Das Räu­mungs­ur­teil und der Durch­bruch zum Nach­bar­haus

Ein Voll­stre­ckungs­ti­tel, durch den der Schuld­ner zur Räu­mung eines Hau­ses ver­ur­teilt wor­den ist, bei dem ein Raum auf­grund eines Durch­bruchs einen Teil des Nach­bar­hau­ses mit­um­fasst, ist nicht unbe­stimmt, wenn der Gerichts­voll­zie­her mit all­ge­mein zugäng­li­chen Hilfs­mit­teln (etwa Bau­plä­nen) und unter Her­an­zie­hung von sach­kun­di­gen Hilfs­per­so­nen klä­ren kann, was zu dem zu räu­men­den Haus gehört. Der Schuld­ner kann im Ver­fah­ren der Voll­stre­ckungs­er­in­ne­rung nach § 766 ZPO nicht den Ein­wand erhe­ben, ein Titel zur Räu­mung eines Hau­ses sei eine Ver­ur­tei­lung zu einer nach Art. 13 GG unzu­läs­si­gen Teil­räu­mung der Woh­nung.

Das Räu­mungs­ur­teil und der Durch­bruch zum Nach­bar­haus

Aller­dings kann mit der Erin­ne­rung nach § 766 ZPO gel­tend gemacht wer­den, der Tenor eines Voll­stre­ckungs­ti­tels sei der­art unbe­stimmt, dass er kei­nen voll­streck­ba­ren Inhalt habe [1]. Ein Titel, des­sen Inhalt auch durch Aus­le­gung vom Voll­stre­ckungs­or­gan nicht ermit­telt wer­den kann, kann nicht Grund­la­ge von Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men sein [2]. In einem sol­chen Fall muss der Gläu­bi­ger die Reich­wei­te des Titels durch eine Fest­stel­lungs­kla­ge klä­ren [3].

Der vor­lie­gen­de Voll­stre­ckungs­ti­tel ist hin­rei­chend bestimmt. Die Schuld­ner sind ver­ur­teilt wor­den, das Ein­fa­mi­li­en­haus U.Stra­ße 6 in Bad B. ein­schließ­lich Gara­ge, Kel­ler und Gar­ten zu räu­men und an den Gläu­bi­ger her­aus­zu­ge­ben. Soweit sich Unklar­hei­ten erge­ben, wel­che Tei­le der Räum­lich­kei­ten und Bau­tei­le zu dem zu räu­men­den Grund­stück U.Straße 6 gehö­ren, muss der Gerichts­voll­zie­her als Voll­stre­ckungs­or­gan klä­ren, wel­che Gebäu­de­tei­le dem Haus­grund­stück zuzu­ord­nen sind. Soll­te dies anhand der Ört­lich­kei­ten nicht ohne wei­te­res mög­lich sein, muss der Gerichts­voll­zie­her sich mit all­ge­mein zugäng­li­chen Hilfs­mit­teln etwa Bau­plä­nen ver­ge­wis­sern, wel­che Räum­lich­kei­ten und Flä­chen zum Gebäu­de U.Straße 6 gehö­ren. Kann der Gerichts­voll­zie­her ohne sach­kun­di­ge Unter­stüt­zung die Fra­ge nicht klä­ren, muss er, wie sonst auch bei der Räu­mung selbst, Hilfs­per­so­nen hin­zu­zie­hen. Anhalts­punk­te dafür, dass es dem Voll­stre­ckungs­or­gan danach nicht mög­lich ist, den Umfang des zu räu­men­den Hau­ses genau zu bestim­men, bestehen nicht. Auch die nach dem Vor­trag der Schuld­ner bestehen­de gemein­sa­me Strom­ver­sor­gung der Häu­ser macht den Voll­stre­ckungs­ti­tel nicht unbe­stimmt.

Mit der Ein­wei­sung des Gläu­bi­gers in den Besitz am Haus U.Straße 6 ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch kei­ne unzu­läs­si­ge Ein­räu­mung von Mit­be­sitz am Haus U.Straße 4 ver­bun­den. Die Ein­wei­sung in den Besitz des Hau­ses U.Straße 6 ist auf die zu die­sem Gebäu­de gehö­ren­den Räu­me und Flä­chen beschränkt, deren genaue Zuord­nung die Gerichts­voll­zie­he­rin zu klä­ren hat. Dass eine der­ar­ti­ge Beschrän­kung recht­lich und tat­säch­lich mög­lich ist, zeigt die Vor­schrift des § 865 BGB über den Teil­be­sitz.

Die Rechts­be­schwer­de rügt ohne Erfolg, eine Zwangs­räu­mung des Hau­ses U.Straße 6 sei mit Art. 13 GG unver­ein­bar. Durch die­ses Grund­recht wer­de der ange­mie­te­te Wohn­raum als Pri­vat­sphä­re vor dem Ein­griff Drit­ter, auch des Eigen­tü­mers, geschützt. Der Schutz des Mie­ters an den Miet­räu­men als Ort sei­nes Lebens­mit­tel­punkts gin­ge ins Lee­re, wenn er einen räum­lich nicht abge­trenn­ten Teil wei­ter nut­zen dür­fe, den übri­gen Teil aber her­aus­ge­ben müs­se.

Mit die­sem Angriff ist die Rechts­be­schwer­de im Ver­fah­ren der Erin­ne­rung nach § 766 ZPO aus­ge­schlos­sen. Mit der Erin­ne­rung kön­nen nur Anträ­ge, Ein­wen­dun­gen und Erin­ne­run­gen gel­tend gemacht wer­den, die die Art und Wei­se der Zwangs­voll­stre­ckung oder das bei ihr vom Gerichts­voll­zie­her zu beob­ach­ten­de Ver­fah­ren betref­fen. Dage­gen kön­nen mit der Erin­ne­rung kei­ne mate­ri­ell­recht­li­chen Ein­wen­dun­gen gegen den durch den Voll­stre­ckungs­ti­tel rechts­kräf­tig zuer­kann­ten Anspruch gel­tend gemacht wer­den [4]. Die Voll­stre­ckungs­or­ga­ne sind wegen der Tren­nung von Erkennt­nisund Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren nicht befugt, den Voll­stre­ckungs­ti­tel einer mate­ri­ell­recht­li­chen Über­prü­fung zu unter­zie­hen [5]. Die Prü­fung, ob dem Gläu­bi­ger als Ver­mie­ter ein Räu­mungs­an­spruch beschränkt auf das Haus U.Straße 6 zusteht oder der Räu­mungs­an­spruch nur ein­heit­lich für den gesam­ten, auch das Erd­ge­schoss des Hau­ses U.Straße 4 umfas­sen­den Miet­ge­gen­stand gel­tend gemacht wer­den kann, setzt eine umfas­sen­de mate­ri­ell­recht­li­che Wür­di­gung vor­aus, die nicht von den Voll­stre­ckungs­or­ga­nen vor­zu­neh­men ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. April 2013 – I ZB 61/​12

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 04.12.2008 – I ZB 120/​05, NJW-RR 2009, 445 Rn. 9; OLG Frank­furt, OLGR 1998, 132, 134; LAG Köln, Urteil vom 26.03.2004 – 4 Sa 1393/​03; Wieczorek/​Schütze/​Salzmann, ZPO, 3. Aufl., § 766 Rn. 43; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 766 Rn. 15[]
  2. vgl. OLG Hamm, MDR 1983, 849[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 25.09.1972 – VIII ZR 81/​71, NJW 1972, 2268[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 07.05.2009 – V ZB 180/​08, Jur­Bü­ro 2009, 442 Rn. 8; BGH, NJW-RR 2010, 281 Rn. 13[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.11.1993 – IX ZR 244/​92, NJW 1994, 460, 461; vgl. auch BGH, Beschluss vom 16.04.2009 – VII ZB 62/​08, NJW 2009, 1887 Rn. 14[]