Das "nicht mit Grün­den ver­se­he­ne" Urteil

Nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung ist der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 547 Nr. 6 ZPO gege­ben und ein bei Ver­kün­dung noch nicht voll­stän­dig abge­fass­tes Urteil "nicht mit Grün­den ver­se­hen", wenn der not­wen­di­ge Inhalt des Urteils nicht bin­nen fünf Mona­ten nach Ver­kün­dung schrift­lich nie­der­ge­legt, von den Rich­tern beson­ders unter­schrie­ben und der Geschäfts­stel­le über­ge­ben wor­den ist 1.

Das

Tra­gen­der Gesichts­punkt für die­sen über­grei­fen­den ver­fah­rens­recht­li­chen Grund­satz ist unab­hän­gig davon, ob die jewei­li­gen Ver­fah­rens­ord­nun­gen (wie hier § 548 ZPO) die Fünf­mo­nats­frist als abso­lu­te Frist für die Rechts­mit­tel­ein­le­gung vor­se­hen die Ein­sicht, dass das rich­ter­li­che Erin­ne­rungs­ver­mö­gen abnimmt und nach Ablauf von mehr als fünf Mona­ten nicht mehr gewähr­leis­tet ist, dass der Ein­druck von der münd­li­chen Ver­hand­lung noch zuver­läs­si­gen Nie­der­schlag in den so viel spä­ter abge­fass­ten Grün­den der Ent­schei­dung fin­det. Es geht mit­hin um die Ver­mei­dung von Feh­ler­in­ne­run­gen und damit um Grün­de der Rechts­si­cher­heit.

Schließ­lich ist es ins­be­son­de­re der unter­le­ge­nen und an der Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels inter­es­sier­ten Par­tei nicht zuzu­mu­ten, nach Ver­kün­dung eines Urteils län­ger als fünf Mona­te war­ten zu müs­sen, um über eine etwai­ge münd­li­che Urteils­be­grün­dung hin­aus die detail­lier­ten Grün­de zu erfah­ren, die zu ihrem Unter­lie­gen geführt haben. Auf eine Rüge der Par­tei­en haben die Gerich­te des­we­gen bei Über­schrei­tung der Fünf­mo­nats­frist ein Urteil, das wegen der Frist­über­schrei­tung die Beur­kun­dungs­funk­ti­on nicht mehr erfüllt und des­we­gen als "nicht mit Grün­den ver­se­hen" gilt, auf­zu­he­ben 2.

Das Beru­fungs­ur­teil galt daher in dem hier vom Bun­des­ge­richs­hof ent­schie­de­nen Fall wegen einer sol­chen Frist­über­schrei­tung als "nicht mit Grün­den ver­se­hen". Es wur­de aus­weis­lich des bei den Gerichts­ak­ten befind­li­chen Ver­kün­dungs­pro­to­kolls vom 19.03.2015 an die­sem Tag ver­kün­det und hät­te daher mit den nach § 540 Abs. 1 Satz 1 ZPO not­wen­di­gen Urteils­grün­den bin­nen fünf Mona­ten nach der Ver­kün­dung schrift­lich nie­der­ge­legt, von dem Ein­zel­rich­ter beson­ders unter­schrie­ben und der Geschäfts­stel­le über­ge­ben wer­den müs­sen. Die­se Frist ist nicht gewahrt. Eine mit Grün­den ver­se­he­ne und von dem Ein­zel­rich­ter unter­schrie­be­ne Fas­sung des Beru­fungs­ur­teils ist bis heu­te nicht zur Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts gelangt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. April 2016 – II ZR 261/​15

  1. GmS-OBG, Beschluss vom 27.04.1993 – GmS-OGB 1/​92, NJW 1993, 2603 ff.; BVerfG, NJW 2001, 2162 f.; BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 270/​02, NJW-RR 2004, 1439; Urteil vom 28.09.2011 – IV ZR 110/​09; Urteil vom 27.05.2015 – RiSt ® 1/​14, jew. mwN[]
  2. GmS-OBG, Beschluss vom 27.04.1993 – GmS-OGB 1/​92, NJW 1993, 2603, 2605; BGH, Urteil vom 19.05.2004 – XII ZR 270/​02, NJW-RR 2004, 1439; Urteil vom 28.09.2011 – IV ZR 110/​09 6, 7 mwN[]