Das nach 5 Mona­ten immer noch nicht mit Grün­den ver­se­he­ne Urteil

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung ist der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 547 Nr. 6 ZPO gege­ben und ein bei Ver­kün­dung noch nicht voll­stän­dig abge­fass­tes Urteil "nicht mit Grün­den ver­se­hen", wenn der not­wen­di­ge Inhalt des Urteils nicht bin­nen fünf Mona­ten nach Ver­kün­dung schrift­lich nie­der­ge­legt, von den Rich­tern beson­ders unter­schrie­ben und der Geschäfts­stel­le über­ge­ben wor­den ist 1.

Das nach 5 Mona­ten immer noch nicht mit Grün­den ver­se­he­ne Urteil

Tra­gen­der Gesichts­punkt für die­sen über­grei­fen­den ver­fah­rens­recht­li­chen Grund­satz ist die Erkennt­nis, dass das rich­ter­li­che Erin­ne­rungs­ver­mö­gen abnimmt und nach Ablauf von mehr als fünf Mona­ten nicht mehr gewähr­leis­tet ist, dass der Ein­druck von der münd­li­chen Ver­hand­lung und das Bera­te­ne noch zuver­läs­si­gen Nie­der­schlag in den so viel spä­ter abge­fass­ten Grün­den der Ent­schei­dung fin­den.

Es geht mit­hin um die Ver­mei­dung von Feh­ler­in­ne­run­gen und damit um Grün­de der Rechts­si­cher­heit 2.

Außer­dem ist es ins­be­son­de­re der unter­le­ge­nen und an der Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels inter­es­sier­ten Par­tei nicht zuzu­mu­ten, nach der Ver­kün­dung eines Urteils län­ger als fünf Mona­te zu war­ten, um über eine etwai­ge münd­li­che Urteils­be­grün­dung hin­aus die detail­lier­ten Grün­de zu erfah­ren, die zu ihrem Unter­lie­gen geführt haben 3.

Auf eine Rüge der Par­tei­en haben die Gerich­te des­we­gen bei Über­schrei­tung der Fünf­mo­nats­frist ein Urteil, das wegen der Frist­über­schrei­tung die Beur­kun­dungs­funk­ti­on nicht mehr erfüllt und des­we­gen als "nicht mit Grün­den ver­se­hen" gilt, auf­zu­he­ben 4.

Im hier ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Das Beru­fungs­ur­teil gilt wegen einer sol­chen Frist­über­schrei­tung als nicht mit Grün­den ver­se­hen. Es ist nach dem bei den Gerichts­ak­ten befind­li­chen Ver­kün­dungs­pro­to­koll vom 20.04.2017 an die­sem Tage ver­kün­det wor­den. Es hät­te daher mit den nach § 540 Abs. 1 Satz 1 ZPO not­wen­di­gen Urteils­grün­den spä­tes­tens bin­nen fünf Mona­ten nach der Ver­kün­dung, also bis zum 20.09.2017, schrift­lich nie­der­ge­legt; vom Ein­zel­rich­ter unter­schrie­ben und der Geschäfts­stel­le über­ge­ben sein müs­sen. Die­se Frist ist nicht gewahrt. Aus­weis­lich des Ver­merks der Urkunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le, für des­sen Unrich­tig­keit es kei­ne Anhalts­punk­te gibt 5, ist das Beru­fungs­ur­teil in voll­stän­dig abge­fass­ter Form erst am 7.12 2017 und damit lan­ge nach Ablauf der Fünf­mo­nats­frist zur Geschäfts­stel­le gelangt.

Die ent­spre­chen­de Ver­fah­rens­rüge genüg­te im vor­lie­gen­den Streit­fall auch den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen des § 551 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 b)) ZPO 6: Das Datum der Über­ga­be des voll­stän­dig abge­fass­ten Beru­fungs­ur­teils an die Geschäfts­stel­le ergibt sich aus dem Ver­merk auf der in den Gerichts­ak­ten befind­li­chen beglau­big­ten Urteils­ab­schrift. Hier­auf hat die Revi­si­ons­be­grün­dung (§ 551 Abs. 3 Satz 2 ZPO) aus­rei­chend Bezug genom­men.

Das Beru­fungs­ge­richt wird daher noch­mals in der Sache zu ver­han­deln und zu ent­schei­den haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Janu­ar 2019 – IV ZR 311/​17

  1. BGH, Urteil vom 28.09.2011 – IV ZR 110/​09 6; BGH, Urteil vom 12.04.2016 – II ZR 261/​15; Beschluss vom 21.04.2015 – VI ZR 132/​13, VersR 2015, 1445 Rn. 16; jeweils m.w.N.; grund­le­gend GmSOGB, Beschluss vom 27.04.1993 GmSOGB 1/​92, BVerw­GE 92, 367, 371 ff.[]
  2. BGH, Urteil vom 28.09.2011 aaO; BGH, Urtei­le vom 09.07.2009 – IX ZR 197/​08, NJW-RR 2009, 1712 Rn. 8; vom 19.05.2004 XII ZR 270/​02, NJW-RR 2004, 1439; jeweils m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 28.09.2011 aaO Rn. 7; BGH, Urteil vom 12.04.2016 aaO; GmS­OBG, Beschluss vom 27.04.1993 aaO S. 376[]
  4. BGH, Urteil vom 28.09.2011 aaO; BGH, Urteil vom 19.05.2004 aaO; GmS­OBG, Beschluss vom 27.04.1993 aaO S. 377 18][]
  5. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 12.06.2001 5 StR 228/​01, BeckRS 2001, 5469[]
  6. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 06.02.2014 AnwZ(Brfg) 69/​13 8; sie­he auch BSG, Beschluss vom 06.03.1996 9 RVg 3/​94 12[]