI ZR 310/​08

  1. vgl. BGHZ 161, 180; BGH, Urtei­le vom 30. Novem­ber 2004 – VI ZR 365/​03VersR 2005, 380 und vom 21. Dezem­ber 2004 – VI ZR 276/​03VersR 2005, 378[]
  2. BGHZ 172, 83 ff.[]
  3. BGH, Urteil vom 16. Okto­ber 2007 – VI ZR 42/​07VersR 2007, 1669[]
  4. BGH, Beschluss vom 11. März 2008 – VI ZR 75/​07VersR 2008, 701[]
  5. vgl. BGHZ 161, 180, 185 und BGH, Urteil vom 21. Dezem­ber 2004 – VI ZR 276/​03 – aaO jeweils m.w.N.[]
  6. vgl. BGHZ 172, 83, 86; BGH, Urtei­le vom 14. Juni 2005 – VI ZR 181/​04VersR 2005, 1154, 1155, vom 17. April 2007 – VI ZR 109/​06VersR 2007, 855, 856, und vom 16. Okto­ber 2007 – VI ZR 42/​07 – aaO[]
  7. vgl. Bollweg/​Hellmann, Das neue Scha­dens­er­satz­recht, § 828, Rn. 2 ff.[]
  8. vgl. Palandt/​Sprau, BGB 68. Aufl. § 828 Rn. 2; Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 4. Aufl., § 10 Rn. 66; Soergel/​Spickhoff, BGB, 13. Aufl., § 828 Rn. 18; Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, 5. Aufl., § 828 Rn. 12[]
  9. vgl. etwa BGHZ 29, 163, 166 f. und BGH, Urteil vom 25. Okto­ber 1994 – VI ZR 107/​94VersR 1995, 90, 92[]
  10. vgl. grund­le­gend BGHZ 161, 180, 185 m.w.N.[]