Das wegen ver­meint­li­cher Prä­k­lu­si­on nicht berück­sich­tig­te Beweis­an­ge­bot

Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots, die im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze hat, ver­stößt gegen Art. 103 Abs. 1 GG 1.

Das wegen ver­meint­li­cher Prä­k­lu­si­on nicht berück­sich­tig­te Beweis­an­ge­bot

Die­se Gren­ze ist bei Anwen­dung einer Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift wie des § 531 ZPO bereits dann erreicht, wenn sie in offen­kun­dig unrich­ti­ger Wei­se ange­wandt wird 2.

So war es auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall. Die vom Beru­fungs­ge­richt gege­be­ne Begrün­dung, ein recht­zei­ti­ger Beweis­an­tritt im ers­ten Rechts­zug sei ledig­lich auf­grund einer Nach­läs­sig­keit der Klä­ge­rin unter­blie­ben, weil die­se nicht früh­zei­tig das Gespräch mit der Nach­bar­schaft gesucht habe, ist nicht trag­fä­hig.

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs liegt eine Nach­läs­sig­keit im Sin­ne von § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 ZPO nur dann vor, wenn die Par­tei gegen ihre Pro­zess­för­de­rungs­pflicht ver­sto­ßen hat. Die Par­tei­en sind auf­grund die­ser Pflicht zu kon­zen­trier­ter Ver­fah­rens­füh­rung gehal­ten. Ins­be­son­de­re dür­fen sie Vor­brin­gen grund­sätz­lich nicht aus pro­zess­tak­ti­schen Erwä­gun­gen zurück­hal­ten 3. Eine Ver­pflich­tung, tat­säch­li­che Umstän­de, die der Par­tei nicht bekannt sind, erst zu ermit­teln, ist dar­aus jedoch grund­sätz­lich nicht abzu­lei­ten 4; sie kann allen­falls durch beson­de­re Umstän­de begrün­det wer­den 5.

Sol­che Umstän­de hat das Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Sie sind auch nicht ersicht­lich. Die Klä­ge­rin ist ihrer Pro­zess­för­de­rungs­pflicht aus­rei­chend dadurch nach­ge­kom­men, dass sie vor der Kla­ge­er­he­bung ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet und die Ergeb­nis­se der Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten, die genü­gend objek­ti­ve Anhalts­punk­te für eine man­gel­haf­te Beheiz­bar­keit der Räum­lich­kei­ten gebo­ten haben, zur Grund­la­ge ihrer Kla­ge gemacht hat. Wei­te­re, ihr nicht bekann­te Umstän­de, die für eine Arg­list der Beklag­ten spre­chen, muss­te sie nicht ermit­teln.

Der Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG war im hier ent­schie­de­nen Fall auch ent­schei­dungs­er­heb­lich.

Das ver­kauf­te Grund­stück weist einen Sach­man­gel im Sin­ne des § 434 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB auf, weil die Räu­me im Dach­ge­schoss nicht aus­rei­chend beheiz­bar sind. Im Hin­blick dar­auf, dass die Ansprü­che des Käu­fers wegen eines Sach­man­gels aus­ge­schlos­sen sind, kön­nen sie von der Klä­ge­rin gemäß § 444 BGB nur dann mit Erfolg gel­tend gemacht wer­den, wenn die Beklag­ten den Man­gel arg­lis­tig ver­schwie­gen haben. Arg­list liegt vor, wenn der Ver­käu­fer den kon­kre­ten Man­gel kennt oder zumin­dest im Sin­ne eines beding­ten Vor­sat­zes für mög­lich hält und in Kauf nimmt 6. Eine Kennt­nis der Beklag­ten von dem Sach­man­gel läge nahe, wenn sich her­aus­stel­len soll­te, dass ihre Töch­ter ihre Lebens­füh­rung an kal­ten Tagen regel­mä­ßig in das Unter­ge­schoss ver­legt haben. Es spricht dann vie­les dafür, dass sie die Räum­lich­kei­ten im Ober­ge­schoss bei nied­ri­gen Außen­tem­pe­ra­tu­ren als nicht aus­rei­chend beheiz­bar emp­fun­den haben.

Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die von der Klä­ge­rin benann­te Zeu­gin die in ihr Wis­sen gestell­ten Tat­sa­chen bestä­tigt und das Beru­fungs­ge­richt nach einer dann gebo­te­nen erneu­ten tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung sämt­li­cher Umstän­de ein arg­lis­ti­ges Ver­schwei­gen der nicht aus­rei­chen­den Beheiz­bar­keit der Räu­me im Dach­ge­schoss durch die Beklag­ten bejaht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Juni 2016 – V ZR 223/​15

  1. st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 20.03.2014 – V ZR 169/​13 8 mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2005 – V ZR 271/​04, NJW 2005, 2624; BGH, Beschluss vom 15.08.2012 – VIII ZR 256/​11 14; Beschluss vom 30.10.2013 – VII ZR 339/​12, NJW-RR 2014, 85 Rn. 8; vgl. BVerfG, NJW 2000, 945, 946[]
  3. BGH, Beschluss vom 10.06.2010 – Xa ZR 110/​09, NJW-RR 2011, 211 Rn. 28 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 19.06.2008 – V ZR 190/​07 10; BGH, Beschluss vom 17.12 2009 – III ZR 61/​08 13 mwN; Beschluss vom 10.06.2010 – Xa ZR 110/​09, NJW-RR 2011, 211 Rn. 28; Beschluss vom 30.10.2013 – VII ZR 339/​12, NJW-RR 2014, 85 Rn. 9[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 10.06.2010 – Xa ZR 110/​09, aaO Rn. 28[]
  6. BGH, Urteil vom 19.02.2016 – V ZR 216/​14, DWW 2016, 143 Rn. 16; Urteil vom 16.03.2012 – V ZR 18/​11, NJW-RR 2012, 1078 Rn. 24; Urteil vom 07.03.2003 – V ZR 437/​01, ZfIR 2003, 769, 771[]