Das fal­sche Rechts­mit­tel – und die Wie­der­ein­set­zung

Es gehört zu den nicht auf sein Büro­per­so­nal über­trag­ba­ren Auf­ga­ben eines Rechts­an­walts, Art und Umfang des gegen eine gericht­li­che Ent­schei­dung ein­zu­le­gen­den Rechts­mit­tels zu bestim­men. Zugleich ist es sei­ne eben­falls nicht auf sein Büro­per­so­nal abwälz­ba­re Auf­ga­be, alle gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Zuläs­sig­keit des danach bestimm­ten Rechts­mit­tels in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu prü­fen und dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die­ses Rechts­mit­tel inner­halb der jeweils gege­be­nen Rechts­mit­tel­frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht.

Das fal­sche Rechts­mit­tel – und die Wie­der­ein­set­zung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te erst­in­stanz­lich das Amts­ge­richt einer Räu­mungs­kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Land­ge­richt hat die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung der Mie­ter durch Beschluss zurück­ge­wie­sen. Eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung ent­hielt die­ser Beschluss nur hin­sicht­lich der Fest­set­zung des Streit­werts.

In der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Mie­ter war eine Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te neben der selb­stän­di­gen Fris­ten­kon­trol­le mit der Prü­fung und Notie­rung von Rechts­mit­teln ein­schließ­lich der dafür gel­ten­den Fris­ten sowie der Vor­be­rei­tung der jewei­li­gen frist­wah­ren­den Schrift­sät­ze betraut. Die­se ging davon aus, dass ange­sichts des vom Beru­fungs­ge­richt im Beschluss vom 21.09.2015 fest­ge­setz­ten Streit­werts von 14.500 € die für eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de erfor­der­li­che Beschwer von 20.000 € (§ 26 Nr. 8 EGZPO) nicht erreicht sei und nur eine Anhö­rungs­rü­ge in Betracht kom­me. Dies teil­te sie dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Mie­ter so mit, der die­se Sicht­wei­se über­nahm und dar­auf­hin eine Anhö­rungs­rü­ge bei dem Beru­fungs­ge­richt erhob.

Das Beru­fungs­ge­richt hat die Rüge unter Hin­weis dar­auf als unzu­läs­sig ver­wor­fen, dass die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gemäß § 522 Abs. 3, § 544 Abs. 1 ZPO, § 26 Nr. 8 EGZPO eröff­net und die Anhö­rungs­rü­ge des­halb gemäß § 321a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO unstatt­haft sei. Denn die nach dem drei­ein­halb­fa­chen Wert des ein­jäh­ri­gen Miet­be­zugs zu bemes­sen­de Beschwer der Mie­ter über­schrei­te ange­sichts einer monat­li­chen Brut­to­kalt­mie­te von 1.000 € die Wert­gren­ze des § 26 Nr. 8 EGZPO. Dar­auf­hin haben die Mie­ter bei dem Bun­des­ge­richts­hof Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt sowie Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Fris­ten zur Ein­le­gung und Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de bean­tragt und die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de in der Fol­ge begrün­det.

Das Wie­der­ein­set­zungs­ge­such hat­te beim Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Erfolg:

Die Mie­ter waren nicht, wie von § 233 Satz 1 ZPO vor­aus­ge­setzt, ohne ihr Ver­schul­den gehin­dert, die Fris­ten zur Ein­le­gung und Begrün­dung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­zu­hal­ten. Das Frist­ver­säum­nis beruht auf einem den Mie­ter gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­den Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, der bei der ihm oblie­gen­den Prü­fung des gegen den ange­foch­te­nen Beschluss gege­be­nen Rechts­mit­tels die Statt­haf­tig­keits­vor­aus­set­zun­gen der in Betracht zu zie­hen­den Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ver­kannt hat. Dadurch hat er die recht­zei­ti­ge Ein­le­gung und Begrün­dung der nur inner­halb der Fris­ten des § 544 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 Satz 1 ZPO mög­li­chen Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ver­säumt, so dass mit der Zurück­wei­sung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs zugleich die­ser Rechts­be­helf als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen ist (§ 552 Abs. 1 Satz 2 ZPO).

Die Mie­ter haben, ohne dass es auf den von ihnen in den Vor­der­grund gerück­ten Irr­tum der Kanz­lei­mit­ar­bei­te­rin ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten über die Statt­haf­tig­keit der in Rede ste­hen­den Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ankommt, die Ver­säu­mung der Fris­ten zur Ein­le­gung und Begrün­dung die­ses Rechts­be­helfs schon des­halb in einer die Wie­der­ein­set­zung gemäß § 233 Satz 1 ZPO aus­schlie­ßen­den Wei­se zu ver­tre­ten, weil die Frist­ver­säu­mung ent­schei­dend auf einem schuld­haf­ten Rechts­irr­tum ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten beruht. Die­ser hat mit der Anhö­rungs­rü­ge den fal­schen Rechts­be­helf ergrif­fen, nach­dem er bereits die Bestim­mung des in Betracht kom­men­den Rechts­be­helfs in ohne­hin nicht zuläs­si­ger Wei­se auf sei­ne Kanz­lei­mit­ar­bei­te­rin dele­giert hat­te.

Es gehört zu den nicht auf sein Büro­per­so­nal über­trag­ba­ren Auf­ga­ben eines Rechts­an­walts, Art und Umfang des gegen eine gericht­li­che Ent­schei­dung ein­zu­le­gen­den Rechts­mit­tels zu bestim­men 1. Zugleich ist es sei­ne eben­falls nicht auf das Büro­per­so­nal abwälz­ba­re Auf­ga­be, alle gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an die Zuläs­sig­keit des danach bestimm­ten Rechts­mit­tels in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu prü­fen und dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die­ses Rechts­mit­tel inner­halb der jeweils gege­be­nen Rechts­mit­tel­frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht 2. Dem ist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Mie­ter nicht gerecht gewor­den.

Er hät­te im Streit­fall spä­tes­tens zu dem Zeit­punkt, als ihm sei­ne Kanz­lei­mit­ar­bei­te­rin die Akten zur Bear­bei­tung der aus ihrer Sicht ein­zu­le­gen­den Anhö­rungs­rü­ge vor­ge­legt hat, die Art des gegen die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung ein­zu­le­gen­den Rechts­be­helfs eigen­ver­ant­wort­lich auf Rich­tig­keit und Zweck­mä­ßig­keit über­prü­fen müs­sen 3. Bei die­ser Über­prü­fung hät­te ihm ange­sichts des vom Beru­fungs­ge­richt nach dem Jah­res­wert der Mie­te auf 14.514, 84 € fest­ge­setz­ten Streit­werts nicht ent­ge­hen dür­fen, dass die durch den Räu­mungs­aus­spruch beding­te Beschwer den gemäß § 26 Nr. 8 EGZPO zur Statt­haf­tig­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de erfor­der­li­chen Wert von mehr als 20.000 € weit über­steigt. Ins­be­son­de­re hät­te ihm die dazu seit lan­gem bestehen­de Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bekannt sein müs­sen, wonach sich bei dem Streit über das Bestehen eines Miet­ver­hält­nis­ses, des­sen Dau­er – wie hier – unbe­stimmt ist, der Beschwer­de­wert nicht nach dem gemäß § 41 Abs. 2 GKG auf das Jah­res­ent­gelt begrenz­ten Gebüh­ren­streit­wert, son­dern gemäß §§ 8, 9 ZPO nach dem drei­ein­halb­fa­chen Jah­res­be­trag der Net­to­mie­te bemisst 4.

Hät­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Mie­ter dies berück­sich­tigt, hät­te er die rechts­ir­ri­ge Ansicht sei­ner Kanz­lei­mit­ar­bei­te­rin nicht über­neh­men dür­fen, ein Rechts­be­helf gegen den ange­foch­te­nen Beschluss sei nicht gege­ben, und dem­entspre­chend auch nicht die gemäß § 321a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO unzu­läs­si­ge Anhö­rungs­rü­ge bei dem Beru­fungs­ge­richt ein­le­gen dür­fen. Er hät­te viel­mehr die recht­zei­ti­ge Beauf­tra­gung eines bei dem Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­se­nen Rechts­an­walts zur Ein­le­gung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ver­an­las­sen müs­sen, um unter Wah­rung der in § 544 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 Satz 1 ZPO gere­gel­ten Fris­ten auf die­se Wei­se das ange­foch­te­ne Urteil unter ande­rem wegen der ver­meint­li­chen Gehörs­ver­let­zun­gen zur revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung zu stel­len 5.

Ein Ver­schul­den der Mie­ter ist auch nicht ent­spre­chend der in § 233 Satz 2 ZPO auf­ge­stell­ten Ver­mu­tung aus­ge­schlos­sen, weil eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung über die im Streit­fall gege­be­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de unter­blie­ben ist. Denn die­ser hat es gemäß § 232 Satz 2 Alt. 1, § 78 Abs. 1 Satz 1 ZPO nicht bedurft, da es sich bei dem Beru­fungs­ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt um einen Anwalts­pro­zess gehan­delt hat, für den der Gesetz­ge­ber eine Beleh­rung durch das Gericht als nicht erfor­der­lich erach­tet hat 6 und in dem eine anwalt­li­che Bera­tung auch hier nach der Ver­fah­rens­si­tua­ti­on sicher­ge­stellt war 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Mai 2016 – VIII ZR 19/​16

  1. BGH, Urteil vom 24.06.1992 – VIII ZR 203/​91, NJW 1992, 2413 unter – I 2 c, inso­weit in BGHZ 119, 35 nicht abge­druckt[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 17.03.2004 – IV ZB 41/​03, NJW-RR 2004, 1150 unter II; vom 05.06.2013 – XII ZB 47/​10, NJW-RR 2013, 1393 Rn. 9; vom 22.07.2015 – XII ZB 583/​14, WM 2016, 142 Rn. 12[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.03.2004 – IV ZB 41/​03, aaO; vom 02.11.2011 – XII ZB 317/​11, NJW-RR 2012, 293 Rn. 11; vom 05.06.2013 – XII ZB 47/​10, aaO Rn. 11; vom 13.01.2015 – VI ZB 46/​14, NJW-RR 2015, 441 Rn. 8; vom 22.07.2015 – XII ZB 583/​14, aaO[]
  4. zuletzt BGH, Beschlüs­se vom 23.03.2016 – VIII ZR 26/​16 7; vom 03.11.2015 – VIII ZR 108/​15, WuM 2016, 43 Rn. 2; vom 16.09.2015 – VIII ZR 135/​15, WuM 2015, 681 Rn. 3; BGH, Urteil vom 15.04.2015 – VIII ZR 281/​13, NZM 2015, 536 Rn. 31; jeweils mwN[]
  5. vgl. BT-Drs. 15/​3705, S. 15; fer­ner etwa BVerfG, NJW 2007, 3418 Rn. 26[]
  6. BT-Drs. 17/​10490, S. 12[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 28.01.2016 – V ZB 131/​15 6 f.[]